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«Palliative Care darf nicht an fehlenden Angeboten scheitern»

«Palliative Care darf nicht an fehlenden Angeboten scheitern»

Stephanie Züllig folgt auf Monika Obrist als Geschäftsleiterin von palliative zh+sh. (Grafik: gme)

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05. Oktober 2021 / Region
Seit dem 1. September ist Stephanie Züllig die neue Geschäftsleiterin von palliative zh+sh. Die promovierte Biologin bringt viel Erfahrung im Gesundheitswesen mit und weiss auch aus eigener Erfahrung, wie viel eine gute Palliative Care bei Betroffenen und Angehörigen auslösen kann.
Herzlich willkommen bei palliative zh+sh, liebe Stephanie. Wer bist Du?
Stephanie Züllig: Ich beginne mal mit dem Persönlichen: Ich bin 46 und lebe mit meiner Familie in Baden. Dazu gehören mein Mann Martin und unsere beiden Söhne, der zwölfjährige Simon und der zehnjährige Nicolas. Mir ist wichtig, im Einklang mit der Natur zu leben, in meiner Freizeit bin ich sehr gern draussen an der frischen Luft, freue mich an den Blumen, die draussen wachsen. Daneben mache ich seit zwölf Jahren Yoga, in erster Linie als sportliche Betätigung. Beruflich bin ich Biologin und habe meine Dissertation in der onkologischen Grundlagenforschung gemacht. Anschliessend wechselte ich zur SAKK, die nicht-profit orientierte klinische Krebsforschung ermöglicht. Das hat mir gezeigt, dass mir neben der Forschung die Vernetzung mit dem Gesundheitswesen und der Politik gut gefällt. Später war ich beim BAG in die Erarbeitung des Humanforschungsgesetzes involviert, bis ich zur Stiftung Patientensicherheit Schweiz wechselte und dort ein Programm leitete, um Spitäler für einen zurückhaltenderen Einsatz von Blasenkathetern zu sensibilisieren. Beim Verein QualiCCare leitete ich ein Projekt, bei dem es um die Verbesserung der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit multimorbiden chronischen Erkrankungen ging. In der Folge nahm ich mir eine Auszeit. Per Zufall stiess ich während dieser Zeit auf das Stelleninserat von palliative zh+sh und weil es mit der Anstellung klappte, konnte ich diese Pause auch sehr unbeschwert geniessen.

Warum dieser Wechsel in die Palliative Care?
Ich finde das Thema sehr wichtig. Durch meine eigene Erfahrung – meine Mutter ist letztes Jahr an Krebs erkrankt und wurde vor ihrem Tod palliativ betreut – habe ich gesehen, wie viel eine gute Palliative Care bei den Betroffenen, aber auch bei den Angehörigen auslösen kann. Ich fühlte mich getragen und hatte den Eindruck, dass hier Menschen arbeiten, die verstehen, worum es geht. Es steht nicht der kurative Ansatz um jeden Preis im Vordergrund, sondern man akzeptiert auch, wenn eine Krankheit so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht mehr heilbar ist. Trotzdem wird dafür gesorgt, dass man den Weg, der noch vor einem liegt, gut und mit einer selbstbestimmten Lebensqualität gehen kann. Trotzdem gab es auch da Dinge, die schwierig waren und zu Brüchen führten. Bei uns war es zum Beispiel so, dass der Hausarzt, der meine Mutter über Jahrzehnte hinweg betreut hat, in dieser Phase nicht wahrnehmbar war. Und ich habe nicht verstanden, warum er nicht an Bord war. Wenn es darum ging, weitere Schritte zu besprechen, lief das Gespräch mit der Onkologin, nicht mit dem Hausarzt.
«Durch meine Tätigkeit bei verschiedenen Non-Profit-Organisationen habe ich Erfahrung, welche Probleme sich stellen.»

Du hast einen breiten Rucksack an beruflicher Erfahrung im Gesundheitswesen geschultert. Wo siehst Du die Berührungspunkte zur Palliative Care?
Da ist zum einen das Wissen, das ich aus der Onkologie mitbringe. Und sicher schwingen bei mir die Patientensicherheit und die Qualitätssicherung immer mit. Das sehe ich auch in der Palliative Care als zentrales Anliegen. Genauso wichtig finde ich, dass Palliative Care evidenzbasiert gemacht wird und man belegen kann, dass sie etwas bewirkt. Da spiegelt sich mein Forschungshintergrund. Menschen, die Palliative Care in Anspruch nehmen sind, sind oft multimorbid. Es ist sehr wichtig, dass der Informationsfluss und die Koordination funktionieren. Das sind in etwa die gleichen Probleme, auf die ich auch früher gestossen bin. Dass die Medikamentenliste immer auf dem neuesten Stand und auffindbar ist, solange das EPD nicht funktioniert: Das sind alles Fragen, über die ich in meinem Berufsleben schon oft gestolpert bin und die noch nicht gelöst sind. Ergänzend kann ich sagen, dass ich durch meine Tätigkeit bei verschiedenen Non-Profit-Organisationen Erfahrung habe, welche Probleme sich stellen, wo der Schuh drückt. Ich sehe mich als Generalistin und von daher kommt mir die Arbeit hier als Geschäftsleiterin sehr entgegen. Es gibt die fachliche Komponente, man erledigt Strategisches und Administratives, hat mit verschiedenen Stellen und Menschen Kontakt und organisiert viel, das gefällt mir.

Was hast Du bereits kennengelernt und wie arbeitest Du Dich ins Thema Palliative Care ein?
Ich konnte bis jetzt in zwei verschiedenen Settings hospitieren. Einmal bei Palliaviva, einem ambulanten spezialisierten Palliative-Care-Dienst, wo ich bei einem Erstgespräch und bei einer Notfallplanung dabei sein konnte. Ich war sehr beeindruckt von der Arbeit der Pflegefachfrau, die sehr einfühlsam und gleichzeitig sehr kompetent agierte. Ich war aber ebenso beeindruckt von den Klienten, es braucht ja auch eine grosse Offenheit, Menschen in seine Privatsphäre zu lassen. Eine weitere Hospitation konnte ich am Kompetenzzentrum Palliative Care am Universitätsspital Zürich bei Professor David Blum absolvieren. Ich war überrascht, wie anders hier der medizinische Ansatz funktioniert. Im Gegensatz zu anderen Stationen wirkte die Palliativstation wie entschleunigt. Oder vielleicht muss ich besser sagen, man spürt eine sehr grosse Empathie. Und trotz der anspruchsvollen Arbeitssituation mit sterbenskranken Menschen, wird hier sehr viel gelebt und auch der Humor kommt nicht zu kurz.

Wohin soll palliative zh+sh sich entwickeln?
Ich habe noch nicht alles gesehen, mich erwarten noch Hospitationen in der Langzeitpflege und eine Einführung in die palliative Pädiatrie. Aber so viel kann ich sagen: Ganz zentral ist für mich, dass alle Menschen eine Palliativbehandlung erhalten können, die das möchten, unabhängig vom Alter, ihrer Diagnose und ihrem sozioökonomischen Status. Es darf nicht an finanziellen Fragen oder an zu wenigen Angeboten scheitern. Die demographische Entwicklung zeigt, dass es in den kommenden Jahren immer mehr gebrechliche, multimorbide Menschen geben wird, die irgendwann aufgrund ihrer Erkrankungen palliativ behandelt werden. Sie sollen eine gute Betreuung erhalten, gleichzeitig darf man die Kinder oder jüngere Menschen nicht vergessen. Und gleichzeitig soll Palliative Care nicht nur bei Krebserkrankungen zum Zug kommen, sondern auch bei anderen unheilbaren Krankheiten. Weiter verfolgt werden muss auch der Ansatz, dass spezialisierte Palliative Care in Pflegeheimen angeboten werden kann.
«Ich finde es wichtig, dass die Fachpersonen sichtbarer werden.»

Wie ist der Spagat zu meistern, einerseits die Bevölkerung zu sensibilisieren und andererseits für Fachkräfte interessant zu sein?
Ich glaube dieser Spagat wird bleiben, ich finde es aber wichtig, dass die Fachkräfte aus der Palliative Care nach aussen besser sichtbar werden. Durch Corona zeigte sich eine grosse Kluft zwischen Wissenschaft und Bevölkerung. Ich sehe es als grosse Chance, dass das Wissen der Fachpersonen zur Bevölkerung getragen wird und dort auch ankommt. palliative zh+sh hat diesen Spagat bis jetzt sehr gut gemeistert. Bis auf weiteres werde ich so auch weiterfahren. Die Entwicklungen werden zeigen, was in Zukunft nötig sein wird.

Welche Hürden stehen in den nächsten Monaten an?
Ich würde es nicht als Hürde bezeichnen, aber eine Herausforderung wird sicher die Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Zürich sein, die wir neu verhandeln und in der wir unsere Strategie aufzeigen müssen. Das wird uns in den nächsten Wochen und Monaten beschäftigen.

Das Abschiedsinterview mit Monika Obrist erscheint in zwei Wochen.
palliative zh+sh, Gabriela Meissner