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Filmempfehlung: «Halt auf freier Strecke»
Meldungsdatum: 30.01.2012

HALT AUF FREIER STRECKE
Seit kurzem läuft «Halt auf freier Stecke» von Andreas Dresen in den Zürcher Kinos. Der Film zeigt die Leidensgeschichte eines schwer Kranken sehr authentisch – und leidet dabei etwas der Vermischung von Dokumentar- und Spielfilm.

Frank und seine Frau Simone sitzen im Sprechzimmer des Neurologen und sehen sich das Röntgenbild von Franks Schädel an. Darauf ist deutlich ein Tumor im Hirn zu sehen. Ziemlich genau in der Mitte. Dort, wo man einen Tumor nicht herausoperieren kann, weil es zu gefährlich wäre. Der Neurologe erklärt, was man machen könnte, wenn... – und schickt hinterher: «Das geht in Ihrem Fall leider nicht.» Bestrahlt soll der Tumor trotzdem werden. Aber das ändert an der Situation nicht sehr viel: Frank wird wohl noch einige Monate zu leben haben. Er schluckt leer, blickt den Arzt erwartungsvoll an, als rechne er damit, dass dieser gleich sagen würde: «Aber ich habe ein Wundermittel, das Sie wieder gesund machen wird!» Simone weint geräuschlos. Sie denkt an die Kinder. «Sagt man denen sowas?», will sie vom Arzt wissen. «Ja, das sagt man.» «Was sagt man denn da?» «Wie es ist.»

Noch bevor der eigentliche Film beginnt, ist diese rund achtminütige Szene zu sehen, wie sie realer wohl kaum sein könnte. Dass der Arzt kein Schauspieler ist, sondern hier das tut, was er in seinem Beruf manchmal tun muss, wird schnell deutlich. Das medizinische Personal in «Halt auf freier Strecke» ist «echt» und wird nicht von Schauspielern, sondern von Berufsleuten verkörpert. Die Hauptpersonen allerdings sind keine wirklich Betroffenen, sondern professionelle Schauspieler. Die Hilflosigkeit auf beiden Seiten, die Unmöglichkeit, eine solche Diagnose angemessen mitzuteilen oder entgegenzunehmen, der Gedanke an den baldigen Tod dieses Mannes, der mitten im Leben steht, an die Kinder, die ihren Vater verlieren werden... All das bringt diese kurze Szene so ungeschminkt und deutlich auf den Punkt, dass man sich kaum zu wehren weiss. Dieser Einstieg berührt. Er macht traurig und wütend und irgendwie hoffnungslos.

Ein gewöhnliches Drama über einen gewöhnlichen Menschen

Nach dieser Diagnose zeigt der Filmemacher Andreas Dresen den Alltag eines 40-jährigen Vaters, der mit dem Gedanken an den nahenden Tod lebt. Er zeigt den Schock, die Hoffnung, die Verzweiflung und auch die Symptome des Tumors, die Franks Leben plötzlich empfindlich stören. Und er zeigt dies in sehr realer Sprache. Hier geht es nicht um grosse Geschichten und grosse Heldentaten eines aussergewöhnlichen Sterbenden, sondern um die alltäglichen Handlungen und Probleme, die sich dem sterbenskranken Durchschnittsbürger Frank stellen.

Dieser Naturalismus tut im Kino irgendwie gut und hat in dieser Form gar etwas Erfrischendes, denn kaum ein Film wagte es bisher, die letzte Lebensphase eines Kranken so zu zeigen. Dennoch fehlen diesem Film zwischen Dokumentation und Fiktion zwei wesentliche Dinge: Einerseits verpasst er es, den Weg aus der Nähe zu zeigen, den die Familienangehörigen gehen. Wie sie sich mit der Situation zurecht finden, welche Ängste sie plagen, welche Fragen sie beschäftigen und wie sie es schaffen, den schleichenden Verlust eines geliebten Menschen hinzunehmen, bleibt dem Zuschauer verborgen. Zwar macht der Film immer wieder Anspielungen in diese Richtung, doch bleibt es dabei. Andererseits wird nicht klar, wie sich Frank und seine Familie gemeinsam mit der Situation auseinander setzen. Sie reden nie darüber. Das Wort «Gehirntumor» nimmt einzig Frank ein- oder zweimal in den Mund, die anderen vermeiden es tunlichst. Natürlich mag dies Absicht sein und durchaus seine Entsprechung in der Realität haben. Doch genau diese Auseinandersetzung zu zeigen wäre spannend gewesen, in einem solchen Film, der die Qualitäten des Dokumentar- und des Spielfilms zu vereinen sucht.

Der Dokumentarfilm, der ein Spielfilm ist

Wirklich eindrücklich sind die schauspielerischen Leistungen der Hauptpersonen. Sowohl Milan Peschel (Frank), als auch Steffi Kühnert (Simone) überzeugen von A bis Z. Sie spielen dieses Drama bemerkenswert undramatisch. Und wirken dadurch authentisch. Peschel macht schon bald nach der Diagnose einen wirklich kranken Eindruck, obwohl er während der Dreharbeiten weder abgenommen, noch andere grössere Veränderungen durchgemacht hat. Die lange und intensive Vorbereitungszeit für diesen Film mag solches ermöglicht haben. Das Produktionsteam entwickelte die Figuren und die Szenen gemeinsam auf der Grundlage von monatelanger, intensiver Recherche. Ein Drehbuch gab es nicht und die Dialoge entstanden grösstenteils aus Improvisationen mit den entwickelten Figuren.

Ein Hauptproblem hat der Film derweil: Er wirkt wie ein Dokumentarfilm, ist aber keiner. Dieses Zwischending scheint ihm etwas die Kraft zu nehmen. Vielleicht hätte eine klassisch erzählte, dichte Geschichte insgesamt doch mehr berührt. «Halt auf freier Strecke» ist ein eindrückliches Projekt, das sicher eine wichtige Funktion erfüllt, wenn es darum geht, für die Themen Krankheit und Sterben zu sensibilisieren. Auch wenn der Film trotz grosser medialer Aufmerksamkeit und guter Presse in den Kinos schlechter angelaufen ist als erwartet.