palliative zh+sh

Fünf Fragen an Regula Gasser

Fünf Fragen an Regula Gasser

Weitere Infos

Portrait

Porträt

Regula Gasser ist Psychologin, Theologin und Pflegefachfrau. Sie ist Lehrbeauftragte u.a. an der Universität Bern und in eigener Firma in den Bereichen Gesundheitsförderung, Krisenmanagement und Rehabilitationscoaching tätig. Sie bietet zusammen mit dem «Lassalle-Haus» in Edlibach Seminare für Menschen mit chronischer Krankheit und für Trauernde an. Regula Gasser war als Pflegefachfrau in Onkologie und Palliative Care tätig und leitete als Psychologin und Theologin Forschungsprojekte zu Palliative und Spiritual Care.

Dokumente zum Thema

Video zum Thema

24. Januar 2018 / Region
Damit Betroffene (Patientinnen, Patienten und ihre Angehörigen) palliativ betreut und begleitet werden können, braucht es den Einsatz von Fachpersonen und Freiwilligen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Pallnetz.ch interviewt regelmässig Menschen aus der Region, die in Palliative Care tätig sind und stellt allen dieselben fünf Fragen. Unser Mitglied Regula Gasser macht an dieser Stelle den Auftakt zu der neuen Serie.
1) Wie begleiten Sie Schwerkranke und Sterbende?

Aktuell begleite ich nicht sterbende Menschen, aber ich begleite Schwerkranke auf dem Weg dazu, dass sie Quellen für Hoffnung und Sinn entdecken können. In Kooperation mit dem Lassalle-Haus leite ich Seminare, zu denen Menschen mit schwerer Krankheit kommen, nachdem sie realisiert haben, dass für ihre Krankheit keine Heilung mehr zu erwarten ist. Oft sind viele Jahre der Krankheit vergangen, in denen es für die Betroffenen immer Hoffnung auf eine Heilung oder zumindest auf eine Verzögerung der Krankheit gegeben hat. Wenn dann der Moment kommt, in dem keine Heilung mehr möglich ist, kommt für die Betroffenen meistens ein Loch. Trotz allem erreicht sie diese Erkenntnis plötzlich und sie fragen sich: Worauf soll ich jetzt noch hoffen, wenn ich auf Heilung nicht mehr hoffen kann? In dieser Frage begleite ich die Betroffenen. Wir finden heraus, was immer schon die wichtigen Werte im Leben der Betroffenen waren und was das im Zusammenhang mit dem weiteren Verlauf der Krankheit und dem bevorstehenden Tod bedeutet. Wie können meine Werte gestärkt werden? Wie gehe ich mit der Verletzlichkeit und Vergänglichkeit meines Lebens um? Was möchte ich noch erleben? Was ist es, das ich meinen Nächsten aus meinem Leben hinterlassen will? Solche Fragen beschäftigen uns in diesem Prozess.

2) Was ist Ihr Ziel bei der täglichen Arbeit?

Dass meine Seminarteilnehmenden mit neuer Hoffnung in ihren Alltag zurückgehen. Hoffnung ist das, was am Ende bleibt. Sie hilft Betroffenen, eine Krankheit zu bewältigen, sie gibt ihnen Zuversicht, jeden Tag noch einmal so zu nehmen, wie er kommt. Ich möchte, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, gestärkt werden in ihren je eigenen Werten. Wir versuchen gemeinsam, das Besondere jedes einzelnen Lebens hervorzuheben und zu stärken. Wenn jemand aus dem Seminar geht und sagt: «Ich habe wieder Hoffnung», dann ist das für mich das Grösste.
«Heute hat "Zeit Haben" keinen finanziellen Wert im Gesundheitswesen.»
Regula Gasser

3) Was braucht es, damit Sie Ihr Ziel erreichen können?

Es braucht Zeit. Es braucht die Bereitschaft, sich auf jede einzelne Person wirklich einzulassen und dafür braucht es eine grosse innere Offenheit. Kein Weg ist so wie der andere.

Eine Herausforderung ist die Finanzierung. Heute hat «Zeit Haben» keinen finanziellen Wert im Gesundheitswesen. Das heisst, Betroffene müssen in der Lage sein, meine Begleitung selber zu finanzieren. Besser Situierte können sich das leisten. Ich will aber eigentlich da sein können für die ganze Bevölkerung. Gerade wenn Menschen wie beispielsweise Personen mit Migrationshintergrund schwere Erfahrungen gemacht haben und sie dazu noch schwer erkranken, entsteht ein Übermass an Leidenserfahrung. Ich merke, dass ich gerade für diese Menschen speziell gerne da wäre.

4) Welche Begegnung, welches Ereignis hat Sie zuletzt persönlich berührt?

Ich durfte vor einiger Zeit in meiner Praxis als Trauer- und Krisenbegleiterin eine Frau begleiten, die an Brustkrebs litt. Sie war 47 und hatte eine 16-jährige Tochter. Zum Zeitpunkt der Diagnose war der Krebs schon weit fortgeschritten und bis dahin war diese Frau immer sehr beschäftigt, hatte einen verantwortungsvollen Job und eine volle Agenda. Als sie die Diagnose erhielt und mit der Arbeit aufhörte, wusste sie erst gar nichts mit sich anzufangen, wie sie mir berichtete. Nun wollte sie sich mit einer Sterbehilfeorganisation das Leben nehmen, weil sie zum Schluss kam, dass ihr Leben jetzt keinen Sinn mehr habe. Wir versuchten gemeinsam herauszufinden, was das Wichtigste für sie war, wovor sie Angst hatte und woher ihr Sterbewunsch kam. Ich merkte, dass ich persönlich mit mir rang, ihre Entscheidung des assistierten Suizids zu respektieren. Wir sannen darüber nach, was für sie Hoffnung heisst. Die Frau nahm sich irgendwann explizit eine Auszeit, um sich über all diese Dinge Gedanken zu machen und ihren Entschluss noch einmal zu reflektieren. Sie informierte sich über Palliative Care, schaute sich verschiedene stationäre Einrichtungen an und entschloss sich am Ende, in ein Hospiz zu gehen, von wo aus sie sich darum kümmerte, wie es für ihre Tochter weitergehen sollte. Sie sagte: «Ich will jetzt doch gerne mein Leben bis zum Schluss leben und wage es, mich meiner Verletzlichkeit zu stellen.» Das hat mich wahnsinnig berührt.
«Viele Menschen, die ich begleite sagen: Beziehung ist das, was mich am Lebensende aufrechterhält.»
Regula Gasser

5) Wo sehen Sie Handlungsbedarf in der Palliative Care?

Wir sollten die sozialen Netzwerke stärken. Viele Menschen, die ich begleite sagen: Beziehung ist das, was mich am Lebensende aufrechterhält. Das, was mich dann trägt, wenn ich den geliebten Beruf nicht mehr ausüben kann. Die sozialen Netzwerke von Schwerkranken brauchen mehr Aufmerksamkeit, auch im Gesundheitswesen, auch finanziell. Denn sie müssen in solchen Situationen eine Belastung tragen können, damit Menschen am Lebensende dort ihren letzten Atemzug machen können, wo sie es sich wünschen, wo sie sich in einer vertrauten Umgebung wissen. Mehr Menschen sollten zuhause im Kreise ihrer Angehörigen sterben können.
palliative zh+sh / ei