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Fünf Fragen an Margarete Reisinger

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16. März 2018 / Region
Damit Patientinnen, Patienten und ihre Angehörigen palliativ betreut und begleitet werden können, braucht es den Einsatz von Fachpersonen und Freiwilligen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Pallnetz.ch interviewt regelmässig Menschen aus der Region, die in Palliative Care tätig sind und stellt allen dieselben fünf Fragen. Margarete Reisinger ist Pflegefachfrau bei Onko Plus, hat einen Master in Palliative Care und bildet sich im Moment zur Advanced Practice Nurse (APN) weiter.
1) Wie begleiten Sie Schwerkranke und Sterbende?

Seit einem halben Jahr arbeite ich für Onko Plus. Ich erlebe erstmals die häusliche Pflege und betreue die Patienten zu Hause in einer palliativen Situation. Das unterscheidet sich total von der stationären Betreuung und fordert einen heraus. Zuvor habe ich kurz im Spital Männedorf und sieben Jahre in der Palliative Care des Universitätsspitals Zürich gearbeitet. Die Erfahrungen, die ich dort gesammelt habe, nützen mir heute. Etwa bei der Symptomkontrolle, aber auch bei der interprofessionellen Zusammenarbeit. Zudem kenne ich viele Ansprechpersonen in den Kliniken, die Rücksprache ist so häufig einfacher, und es gelingt uns besser, das Schnittstellenmanagement fliessend zu gestalten.

2) Was ist Ihr Ziel bei der täglichen Arbeit?

Das Ziel meiner Arbeit ist, die Beschwerden meiner Patientinnen und Patienten zu lindern und ihre Ängste zu nehmen – einfach die Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Nicht zuletzt unterstütze ich auch die Angehörigen. Ohne sie würde es zu Hause nicht funktionieren. Stationär sind die Patientinnen und Patienten gut umsorgt. Zu Hause tragen die Angehörigen die Hauptlast in der Betreuung neben der öffentlichen oder der privaten Spitex und Freiwilligenorganisationen. Eine grosse Herausforderung ist, wenn gar keine Angehörigen da sind. Da kommt das System schnell an seine Grenzen, oder es ist eine finanzielle Frage.

3) Was braucht es, damit sie Ihr Ziel erreichen?

Es ist niemals eine Ein-Frau-Show, es braucht ein gutes Netzwerk bestehend aus den Hausärztinnen, den behandelnden Ärzten, unseren Konsiliarärztinnen, der lokalen Spitex und Freiwilligen. Das Ganze muss natürlich von den Betroffenen und ihren Familien angenommen werden. Für manche ist es nämlich schwierig, so viele fremde Menschen ins Haus zu lassen. Viele Familien wollen zwar ermöglichen, dass die Mutter, der Bruder oder der Ehemann zu Hause sterben kann, aber wir kommen erst dazu, wenn es bereits brennt. Frühzeitig einbezogen zu werden, wäre mein Wunsch, damit wir besser planen können. Bei den Hausärzten ist eine Zusammenarbeit Hand in Hand wünschenswert. Wenn ich vor Ort bin und es dem Patienten schlecht geht, brauche ich schnell eine Verordnung, rufe in der Praxis an – und stosse manchmal auf Skepsis. Wichtig wäre aber, dass wir auf das gleiche Ziel hinarbeiten, nämlich dass der Patient daheim bleiben kann, wenn er will und dass seine Symptome gelindert werden. Wichtig ist dabei auch, dass man die Grenzen kommuniziert: Was geht zu Hause und was nicht?
«Es ist niemals eine Ein-Frau-Show, es braucht ein gutes Netzwerk bestehend aus den Hausärztinnen, den behandelnden Ärzten, unseren Konsiliarärztinnen, der lokalen Spitex und Freiwilligen.»

4) Welches Erlebnis hat Sie zuletzt berührt?

Vor nicht mal einer Woche hatte ich ein Eintrittsgespräch mit einer ganzen Familie: Die Tochter war da, der Sohn und die Lebenspartnerin. Der Patient selbst war leider geschwächt und lag im Bett. Er war unruhig und hatte immer wieder Schmerzen. Sein grosser Wunsch war es, zu Hause bleiben zu können. Alle wollten ihm das ermöglichen. Aus dem Erstgespräch heraus entwickelte sich ein aktives Agieren. Vor dem Wochenende galt es noch die Verordnung der Notfallmedikamente zu organisieren. Mit dem zuständigen Onkologen konnte ich die erforderlichen Verordnungen besprechen. Weiters hatte der Patient einen Harnverhalt und eine übervolle Blase, was sehr schmerzhaft ist. Mein Versuch, einen Urinkatheter einzulegen, schlug zwei Mal fehl. Das ist an sich keine schwierige Handlung, aber der Patient war durch seine Schmerzen derart verkrampft, wie sich später herausstellte.
«Alle Beteiligten – inklusive mir – waren sehr froh, dass der Patient nicht ins Spital musste.»

Zu später Stunde rief ich den SOS-Arzt dazu. Er sedierte mit der entsprechenden Medikation den Patienten, so dass dieser entspannen konnte. Auf diese Weise konnten wir den Urinkatheter einführen. Alle Beteiligten – inklusive mir – waren sehr froh, dass der Patient deswegen nicht ins Spital musste. Danach ging es darum, alle Medikamente in Spritzen aufzuziehen, weil der Mann kaum noch schlucken konnte, alles für den Notfall vorzubereiten, im Falle von Schmerzen, Unruhe oder Verwirrung. Ich legte einen Subkutan-Katheter, damit die Angehörigen die Mittel besser verabreichen konnten und instruierte sie, wie sie es tun müssen. Zudem war ein Einsatz von einer Privat-Spitex geplant, damit die Lebenspartnerin über Nacht entlastet war. Am Ende war ich über drei Stunden dort. Drei Tage später starb der Mann zu Hause. Das war insofern ein Erfolgserlebnis, als die Familie den Wunsch des Patienten erfüllen konnte. Auch wenn wir erst sehr spät ins Spiel gekommen sind. Es zeigte mir auch das Hand-in-Hand Arbeiten mit den Ärzten zu Hause auf – und das am späten Freitagabend. Die Angehörigen waren so dankbar für alles und gleichzeitig war auch ich so dankbar für ihr Vertrauen.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf in der Palliative Care?

Vor allem für den häuslichen Bereich wünsche ich mir, dass das, was Angehörige leisten, erkannt wird und sie unterstützt werden, zum Beispiel finanziell oder durch Zeitressourcen. Die Betreuung zu Hause soll auch von den Krankenkassen besser honoriert werden, damit auch die Spitex nicht derart unter Druck von einem Termin zum nächsten hetzen muss. Ich sehe, wie viele Gespräche es oftmals braucht zum Erfassen, Koordinieren, Instruieren, … oder, wenn jemand verstorben ist: Meistens brauchen die Angehörigen dann, dass jemand eine halbe Stunde lang zuhört. Es braucht manchmal einfach ein zuhören und sie erzählen: wie sie den Sterbeprozess erlebt haben, Erinnerungen die ausgesprochen werden möchten. Und das ist meines Erachtens auch wichtig.
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