palliative zh+sh

Spirituelle Unterstützung für Schwerkranke zu Hause

Spirituelle Unterstützung für Schwerkranke zu Hause

Weitere Infos

Das Team der Hotline Palliative Care: Regula Oberholzer, Matthias Fischer, Patricia Machill, Lisa Palm und Daniel Burger (von links). (Bild: zvg)

Portrait

Weitere Infos zum Thema

Dokumente zum Thema

Video zum Thema

17. April 2019 / Region
Pflegebedürftige und ihre Angehörigen haben oftmals nicht nur medizinische, sondern auch spirituelle Bedürfnisse. Für sie bietet ein Team von fünf katholischen und reformierten Theologinnen und Theologen Beratung und Begleitung. Nun ist die Palliative-Care-Hotline ein Jahr alt geworden. Seelsorgerin Lisa Palm berichtet von den Erfahrungen.
Was war der ausschlaggebende Grund, dass die Palliative-Care-Hotline ins Leben gerufen wurde?
Lisa Palm: Die spirituelle Begleitung bei einer schweren Erkrankung ist erfahrungsgemäss eine wichtige Unterstützung, die den Menschen Kraft gibt, Betroffenen, aber auch Angehörigen. In den Spitälern kann die Seelsorge diese Kompetenzen innerhalb des Palliativteams mittlerweile sehr gut einbringen. Bei der palliativen Pflege zu Hause ist diese Unterstützung noch zu wenig verankert. In den Pfarreien fehlt es auch an Seelsorgenden, die über eine Ausbildung in Palliative Care verfügen. Dieses Angebot bauen wir seit 2014 mit einer speziell für Seelsorgende konzipierten Ausbildung zwar auf. Aber weil es ein spirituell-religiöses Angebot in der ambulanten Pflege dringend braucht, haben wir uns entschieden, ambulante seelsorgerische Begleitungen sehr kurzfristig und niederschwellig zu organisieren. Aus diesem Grund riefen wir vor einem Jahr die Hotline für Seelsorge in Palliative Care ins Leben.
«Für uns stehen die Wünsche und Anliegen der Betroffenen im Zentrum.»

Wer ruft bei der Hotline an?
In aller Regel nicht jene Menschen, die mit den Pfarreien und der dortigen Seelsorge verbunden sind. Sondern es sind zunehmend jene, die nicht mehr kirchennah sind, vielleicht sogar aus der Kirche ausgetreten sind oder eine andere Ausrichtung haben. Und diese Gruppe von Menschen wächst. Unser Angebot ist deshalb bewusst ganz offen formuliert: Wir sind da für alle Menschen, die das Bedürfnis nach spirituell-religiöser Begleitung haben. Zwar besteht unser Team aus christlichen Theologinnen und Theologen, aber für uns stehen die Wünsche und Anliegen der Betroffenen im Zentrum. Im ersten Jahr hatten wir 50 Kontakte. Damit sind wir zufrieden, aber es dürften auch noch einige mehr sein.

Wo ist die Palliative-Care-Hotline schon bekannt?
Eine der wichtigsten Aufgaben im ersten Jahr war, unser Angebot an möglichst vielen Orten bekannt zu machen, also im gesamten Palliative-Care-Netzwerk im Kanton und auch bei den Kirchgemeinden und Pfarreien. Das beschäftigt uns auch weiterhin. Aktuell möchten wir erreichen, dass unser Flyer den Austrittsunterlagen bei Palliativstationen beigelegt wird.
«Viele Angehörige sind enorm belastet.»

Wie und von welchen Gruppen wird das Angebot am meisten genutzt?
Wir haben sämtliche Anrufe und Kontakte detailliert analysiert. Dass die Patienten selbst anrufen, kommt eher selten vor. Oft melden sich Angehörige. Kürzlich rief die Ehefrau eines Patienten an. Sie brauchte jemanden, der ihr zuhörte und durch diese Präsenz Unterstützung gab. Viele Angehörige sind enorm belastet, bitten um einen Besuch, ein Gespräch, ein Ritual oder auch um ein Abschiedsritual. Die andere grosse Gruppe von Anrufenden sind Fachpersonen, beispielsweise von der spezialisierten Spitex, die im direkten Kontakt mit den Betroffenen stehen.

Wie viele personelle Ressourcen stehen für die Hotline zur Verfügung?
Derzeit sind es auf katholischer Seite 80 und auf reformierter Seite 50 Prozent. Darin sind aber auch noch andere Aufgaben enthalten. Die Ressourcen sind genügend für den aktuellen Bedarf, und sie sind auch auf die nächsten Jahre hinaus bewilligt. Wir können schnell reagieren und Begleitungen rasch ermöglichen. Das ist in der Regel innerhalb von 24 Stunden möglich. Auch wenn sich die Spitex bei uns meldet, nehmen wir noch gleichentags mit den Betroffenen Kontakt auf.

Wie kann eine solche Begleitung ablaufen?
Mir kommt spontan eine sehr schöne Begegnung mit einer Frau in den Sinn, die ich seit einigen Monaten begleiten darf. Eine Pflegefachfrau der Stadtzürcher Fachstelle für Palliative Care bemerkte das grosse spirituelle Interesse ihrer Patientin. Ihr waren die Engel aufgefallen, die sie aufgehängt hatte, und die religiösen Bücher auf dem Tisch. Die Pflegefachfrau machte die Patientin auf unser Angebot aufmerksam. Sie ist schwer krank, kann aber noch gut für sich selbst sorgen. Schon beim ersten Besuch spürte ich, dass sie neben ihrem Gesprächsbedürfnis auch eine sehr lebendige spirituelle Praxis pflegt. Ich entdeckte verschiedene Bücher über Heilmeditationen bei ihr und fragte sie, da das Meditieren zu meinem seelsorglichen Verständnis gehört, ob sie mit mir meditieren möchte. In der Folge besuchte ich sie alle zwei Wochen. Wir sprachen ein wenig über ihre Situation, und ich leitete sie dann zu einer Heilmeditation an. Inzwischen besucht sie auch der Pfarreiseelsorger alle zwei Wochen zur religiösen Gesprächen.
«Gerade bei schwerkranken Menschen ist auch das spirituell-religiöse Bedürfnis gross.»

Gibt es Anliegen, die immer wieder erfragt werden?
Da sein, Empathie zeigen, Rücksicht nehmen auf Müdigkeit oder andere belastende Symptome. Jemand der vielmehr zuhört als selbst spricht. Jemand, der nicht in einen engen zeitlichen Rahmen eingebunden ist, das kann Seelsorge leisten, weil wir die Zeit nicht dokumentieren müssen. Das wird sehr geschätzt. Gerade bei schwerkranken Menschen ist auch das spirituell-religiöse Bedürfnis gross, der Wunsch nach einem Brückenschlag zu einer transzendenten Kraft, zu Gott. Noch stehen viele hochaltrige Menschen in einem kirchlichen Bezug, aber das wird sich ändern. Unser Angebot ist so offen, dass wir zwar den christlichen Bezug anbieten, aber absolut ohne Druck. Wir sind einfach da als Menschen und in der Begegnung mit dem vulnerablen kranken Menschen.

Was für Erkenntnisse und Rückschlüsse ziehen Sie aus dem ersten Jahr?
Eine ganz wichtige Erkenntnis war, dass wir Vertrauen aufbauen müssen. Insbesondere den spezialisierten Teams ist es wichtig, dass sie wissen, wer für den Besuch vorbeikommt. Ihnen fällt es einfacher, fragile Menschen auf das Angebot aufmerksam zu machen, wenn sie wissen, dass sich jemand aus unserem Team mit einer speziellen palliativen Ausbildung bei den Patienten meldet.

Die Stadt Basel betreibt eine interreligiöse Hotline. War das im Kanton Zürich kein Thema?
Doch, selbstverständlich. Das interreligiöse Miteinander ist in den Spitälern so selbstverständlich geworden. Fünf Prozent der Menschen im Kanton Zürich sind muslimischen Glaubens. Seit einigen Monaten läuft ein Projekt im Kanton Zürich, um muslimische Seelsorger auszubilden. Daran sind wir ebenfalls beteiligt. Mittlerweile haben wir einen gewissen Adressstamm, der uns ermöglicht, muslimische Seelsorger zu vermitteln, wenn dieser Wunsch besteht. Es gab bislang erst eine solche Anfrage, die wir problemlos organisieren konnten. In Zukunft wird das wichtiger werden, und wir können uns vorstellen, dass wir dafür auch das Team entsprechend aufstocken würden. Aktuell sind die vorhandenen Ressourcen relativ gering, da die muslimischen Organisationen vor allem ehrenamtlich tätig sind. Wir haben auch Kontakte zur jüdischen Seelsorge. Meist sind die Menschen jüdischen Glaubens aber in einer Synagoge eingebunden ist. Entsprechend kontaktieren sie in der Regel die dortigen Seelsorger.

Derzeit ist die Hotline zu Bürozeiten zu erreichen. Oft sind aber gerade in der Nacht oder am Wochenende die Sorgen besonders gross. Braucht es nicht gerade auch für Notfallsituationen ein umfassenderes Angebot?
Aus Ressourcengründen ist das im Moment noch nicht möglich. Aber wir haben bislang auch keine Rückmeldungen erhalten, dass das Angebot nicht genügen würde. Im ersten Jahr gab es keine Notfallsituationen, die eine sofortige Begleitung beispielsweise in der Nacht nötig gemacht hätten. Die Hotline ist so organisiert, dass immer jemand aus dem Team während eines Monats die Verantwortung für das Telefon übernimmt. Ist er oder sie gerade in einem Gespräch, schaltet sich der Telefonbeantworter ein. Wann immer möglich, antwortet einer von uns Seelsorgenden direkt. Das ist in etwa 80 Prozent der Fälle möglich. Ich kann mich an einen Anruf erinnern, der über das Wochenende hereinkam. Auch da habe ich gleich zurückgerufen und nicht den Montag abgewartet. Gerade die Spitexverantwortlichen sind enorm froh, dass sie unsere Nummer haben und einen unserer Seelsorgenden direkt erreichen können.
palliative zh+sh, gme