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Auf Du und Du mit dem Tod

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Patrick Bolle, Andrea Keller und Paolo Monaco wollen den Tod mit einem interaktiven Festival beleben. Ende September luden sie zu einem Kick-Off-Treffen ein. Bilder: Claudia Herzog/zvg

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Schreibwerkstatt: Schreib deinen eigenen Nachruf

Hildegard Keller, Christof Burkard, Andrea Keller und Tanja Kummer haben viel gemeinsam; unter anderem stiften sie leidenschaftlich gern zum Schreiben über das gelebte Leben an. In verschiedenen Workshops laden die beiden Duos auf ihre je eigene Weise dazu ein, sich dem eigenen Nachruf zu widmen. Hildegard und Christof führten 2019 erstmals ihren Nachruf-Kurs durch – mit Begeisterung! Andrea und Tanja freuen sich, ihr Schreibkurs-Angebot im Zuge von «Hallo, Tod!» zu erweitern. Gemeinsam ist beiden Workshops, dass sie dazu einladen, die persönliche Geschichte in Worte zu fassen.

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23. Oktober 2020 / Region
Sie wollen den Tod mitten ins Leben, in die pulsierende Grossstadt Zürich, holen: Andrea Keller, Paolo Monaco und Patrick Bolle von Kulturbande lancieren im kommenden Mai das Festival «Hallo Tod». Ihr Ziel ist es, dem Tod kreativ zu begegnen, Fragen zu stellen und den Austausch zu ermöglichen. Noch bis Ende Oktober können Projektideen eingereicht werden.
Warum widmet ihr ausgerechnet dem Tod ein Festival? Da gäbe es doch wirklich andere Themen, mit denen man sich besser profilieren und mehr Leute ansprechen könnte.
Patrick Bolle: Der Tod betrifft uns alle, egal wie alt wir sind. Er ist einfach da, permanent. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir alle ansprechen. Die Frage ist nur, wie man das macht. Und genau das ist unsere Motivation. Persönlich habe ich viele Fragen, die ich nicht allein, sondern in der Interaktion beantwortet haben möchte. Ich möchte möglichst natürlich über den Tod sprechen können und zwinge mich mit diesem Projekt, den Tod in mein Denken, in mein Handeln, in mein Vokabular zu integrieren. Nebst dieser persönlichen Motivation kommt ein Interesse dazu, etwas anzustossen, was meiner Meinung nach brach liegt, und mit kulturellen Mitteln einen gesellschaftlichen Wandel rund um das Thema Tod anzustossen.
Paolo Monaco: Mich interessiert das Thema inhaltlich, aber auch gestalterisch. Ich fühlte mich lange überhaupt nicht betroffen, der Tod war etwas komplett Abstraktes. Das änderte sich vor fünf Jahren, als jemand aus der Familie erkrankte, ein Onkel starb und auch ich in eine Krise kam. Und plötzlich erlebte ich, wie sich dieses Abstrakte mit Bedeutung füllte. Ich erlebte den Tod als Trost und Erlösung; das hätte ich nie erwartet. Dadurch hat auch das Leben für mich einen anderen Sinn bekommen. Gemeinsam mit Andrea habe ich schon viele Anlässe durchgeführt, die «lässiger» waren und bei denen der Abend mit Prosecco und Freitag-Taschen endete. Das hier ist eine andere Geschichte, an der ich mich vor fünf Jahren vielleicht nicht beteiligt hätte. Aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich es machen und entdecken muss.
Andrea Keller: Ich rede gern mit anderen Menschen über das Wesentliche. Solche Themen führen oft zu sehr persönlichen und tiefen Begegnungen. Dass wir uns jetzt mit dem Tod befassen, ist für mich auch eine logische Fortsetzung von früheren Projekten, bei denen es um Immaterielles ging, um Verluste, um das Menschsein. Ich habe mal für ein Buch einen Psychiater und Daseinsanalytiker interviewt, der überzeugt war, dass der Tod sogar unser Innerstes ist. Er hat mir erklärt, dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir den Tod ausblenden – ganz im Gegenteil. Ich glaube tatsächlich, dass das Leben durch die Auseinandersetzung mit dem Tod an Qualität und Klarheit dazu gewinnen kann. Das treibt mich bei «Hallo, Tod!» auch an. Als wir die Idee zum ersten Mal diskutiert haben, musste ich mich aber zuerst selbst davon überzeugen, dass ich mit diesem Thema an die Öffentlichkeit gehen darf, obwohl noch niemand gestorben ist, der ein Fixpunkt in meinem Leben war. Letztlich sind wir aber alle betroffen, auch ich, und wir müssen nicht zuerst einen Schicksalsschlag erleben oder bis zum eigenen Schluss warten, bis wir darüber reden dürfen.

Ihr wollt Euch dem Thema «schöpferisch» annähern, mit Kreativität und künstlerischen Mitteln – was erwartet Ihr, was kommt? Und wie stellt ihr sicher, dass Ihr nicht nur die schönen Sachen auf der Metaebene aufgreift, sondern dass es eben doch irgendwie weh tut?
PB: Indem wir uns genau diese Frage immer wieder stellen. Das ist die grösste Herausforderung. Das Festival soll nicht lifestylemässig werden, sondern den Schmerz und die Schwierigkeiten zeigen, die der Tod mit sich bringt. Das sind Fragen, die auch andere umtreibt. Das hat sich an unserem Kick-off-Event Ende September dabei waren, deutlich gezeigt. Wir wollen einen einfachen Zugang finden, Türen öffnen, um uns mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aber wir müssen genau das im Prozess immer wieder «ausbeineln».
AK: Gerade, weil uns das beschäftigt, haben wir unter anderem Monika Obrist von palliative zh+sh. ins Kuratorenteam des Festivals geholt. Wir vom Kernteam kommen alle drei aus dem «Kulturkuchen» und haben unseren je eigenen Blick drauf, der einerseits durch unseren Beruf aber auch durch unsere persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Durch Personen wie Monika Obrist holen wir einen erweiterten Blickwinkel dorthin, wo die Entscheidungen zum Programm gefällt werden. Was am Schluss geboten wird darf ernst sein, traurig, auch weh tun, aber es kann genauso lustig sein, leicht, verspielt. Dadurch, dass wir die inhaltliche Gestaltung des Festivals für andere öffnen, erhoffen wir uns eine grosse Bandbreite an Zugängen und Formaten.
PM: Und sonst sorgen wir dafür. Wir bieten das Gerüst, das andere mit Inhalt füllen. Wenn Themen fehlen sollten, die diese Bandbreite an Dramaturgie stattfinden lassen, müssen wir dem nachgehen. Sind nur coole oder lustige Projekte dabei, suchen wir nach Tiefgründigem.
AK: Obwohl doch oft nichts tiefgründiger ist als Humor. Aber wir werden im sechsköpfigen Kuratorium intensiv diskutieren und sind uns sicher, dass wir dadurch ein ausgewogenes, vielfältiges Programm erreichen werden.
«In unseren Köpfen ist verankert, dass man den Tod bekämpfen muss.» Paolo Monaco

Was für Ideen kamen am Kick-Off-Anlass Ende September?
PB: Viele der etwa 70 Teilnehmenden hatten bereits konkrete Projekte und waren sehr interessiert daran, mitzudenken und etwas beizutragen. Was mich nebst dem breiten Spektrum an Ideen am meisten erstaunt hat, war wie breit auch die Altersspanne ist: Da gibt es 20-Jährige mit konkreten Ideen genauso wie 80-Jährige, die sich engagieren wollen. Wir konnten im Vorfeld nicht abschätzen, ob wir einfach jene ansprechen, die mit dem Tod sowieso schon irgendwie konfrontiert sind, also beispielsweise durch das eigene Alter. Aber das hat sich nicht bewahrheitet. Das mag auch mit unseren gestalterischen Mitteln zu tun haben, dass wir auch jüngere Menschen ansprechen. Da war beispielsweise eine junge Schauspielerin, die ein Soloprogramm zur Auseinandersetzung mit dem Tod geschrieben hat. Ein anderer Vorschlag kam von einer Märchenorganisation, die ein Kinderprogramm mit Geschichten zum Thema Tod anbietet. Weiter gibt es Programme, bei denen der Tod musikalisch im Zentrum steht. Da man Projekte auch online melden kann, kommen fortlaufend spannende Projekte herein. Wir sind immer wieder überrascht.

Wie erklärt ihr Euch dieses Interesse?
AK: Wir leben in einer Gesellschaft, die den Tod weitgehend aussperrt. Wenige von uns sehen und berühren mal einen toten Menschen. Daneben gibt es diese extreme Entwicklung, in der sich der Mensch nach ewiger Jugend und Unsterblichkeit sehnt. Der Tod hat keinen natürlichen Platz mehr in unserer Gesellschaft, und doch sucht er uns zum Schluss alle heim. Durch Corona erscheint vieles in einem neuen Kontext, die Pandemie hat uns die Fragilität und die Endlichkeit des Lebens vor Augen geführt. Und wir drei sind definitiv nicht allein mit dem Bedürfnis, uns damit auseinanderzusetzen. Mir wurde auch von anderen bestätigt, dass verschiedene Initiativen nach einer neuen Sprache suchen, auch nach neuen Bildern für den Tod. Weil die alten nicht mehr passen.

«Das Tabu ist nicht unbedingt der Tod selbst, sondern die Endlichkeit des Lebens.» Andrea Keller


Die alten Bilder waren ja häufig religiös geprägt.
PM: Genau. Vor 40, 50 Jahren ging man in die Kirche, und der Pfarrer gab vor, wie man über den Tod zu denken hatte. Beim Zappen trifft man heutzutage im Fernsehprogramm auf mindestens drei Sendungen, in denen Wissenschaftler erklären, wie sie das Leben verlängern wollen. In unseren Köpfen ist verankert, dass man den Tod bekämpfen muss. Es gab Zeiten, da lebten die Menschen maximal 40 Jahre, heute wird man 80 und mehr Jahre alt. Das ist doch schon eine immense Errungenschaft, warum will man mit 90 Jahren nochmals so lange leben?
AK: Ich habe vorher gesagt, dass wir den Tod aussperren aus der Gesellschaft. Aber das stimmt nicht ganz: Gerade in den Medien, im Fernsehen, ist der Tod sehr präsent, in Krimis oder in den Nachrichten. Aber wenn ich mich da durchzappe, gemütlich vom Sofa aus, bleibt es sehr abstrakt. Einige Menschen, mit denen ich geredet habe, sind ausserdem überzeugt, dass das Tabu nicht unbedingt der Tod selbst ist, sondern die Endlichkeit des Lebens. Auch unser Umgang mit Trauer ist recht verkorkst.
PB: Uns sind die Rituale abhanden gekommen. Früher suchte Gott jemanden aus zum Sterben, und man fand sich damit ab. Es war delegiert. Jetzt sind Himmel und Hölle in Frage gestellt. Wir haben Unmengen von Wahlmöglichkeiten: Man kann entscheiden, ob man lebensverlängernde Medikamente will, ob man sediert werden will oder einen begleiteten Suizid in Anspruch nehmen will, ob man kremiert oder eine Erdbestattung möchte, und so weiter. Der Tod ist kein Schicksal mehr, sondern kann selbstbestimmt werden. Hier findet ein Transformationsprozess statt, säkulare lösen religiöse Formen ab. Aber momentan befinden wir in einem Vakuum und müssen erst neue Inhalte finden. Unser Festival ist ein Indiz dazu, dass etwas brach liegt. Es ist totales Neuland.

Was geschieht nun mit den Projekten, die eingereicht werden?
AK: Die Eingabefrist läuft noch bis Ende Oktober (mehr dazu unter «Links zum Thema»). Im November treffen wir uns mit dem Co-Kuratorenteam und besprechen die Projekte. Dann geben wir Feedback. Anfang Jahr wollen wir das Programm definitiv festzurren.

Wie muss man sich das Festival vorstellen?
AK: Es ist allenfalls vergleichbar mit dem Festival «Die lange Nacht der Philosophie». Wir machen mit Werbemitteln auf das Gesamtangebot aufmerksam. Die Besucherinnen und Besucher buchen punktuell jene Angebote, die sie interessieren. Aufgrund der Situation mit Corona haben wir uns gegen ein Festivalticket mit freiem Zutritt für alle Veranstaltungen entschieden.
PM: Das Herz des Festivals ist im Zentrum Karl der Grosse. Doch die einzelnen Angebote müssen nicht unbedingt lokal gebunden sein. Es sind auch Veranstaltungen im öffentlichen Raum oder in anderen Kulturinstitutionen denkbar, gewissermassen als Satelliten.
PB: Etwas Verbindendes könnte das Restaurant im Zentrum Karl der Grosse sein, wo man sich treffen und austauschen kann. Vielleicht findet ein Essen mit Ritualen zum Tod statt, oder ein Vortrag zu einem bestimmten Thema, der Begegnung ermöglicht. So schön und wichtig Veranstaltungen sind, wo man reinsitzen und zuhören kann - der Austausch danach ist genauso wertvoll. Und genau den wollen wir mit dem Festival ja fördern.

Habt Ihr selbst Pläne für Veranstaltungen am Festival?
AK: Wir veranstalten im Vorfeld zwei Schreibworkshops, bei denen man den eigenen Nachruf verfasst – die erste Durchführung verantworten die Literaturprofessorin Hildegard Keller und der Mediator Christof Burkard, bei der zweiten sind die Schriftstellerin Tanja Kummer und ich das Leitungsteam. Die Idee ist, dass wir am Festival einen gemeinsamen Schlusspunkt dafür finden. Weiter sind wir an einem Podcast dran und Gesprächen und überlegen gerade, wie die Inhalte als Installation am Festival Platz haben könnten.
PB: Das gesamte Management der beiden Festivaltage liegt bei uns, viel Zeit bleibt da nicht. Ausserdem läuft ja bereits unser Projekt, bei dem man Fragen an den Tod stellen kann. Auch das werden wir am Festival in einer installativen Form zeigen. Im Vorfeld möchten wir öffentlichen Raum eine Idee umsetzen, aber letztlich ist es eine Ressourcenfrage. Ideen haben wir viele.

Was ist Euer persönliches Ziel, was möchtet Ihr nach dem Festival in Eurer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Tod erreicht haben?
AK: Ich möchte in meiner eigenen Auseinandersetzung einen Schritt weitergekommen sein, angeregt durch die Menschen, die dabei sind, die Gespräche und Begegnungen mit ihnen. Ich möchte berühren, aber auch berührt werden. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass wir ganz viele sehr spannende Kontakte mitnehmen werden. Vielleicht sind das Begegnungen, die dem eigenen Leben eine neue Spur geben. Ich möchte am Ende des Festivals sackmüde aber zufrieden dasitzen und mich über das freuen, was wir in einem offenen und wertschätzenden Umgang zusammen auf die Beine gestellt haben.
PM: Es gibt den Anlass, es gibt das Thema, und ich sehe das Ganze als Experiment. Denn ich habe keine Ahnung, was daraus wird, aber genau das macht mich sehr neugierig. Ich habe schon viel darüber gelesen und erlebt, aber es wird noch sehr viele Dinge geben, die mich überraschen werden. Das Thema hat eine gewisse Schwere. Vielleicht muss ich mich bei manchen Dingen auch abgrenzen. In der Konstellation unserer Gruppe fühle ich mich aber sicher, ich vertraue den Menschen, mit denen ich arbeite, kann mit ihnen sprechen und auch mal schwach sein. Es ist nicht einfach ein Projekt, das wir durchziehen und dabei supercool sind. Das hier geht ans «Läbige».
PB: Ich dachte zu Beginn, dass ich nachher ganz genau Bescheid wüsste über Sterben und Tod. Aber von dieser Erwartung habe ich mich verabschiedet. Ich erhoffe mir eine konstruktive Verwirrung, die mir ermöglicht, mich selber zu erforschen und besser kennen zu lernen. Gewissermassen eine Persönlichkeitsoptimierung mit der Option auch zurückfallen zu dürfen. Ich habe Lust hinter die Dinge blicken zu können, erlaube mir aber, wenn ich diesen Blick nicht ertrage, auch wieder hervorkriechen zu können. Vielleicht gibt mir das ein breiteres Spektrum meines doch auch endlichen Lebens.
«Wenn ein solches Festival wiederkehrend ist, dann wird der Tod einfach normal.» Patrick Bolle

Was soll bleiben? Was wird aus dem «Vermächtnis» von Hallo Tod?
AK: Derzeit ist ja vieles, was wir leisten, Aufbauarbeit, die wir unentgeltlich erbringen. Wenn nicht nur wir daran Freude haben, sondern auch die Rückmeldungen entsprechend sind, dass man das wiederholen soll, wären wir gern bereit dazu. Finanziell müsste es dann aber anders aufgebaut werden.
PM: Wir werden sehen, ob wir Bedürfnisse wecken, die wir mit einer Durchführung gar nicht abholen konnten. Vielleicht haben wir so viele Projekte, dass es für drei Festivals reichen würde.
PB: Das ist jetzt einfach rein finanziell betrachtet, aber ideell gesehen verdient eine Stadt wie Zürich ein solches Festival. Ein kulturelles Leben kann nur dann vollständig sein, wenn auch der Tod darin Platz hat. Also müsste eine Stadt, die auch Kulturstadt sein will, sich so etwas auch leisten wollen. Es tut unserer Gesellschaft, unserem Zusammenleben gut. Wenn ein solches Festival wiederkehrend ist, dann wird der Tod einfach normal.



Hinter der Idee und Umsetzung steckt die Kulturbande: ein Verein sowie ein Netzwerk an Zürcher Kunst-/(Sozio-) Kulturschaffender, das den gesellschaftlichen Wandel erforscht, ihn verstehen und fördern will, dokumentieren. Das Kernteam von «Hallo, Tod!» besteht aus Patrick Bolle, Andrea Keller und Paolo Monaco. Die drei verbinden auch vergangene Projekte wie das Fundbüro2 (ein Lost & Found für Immaterielles) und das KUSSmagazin.
palliative zh+sh, Gabriela Meissner