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Medienschau April und Mai 2017

Meldungsdatum: 08.06.2017
Die Medienschau von palliative zh+sh gibt Einblick in die Berichterstattung zu Palliative Care und verwandten Themen der vergangenen zwei Monate. (Bild: palliative zh+sh)
«Der Tod kommt nicht mehr einfach, er muss geplant, beschlossen, durchgeführt werden.» Roland Kunz und Heinz Rüegger schreiben in einem Gastkommentar in der NZZ über ein «neues kulturelles Paradigma des Sterbens». Die Fachmänner stellen fest, dass wir heute den Tod meist «in die eigenen Hände nehmen» müssen – auch wenn wir keinen Suizid begehen wollen. Denn die meisten von uns müssten sich irgendwann bewusst entscheiden, ob wir noch eine Therapie in Anspruch nehmen oder eine Behandlung abbrechen wollen. Diese Situation sei für uns Menschen relativ neu. «Es wäre an der Zeit, über diese neue Situation mit den sich daraus ergebenden Konsequenzen in der Fachwelt des Gesundheitswesens wie in einer breiteren Öffentlichkeit ernsthaft zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen, wie Betroffene, Angehörige und Professionelle angemessen mit dem neuen Paradigma selbstbestimmten Sterbens umgehen können. Dieser Diskurs findet weitgehend nicht statt.» Kunz und Rüegger schreiben, Palliative Care sei «eine Hilfe zu selbstbestimmtem Sterben» und fordern, dass die Aus- und Fortbildung des ärztlichen Personals an «einer offenen, rücksichtsvollen Gesprächskultur über das Sterben» arbeiten soll.

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Dass den meisten Todesfällen eine bewusste Entscheidung am Lebensende vorausgeht, zeigte auch die Studie «Entscheidungen am Lebensende: Häufigkeit und Trends in der Schweiz», die im Rahmen des NFP 67 durchgeführt wurde. Die Schweizerische Ärztezeitung führte ein Interview mit der Ärztin und Bioethikerin Samia Hurst, die am Projekt beteiligt war. Sie sagt, die Situation am Lebensende sei ein «in Medizin und Gesellschaft kontrovers diskutiertes Thema». «Da ist es wichtig, dass die Argumente auf Fakten gründen.» Einer dieser Fakten, die sich in der Studie zeigte: Urteilsfähige Patientinnen und Patienten werden immer weniger in Entscheidungen, die sie selbst betreffen, einbezogen. Dieses Ergebnis sieht Hurst als problematisch. Solche Entscheidungen sollten sich nach den Prioritäten der Patientinnen und Patienten richten. Hurst findet ausserdem, Ärztinnen und Ärzte müssten «in der Lage sein, mit angemessenen Massnahmen zu reagieren, sollte ein Patient ihm gegenüber den Wunsch nach Suizidhilfe äussern.»

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Entscheidungen am Lebensende sind nicht leicht zu treffen. In verschiedenen Spitälern und anderen Institutionen gibt es darum Ethik-Foren und ähnliche Gefässe. Die Luzerner Zeitung hat sich mit Brigitte Amrein und Gregor Schubiger getroffen, die das Ethik-Forum am Spital Luzern (Luks) leiten. Das Forum besteht aus 20 Personen aus verschiedenen Disziplinen. Weiss ein Behandlungsteam nicht wie weiter, kann das Ethik-Forum für eine Fallbesprechung einberufen werden. Das Ziel: «Am Schluss soll eine Lösung gefunden werden, hinter der das ganze Behandlungsteam stehen kann.» Dabei haben die Patientinnen und Patienten stets das Recht, alle Behandlungsvorschläge abzulehnen. Die Zahl der Fallbesprechungen am Luks steige stetig. Amrein vermutet, dass der Nutzen dieser Besprechungen erkannt werde und zu einer Entlastung führe. «Viele Personen, die einmal vom Forum Gebrauch gemacht haben, kommen wieder», sagt Schubiger. Das nützt auch den Betroffenen. «Den Patienten und Angehörigen gibt es ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen, wenn sie wissen, dass die Behandlungsmethode sorgfältig diskutiert und abgewogen wurde.»

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Auch in Deutschland beschäftigt das Thema Entscheidungen am Lebensende derzeit die Öffentlichkeit. Im Zuge eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts wurde in deutschen Medien viel publiziert zu möglichen Konsequenzen. Das Gericht hatte beschlossen, dass das «Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte» in «Extremfällen» ausnahmsweise Betäubungsmittel zur Selbsttötung abgeben müsse, wenn schwer und unheilbar Kranke «wegen ihrer unerträglichen Leidenssituation frei und ernsthaft entschieden haben, ihr Leben beenden zu wollen, und ihnen keine zumutbare Alternative – etwa durch einen palliativmedizinisch begleiteten Behandlungsabbruch – zur Verfügung steht». Ein ausführlicher Beitrag von Palliativmediziner Stephan Sahm erschien in der Frankfurter Allgemeinen FAZ. Er fragt: «Was ist ein selbstbestimmter Tod wert, der amtlich genehmigt werden muss?» Und er konstatiert vor allem: «Dieses Urteil wirft aber nicht nur jede Menge Fragen auf; es verdeutlicht exemplarisch auch den noch immer verbreiteten Mangel an Einsicht und Verständnis für die Handlungsweisen der Medizin am Lebensende, ihre Behandlungspflichten und ethischen Grenzen. Es missachtet den Wert von Palliativmedizin.» Sahm schildert am Beispiel einer Patientin eindrücklich, wie sich palliative Behandlungsteams auf allen Ebenen bemühen, Schwerkranken eine gute Lebensqualität zu ermöglichen – und damit gleichzeitig Suizide zu verhindern.

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Eine fehlende Sterbekultur beklagt Sabine Hager in einem Interview mit der «schaffhauser az». Die freischaffende Therapeutin und Vorstandsmitglied von palliative-schaffhausen.ch begleitet Schwerkranke als Freiwillige und arbeitete lange in der Pflege. Sie sagt, als Pflegeperson sei man immer wieder am Anschlag, weil gespart werde und Personal fehle. «Die Pflege der Sterbenden, etwa das Waschen der Patienten, ist zwar vorgesehen, das ‚Da sein‘ aber nicht. Das muss heute von Freiwilligen übernommen werden, wenn es keine Angehörigen gibt, die dies übernehmen können.» Sie sagt aber auch: «Eine Ausbildung im Pflegebereich qualifiziert nicht automatisch zu einer guten Sterbebegleitung.» Denn wer jahrelang in der Pflege gearbeitet habe, sei sich üblicherweise gewohnt, aktiv zu sein und zu handeln. «Im palliativen Bereich geht es aber oft mehr darum, da zu sein und Zeit zu schenken. Man muss herausfinden, was die sterbende Person und die Angehörigen brauchen – und was nicht.».

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«Nur da zu sein, ist viel wert», sagt auch André Fringer. Der St. Galler Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften FHS forscht seit Jahren über das Sterben. Im St. Galler Tagblatt äussert er sich unter anderem zur Kommunikation am Lebensende. «Wir meinen als Angehörige und auch als Pflegende oft, wir dürften nicht sprachlos sein. Wir verfallen in Aktionismus und neigen dazu, schnell eine Patentlösung anzubieten.» Das sei aber fehl am Platz. Es könne ratsamer zu sein, seine Sprachlosigkeit zuzugeben oder auch einfach zu schweigen. Fringer erforscht zurzeit, wie letzte Momente in einem Leben jene Menschen prägen, die zurückbleiben. Dieser Aspekt sei wichtig, aber noch wenig beleuchtet, meint Fringer. Dabei komme es auf das «Bewusstsein für die Bedeutung und Tragweite der letzten Momente» an. «Darauf, wie man seine Liebsten zurücklässt. Dieses Vermächtnis hat eine hohe soziale Komponente.»

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Auch Thomas Montag vom Zentrum für Palliativmedizin an der Uniklinik Köln ist überzeugt: «Das Sterben eines Menschen bleibt als wichtige Erinnerung zurück bei denen, die weiterleben.» Was immer in den letzten Stunden geschehe, könne viele Wunden heilen, aber auch in unerträglicher Erinnerung bleiben, sagte er laut der deutschen Ärztezeitung am Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. «Die Einschätzung, ob es sich um die Sterbephase handelt, sollte durch ein multidisziplinäres Team erfolgen», heisst es im Online-Artikel der Ärztezeitung. Montag sagt, die intuitive Einschätzung der an der Behandlung Beteiligten sei entscheidend. Man solle sich in solchen Situationen die Frage stellen: Wäre es eine Überraschung, wenn der Patient sterben würde? Und Montag betont: «Der medizinische Lärm sollte reduziert werden.»

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Von den letzten Momenten handelt auch ein Artikel im Tagblatt der Stadt Zürich, der die Palliativärztin des neuen Pallivita Bethanien Katja Fischer porträtiert. Fischer sagt, der beste Ort für die Behandlung von schwer kranken und sterbenden Menschen sei nicht das Spital. Hospize böten Leidenden Linderung und ein letztes Zuhause. «Mein Ziel ist es, den Patienten in einen Zustand zu bringen, in dem er sagen kann: Ich fühle mich wohl.» An erster Stelle stehe das physische und psychische Wohlbefinden. «Was wünscht er sich? Welche Massnahme entspricht ihm? Welche Art der Therapie kann er sich vorstellen?» Dabei werde am Pallivita interdisziplinär mit Ärzten, Pflegenden, Psychologen oder Seelsorgern gearbeitet.

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Heike Gudat wirkt seit 17 Jahren als leitende Ärztin im «Hospiz im Park» in Arlesheim BL. Im Magazin des Sonntags-Blicks spricht sie im Interview über ihre Arbeit und über ihre NFP-Studie, in der sie Sterbewünschen von unheilbar kranken Menschen auf den Grund ging. Gudat berichtet, dass existenzielle Fragen bei Patientinnen und Patienten im Hospiz immer wieder zum Thema werden. Zum Beispiel: Was ist, wenn ich nicht mehr hier bin? Durch ihre Studien habe sie gelernt, dass die Sterbenden sich viele Antworten selber geben könnten, sagt Gudat. «Man muss sie nur fragen und sich fürs Zuhören Zeit nehmen. Wir müssen versuchen, ihre Geschichten zu verstehen.» Durch das Erzählen füge sich alles wieder mehr zusammen, was in der oft jahrelangen Krankheitsgeschichte gebrochen sei. «Das ist unheimlich wichtig für diese Menschen.» Auf den Einwand des Sonntags-Blicks, den Ärzten fehle dazu die Zeit, sagt Gudat: «Ein MRI streichen und in dieser Zeit zuhören – das bringt mehr.»

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In Luzern eröffnete das Kantonsspital (Luks) die Schwerpunktabteilung Palliative Care neu. Die Abteilung hatte ihren Betrieb schon vor rund fünf Jahren aufgenommen, die Patientinnen und Patienten waren jedoch in Provisorien untergebracht. Die Abteilung wurde komplett umgebaut und neu gestaltet. Dass Angehörige und Freunde von Patientinnen und Patienten dort willkommen sind, soll schon die Raumgestaltung deutlich machen. Angehörige seien oft sehr lange, manchmal während Wochen, vor Ort, sagt Beat Müller, der Leiter der Abteilung. «Auch ihnen eine wohnliche Situation zu bieten, war uns wichtig.» An der Gestaltung der neuen Abteilung waren nicht nur ein Architekt und ein Wohnberater beteiligt, sondern auch das Pflegeteam. «Es kennt die Bedürfnisse der Patienten gut und hatte darum bei der Einrichtung ein wichtiges Wort mitzureden», so Müller. Die Pflegenden gestalteten ausserdem unter Anleitung eines Künstlers eine Serie abstrakter, kleinformatiger Bilder, die die Abteilung zieren.

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Die Berner Zeitung BZ begleitete die spezialisierten mobilen palliativen Dienste des Spitals Thun und berichtete, wie diese Dienste schwerkranken Menschen ein Leben zuhause ermöglichen. Der Dienst kämpfe mit Finanzierungsproblemen, berichtet die Zeitung. «Seit Jahren ist das Angebot fremdfinanziert und defizitär. Ein kantonaler Leistungsauftrag fehlt, womit Kosten entstehen, die nicht abgerechnet werden können.» Die nicht gedeckten Kosten hätten im Rahmen eines Projektes definiert werden sollen. Doch die Gesundheits- und Fürsorgedirektion hat das Projekt kürzlich sistiert. «Akteure aus der Gesundheitsbranche fürchten, dass das Projekt dem angekündigten Sparpaket zum Opfer fällt», schreibt die BZ. Daniel Rauch, stellvertretender Chefarzt im Onkologiezentrum und Leiter des Fachbereichs Palliative Care im Spital Thun sagt: «Der Kanton Bern ist mit der Umsetzung der Nationalen Strategie Palliative Care im Hintertreffen». Das fehlende Angebot führe dazu, dass Patienten stationär behandelt würden, bei denen es gar nicht nötig wäre.

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Auf ein erhofftes Angebot in spezialisierter Palliative Care müssen auch die St. Galler länger warten als gedacht. «Das erste Hospiz der Ostschweiz wird nicht wie geplant im Herbst eröffnet», schreibt das St. Galler Tagblatt. Der Verein «Freunde stationäres Hospiz» rechnet damit, dass das Hospiz in der Villa Jacob am Rosenberg erst Mitte 2019 einziehen kann. Dennoch will der Verein nicht mehr so lange warten mit dem Betrieb. «Wir streben eine Übergangslösung an und stecken mitten in den Verhandlungen», verrät der Vizepräsident Roland Buschor gegenüber dem St. Galler Tagblatt. Anfang 2018 soll es soweit sein. Neben den Bauarbeiten macht auch die Finanzierung des Hospizes Sorgen. Der Kanton erwägt zwar Beiträge, diese wären aber nach Einschätzung des Vereins «Freunde stationäres Hospiz» zu tief. «Wir hoffen, dass der Kantonsrat die Beiträge noch erhöht», sagt Buschor.

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Der Kanton Zug hingegen kann ab sofort auf ein neues Angebot in der palliativen Versorgung zurückgreifen. Das «Pallifon» weitet seine Tätigkeit auf den Kanton Zug aus, wie die Luzerner Zeitung berichtet. Der Präsident von «Palliativ Zug» Peter Frigo sagt gegenüber der Zeitung, das Pallifon solle bestehende Angebote der Grundversorgung ergänzen, wenn diese nicht erreichbar seien. Damit könne eine wichtige Lücke im Versorgungsnetz für Palliative Care im Kanton geschlossen werden. Die Zuger Gesundheitsdirektion beteiligt sich an den Kosten.

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Die Studienleiterin CAS Spiritual Care der Universität Bern Claudia Kohli Reichenbach wurde von der Plattform «Medinside» zur Rolle von spirituell-religiösen Themen in der Medizin befragt. Im von ihr geleiteten Studiengang studieren Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Psychologinnen und Psychologen oder Seelsorgende. Die Fachgebiete überschneiden sich in der Spiritual Care. «Wir wollen keine Abgrenzung», sagt Kohli. «Wir wollen den interdisziplinären Austausch und legen viel Wert darauf.» Gesundheitsfachpersonen müssten nicht zusätzlich Seelsorgefunktionen übernehmen. «Aber viele werden im Praxisalltag mit Spiritualität konfrontiert und möchten lernen, wie sie Töne in dem Bereich wahrnehmen und aufnehmen können.»

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Der deutsche Fernsehsender ARD zeigte eine schöne Dokumentation über eine «Sterbeamme», die verwaisten Eltern hilft. Uli Michel arbeitet seit 18 Jahren als Hebamme und begleitet seit einiger Zeit zudem Eltern, die ein Kind sehr früh verlieren. «Ich bin so etwas wie eine Schwellenhüterin am Lebensanfang und am Lebensende. Ich sehe mich als Amme für Lebensübergänge», sagt sie. Michel wird begleitet bei ihrer Arbeit mit Müttern. Für die Betroffenen gestaltet sie beispielsweise Rituale, die ihnen helfen sollen, Abschied zu nehmen, zu trauern und weiterzuleben. Der Film zeigt, wie Michel ihre Arbeit gestaltet und dabei auch darauf achtet, sich selber Sorge zu tragen.
palliative zh+sh, ei


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