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Auf der Suche nach dem Ort, wo es sich gut sterben lässt

Auf der Suche nach dem Ort, wo es sich gut sterben lässt

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Fabian Biasio (links) filmt im indischen Varanasi in einem Sterbe-Hotel. Die Hindus kommen zum Sterben in die heilige Stadt, weil sie sich davon erhoffen, direkt ins Nirvana zu gelangen (Bild: zVg).

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Fabian Biasios Film «Sub Jayega – Die Suche nach dem Palliative-Care-Paradies» wird am 12. Dezember 2018, um 19 Uhr im Kino Kosmos in Zürich gezeigt. Um 18 Uhr gibts einen Welcome-Drink. Nach der Vorstellung findet ein Podiumsgespräch mit dem Filmemacher und Vertretern von palliative zh+sh statt. Für Mitglieder von palliative ch ist der Film kostenlos, alle anderen bezahlen 15 Franken. Reservationen ausschliesslich unter .

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28. November 2018 / Medien
Fabian Biasio ist Fotograf mit bestem Renommee und stürzt sich trotzdem wie ein kleiner Junge ungestüm ins nächste Projekt. Das letzte grosse war ein Film über Palliative Care und führte ihn auf eine Reise über drei Kontinente.
Fabian Biasio ist hartnäckig, begeisterungsfähig, innovativ. Der 42-Jährige ist Multimediajournalist und ausgebildeter Fotoreporter. Er ist bei namhaften Fotoagenturen wie Keystone oder Focus unter Vertrag. Er möchte Geschichten erzählen und Emotionen erzeugen. Er hält seinen Finger aber auch auf Missstände und liefert Lösungen mit, wie diese behoben werden könnten. Das Porträtgespräch führen wir am Telefon. Biasio ist zu Hause in Luzern, eines seiner beiden Kinder ist krank, seine Frau am Arbeiten.

Zur Palliative Care kam er, weil er nicht zufrieden damit war, wie sein Vater gestorben ist. Als Fotograf war er zwar bereits mit dem Tod konfrontiert, realisierte eine Reportage über einen Kandidaten im texanischen Todestrakt und fotografierte einen Mann im Kosovokrieg, der kurz zuvor getötet worden war. Aber auch für ihn als «relativ todesgewandten Fotografen», kam die persönliche Konfrontation mit dem Thema einer Erschütterung gleich.
«Er starb mit Blick auf einen Parkplatz.»
Wie viele Angehörige war er überfordert, als es nach ein paar Wochen auf der Palliativstation hiess, der Patient müsse nun in eine andere Einrichtung verlegt werden. Biasios Kinder waren damals noch klein, der junge Vater suchte für seinen eigenen Vater nach einer Lösung, dabei hätte er lieber nur intensiv die Zeit mit diesem genossen. Die Verlegung war schliesslich nicht mehr nötig. Der Vater starb noch im Spital – mit Blick auf einen Parkplatz.

Biasio suchte den Kontakt zur Fachgesellschaft palliative zh+sh und schliesslich zu palliative ch und wurde mit seiner Idee vorstellig, eine Online-Karte zu entwickeln, auf der alle Angebote für Palliativpatientinnen und -patienten bequem vom Krankenbett aus per Tablet zu besichtigen sind. Biasio reiste durch die Schweiz, fotografierte in Palliative-Care-Institutionen und interviewte spezialisierte mobile Palliative-Care-Teams. Zusammen mit dem Softwareentwickler Andreas Ley schuf er die palliativkarte.ch, die heute von palliative ch getragen wird. Biasio ist seitdem in der Palliativszene kein Unbekannter mehr und deshalb lag es nahe, den Multimediajournalisten anzufragen, ob er anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums von palliative ch, ein kurzes Video realisieren möchte.
«Ich wollte vor allem den Blick über den Tellerrand tun.»

Wiederum stürzte sich Biasio mit viel Elan ins neue Projekt. Er machte sich auf die sprichwörtliche Suche nach dem «Palliative-Care-Paradies», nach einem Ort also, wo es sich gut sterben lässt. Herausgekommen ist ein abendfüllender Dokumentarfilm. Aber was heisst gut sterben für ihn? Die Antwort des Filmemachers lautet zuerst lapidar: «Ein warmes Bett zu haben.» Dann schiebt er nach: «Mit einer gewissen Zuversicht zu gehen, so dass es gut ist, auch für die Angehörigen, und einander gegenseitig loslassen zu können.»

Es sei ihm bewusst, dass in der Schweiz in den letzten dreissig Jahren in der Palliative Care viel Pionierarbeit geleistet worden sei, im Vergleich aber zu führenden Ländern wie Australien habe unser Land noch viel aufzuholen.

Der Trailer zum Film:



Fabian Biasio reiste also zu Palliativmedizinerinnen und -medizinern nach Australien und schliesslich nach Indien, mit dem Blick des Betroffenen, der als Angehöriger Palliative Care am eigenen Leib erfuhr. Er mag das Reisen, das Improvisieren, das ist seinem im Stil eines Videotagebuches gehaltenen Films anzumerken. «Ich wollte vor allem den Blick über den Tellerrand wagen.» Und er habe konkret schauen wollen, ob das Institute of Palliative Medicine im indischen Bundesstaat Kerala tatsächlich so gut sei, wie es etwa die WHO propagiere.
«Volkswirtschaftlich ist Palliative Care doch viel günstiger als andere Disziplinen. Das muss sich doch lohnen.»

Er habe einen kritischen, gar einen subversiven Film drehen wollen, einer der der Frage nachgeht, weshalb Palliative Care in der Schweiz immer noch als «Gutmenschenmedizin» belächelt wird, und mehr als 30 Prozent der Bevölkerung immer noch unbekannt ist. Biasio redet sich ins Feuer: «In der Finanzierung der Palliative Care gibt es in der Schweiz immer noch Lücken. Aber Sterben ist kein Defizit. Volkswirtschaftlich gesehen ist Palliative Care viel günstiger als andere Disziplinen. Das muss sich doch lohnen.»

Nicht zuletzt seien es die Betroffenen selbst, Kranke und Angehörige, die Palliative Care einfordern sollten, findet er. Palliative Care müsse immer noch bekannter werden. Er selbst wird diesem Ziel sicherlich mit seinem Film ein Stück näherkommen. Die ersten zwanzig Minuten, die am nationalen Palliative-Care-Kongress Mitte November gezeigt wurden, gingen jedenfalls unter die Haut.

Biasio kommt am Schluss des Gesprächs eine Metapher in den Sinn, was für ihn gutes Sterben bedeutet, die viel mit seinen Reisen zu tun hat: Er liebe es, mit guten Bildern im Kasten in ein Flugzeug zu steigen, zu wissen, dass man seine Arbeit erledigt habe. So stelle er sich sterben vor. Und das Flugzeug trägt ihn dann nach Hause.
palliative zh+sh, sa