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Gute Betreuung im Alter: Perspektiven

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Die Diskussion über gute Betreuung im Alter soll vertieft werden. Die Paul Schiller Stiftung präsentiert dafür ein neues Projekt (Bild: Fotolia)

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23. März 2018 / Politik
Alle Menschen haben ein Recht auf ein würdiges Altern. Das ist eine von vier zentralen Botschaften, die die Paul Schiller Stiftung mit ihrem neuesten Projekt über Betreuung im Alter formuliert hat. Mit einer Studie zur Situation und Entwicklung der Betreuung im Alter und mit Forderungen für die Verbesserung dieser Betreuung will die Stiftung für das Thema sensibilisieren. In rund einem Jahr sollen dafür konkrete Ideen umgesetzt werden.
Die Betreuung und die Pflege sind ein zentrales Thema in der Alterspolitik der Schweiz. «Dabei steht seit geraumer Zeit die Pflege im Fokus der gesundheits- und sozialpolitischen Diskussion», stellt die Paul Schiller Stiftung in ihrem Bericht «Gute Betreuung im Alter. Perspektiven für die Schweiz» fest. «Die Betreuung hat bisher keinen Stellenwert.» Darum fordert die Stiftung nun «eine breite Auseinandersetzung über gute Betreuung im Alter».

Mit den Ergebnissen einer neuen Studie will die Paul Schiller Stiftung eine Grundlage für eine solche Auseinandersetzung liefern. Die Studie zur Situation und zu den Entwicklungen und Herausforderungen der Betreuung im Alter für die Schweiz zeigt, dass die familiäre Betreuung insgesamt abnimmt, während Menschen immer länger mit abnehmenden Kräften leben und selbstbestimmt leben wollen. Auch die ausserfamiliären Betreuungsangebote, die heute existieren, reichen nicht aus um den steigenden Bedarf zu decken. «Neben der rechtlich regulierten Pflege muss die Diskussion über ein Anrecht auf gute Betreuung im Alter in den Mittelpunkt der alterspolitischen Debatten rücken. Wie bleibt gute Betreuung überhaupt bezahlbar?»

Zentrale Botschaften

Die Gesellschaft werde in Zukunft einen Teil der notwendigen Betreuungsarbeit finanzieren müssen, die heute noch gratis durch Familienangehörige, Freunde, Nachbarn und Freiwillige erbracht werde, heisst es im Bericht. «Diese zusätzlichen Ausgaben sind als Investitionen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Angehörigenbetreuung zu bewerten und tragen dazu bei, dass Übertritte in stationäre Einrichtungen im Alter nicht zu früh erfolgen.»

Mit vier zentralen Botschaften will das Projekt «Gute Betreuung im Alter» die Diskussion ankurbeln:

  • Alle Menschen haben ein Recht auf ein würdiges Altern.
  • Die Alterspolitik des Bundes wurde bisher zu wenig umgesetzt.
  • Es braucht eine ganzheitliche Sicht auf die Unterstützung betagter Menschen.
  • Familien brauchen Entlastung.

«Die Betreuung durch Angehörige ist eine gesellschaftspolitische Zeitbombe.»
Silvia Schenker, SP-Nationalrätin

Einzelne Reaktionen aus Politik und Medien zeigen, dass diese Sorgen durchaus geteilt werden. «Zu lange ausgeblendet» übertitelte der Tagesanzeiger-Redaktor Michael Soukup seinen Kommentar zum Thema und schrieb: «Wir alle müssen uns mit dem Älterwerden befassen. Es betrifft uns selbst, zuerst aber unsere Eltern. Das blenden wir gern aus. Das gilt auch für die Politik: Obwohl längst bekannt ist, dass die Zahl der Rentner von heute 1,5 Millionen bis zum Jahr 2045 auf 2,7 Millionen steigen wird, ist die Schweiz auf diese demografische Herausforderung schlecht vorbereitet.» Die Studie der Paul Schiller Stiftung bestätige das nun. Bereits heute zeige sich, dass pflegende Angehörige vielfach überfordert und erschöpft seien. «Es ist absehbar, dass mit der Zunahme von neuen Familienmodellen, kinderlosen Erwachsenen und erwerbstätigen Frauen sich die Lage weiter verschärfen wird.» Doch vielen bürgerlichen Politikern sei scheinbar immer noch nicht bewusst, dass mit einer besseren Begleitung und Anerkennung der Angehörigen Heimeinweisungen verzögert und Kosten gespart werden könnten.

Gegenüber der Nachrichtenagentur SDA sagte die SP-Nationalrätin Silvia Schenker: «Die Betreuung durch Angehörige ist eine gesellschaftspolitische Zeitbombe.» Darum müsse das mittelfristig anders gelöst werden, es brauche «irgendeine Art von Finanzierung». «Aber davon sind wir wohl weit entfernt.»

Gesetz gefordert

Auch diese politische Diskussion will die Paul Schiller Stiftung mit ihrem Bericht befeuern und stellt darum sieben konkrete Forderungen. Die Autorinnen und Autoren des aktuellen Berichts fordern, dass die öffentliche Hand ihre Aktivitäten im Bereich der Altersbetreuung verstärkt.

Die erste Forderung lautet: Die Betreuung müsse auf Bundesebene gleichwertig wie das Pflegewesen als Teil der Grundversorgung gesetzlich verankert werden. Nur dann könne die Betreuung «bestimmte Qualitätsstandards erfüllen» und werde verstärkt Eingang in die berufliche Aus- und Weiterbildung finden, heisst es im Bericht. «Sobald Betreuung im Alter Service public ist, wird ein würdevolles Altern für alle Menschen besser möglich.» Der Zusammenhang zwischen Alterspflege und Altersbetreuung müsse geklärt werden, heisst es weiter. «Beides sind Unterstützungsformen, die eine möglichst hohe Autonomie im Alltag ermöglichen sollen.»



Statements zu «Gute Betreuung im Alter», gezeigt an der Start-Veranstaltung im März 2018.


Die zweite Forderung: Bereits heute verfüge die Versorgung im Alter über Betreuungsangebote. «Um den bestmöglichen Zugang zu den Angeboten zu gewährleisten, muss die Versorgung integrativ gestaltet werden.» Wichtig sei, dass alle Betroffenen eingebunden und alle Facetten der Betreuung berücksichtigt würden. «Ein integratives Versorgungsmodell deckt die individuelle Alltags- und Freizeitgestaltung, sowie alltägliche Arbeiten zu Hause durch die Spitex ebenso ab wie stationäre Einrichtungen.»
«Sobald Betreuung im Alter Service public ist, wird ein würdevolles Altern für alle Menschen besser möglich.»
Aus dem Bericht «Gute Betreuung im Alter»

Drittens müsse die Betreuung für alle bezahlbar sein. «Betreuung im Alter als Service public benötigt ein neues, effizientes Finanzierungssystem, welches Einkommensunterschiede berücksichtigt.» Viertens müsse der älteren Bevölkerung Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht werden. Appelliert wird hier an die Quartier- und Stadtentwicklung. Diese müsse die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung als festen Bestandteil in ihre Planung aufnehmen.

Professionalisieren und aufwerten

Fünftens fordert die Stiftung, dass die professionelle Betreuungsarbeit aufgewertet wird und die informelle Betreuungsarbeit mehr Anerkennung erhält. Die Betreuung durch Familienangehörige sei zudem «mit Massnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Angehörigenbetreuung zu stützen».

Da Betreuung grundsätzlich Zuwendung und Beziehungsarbeit bedeute, die Zeit brauche, seien sechstens Strukturen zu schaffen für «das Zusammenspiel von Betreuung und Pflege». Diese Strukturen sollten die «zeitliche Dimension der Beziehungsarbeit genügend berücksichtigen und den Austausch zwischen den Beteiligten möglich machen».
«Betreuung als Beziehung wirkt gegen soziale Isolation.»
Aus dem Bericht «Gute Betreuung im Alter»

Zuletzt fordert der Bericht Präventionsarbeit, ambulant und stationär. Betreuung als Beziehung wirke gegen soziale Isolation. Sie helfe auch, verfrühte Übertritte in stationäre Einrichtungen zu vermeiden. Die Stiftung fordert Gemeinden sowie zivilgesellschaftliche und kirchliche Gemeinschaften auf, Voraussetzungen zu schaffen, damit ältere Menschen möglichst lange zu Hause leben können. «Aber auch in stationären Einrichtungen kann Betreuung präventiv wirken, wenn ältere Menschen in ihrem Wunsch nach Aktivität und gesellschaftlicher Teilhabe professionell unterstützt werden.»

Politische Prozesse anstossen

Nachdem Professor Dr. Carlo Knöpfel die Studie, die er im Auftrag der Paul Schiller Stiftung geleitet hat, in Bern vorgestellt und verschiedene Akteure an dieser Veranstaltung über das Thema diskutiert hatten, sollen die Gespräche darüber nun weitergehen. Dazu hat die Stiftung ein «Dialognetz» initiiert. Man will das Thema gute Betreuung im Alter «nachhaltig ins Gespräch bringen» und den Boden für politische Prozesse bereiten und solche anstossen. Zu diesem Zweck entwickeln Fachpersonen aus verschiedenen Bereichen in diesem Dialognetz Ideen, für die dann im Frühjahr 2019 der Startschuss zur Umsetzung fallen soll.
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