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Sterben live: «Man kann sich doch erst einmal einfach wundern!»

Sterben live: «Man kann sich doch erst einmal einfach wundern!»

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Über Darstellungen vom Sterben diskutieren: Das möchten die Veranstalter_innen von «Sterben live» mit Filmemachern, Wissenschaftlerinnen, Fachpersonen und Betroffenen. (Bild: Unsplash)

Nina Streeck

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte und an der Professur für Spiritual Care an der Universität Zürich hat ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte im Bereich der Ethik des Lebensendes und der Palliative Care, der Narrativen Ethik und Medizin sowie der Spiritualität im Gesundheitswesen. Vor ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitete Streeck als Wissenschaftsjournalistin und Kolumnistin bei der «NZZ am Sonntag» sowie als Wirtschaftsredakteurin für die «Weltwoche» und die «Bilanz». Sie studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Münster, Fribourg und Zürich und absolvierte Zweitstudien der Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München und der Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

«Sterben live»

Die Veranstaltungsreihe «Sterben live» beginnt am Dienstag, 13. März 2018 mit einer Einführung und dem Film «Ein Sommer für Wenke» (2012, Max Kronawitter).
Zur Einführung sprechen Flurin Condrau über die jüngere Geschichte des Umgangs mit Tod und Sterben und Corina Caduff über den Tod in den neuen Medien. Nach dem Film diskutieren Max Kronawitter (Filmemacher), Eva Bergsträsser (Kinderpalliativmedizin, ZH) und Allan Guggenbühl (Psychologie).

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07. März 2018 / Region
«Sterben live» heisst eine öffentliche Veranstaltungsreihe an der Universität Zürich, die am 13. März 2018 beginnt. Sie nimmt ein aktuelles Phänomen unter die Lupe und gibt vor allem Raum für Diskussionen rund um unseren Umgang mit Sterben und Tod.
«Wie der Tod cool wurde», titelte der englische «Guardian» Mitte Januar in einer Longform und schrieb, das «gute Sterben» sei quasi zu einer Besessenheit unserer Zeit geworden. Das widerspiegelt sich auch in den Medien, wo immer mehr und immer wieder auch sehr persönlich über Sterben und Tod geschrieben und gesprochen wird. Mit diesem Phänomen befasst sich nun eine öffentliche Veranstaltungsreihe der Universität Zürich. «Sterben und Tod begegnen uns in den Medien auf Schritt und Tritt. Unheilbar Kranke erzählen in Weblogs oder auf Youtube ihre Leidensgeschichte, Sterberatgeber füllen die Bücherregale und Filmemacher begleiten Sterbende in den letzten Wochen und Monaten ihres Lebens. Dass wir anderen Menschen beim Sterben unmittelbar zuschauen können, wirft jedoch auch Fragen auf», heisst es in der Ausschreibung von «Sterben live». An den fünf Veranstaltungen wird jeweils ein Dokumentarfilm über das Sterben und den heutigen Umgang mit dem Lebensende gezeigt und anschliessend wird mit den Filmemachern und weiteren Teilnehmenden diskutiert.
«Wie das Sterben in Filmen, aber auch in Zeitungen, Zeitschriften, Talkshows oder Blogs dargestellt wird, sagt etwas über unseren Umgang mit dem Lebensende aus.»

Nina Streeck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte (IBME) und an der Professur für Spiritual Care an der Universität Zürich. Sie hat zusammen mit Anna Magdalena Elsner und Tobias Eichinger die Veranstaltungsreihe organisiert. Elsner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Institute Romanisches Seminar und Biomedizinische Ethik, Eichinger ist Filmwissenschaftler und Philosoph und arbeitet als Oberassistent ebenfalls am IBME. Pallnetz.ch hat mit Nina Streeck gesprochen.

Warum braucht es die Diskussion über Filme übers Sterben?
Nina Streeck: Wie das Sterben in Filmen, aber auch in Zeitungen, Zeitschriften, Talkshows oder Blogs dargestellt wird, sagt etwas über unseren Umgang mit dem Lebensende aus. In diesen Darstellungen geht es sehr oft um Sterbehilfe oder Palliative Care, und es zeigt sich, welche Einstellungen dazu in der Gesellschaft vorherrschen. Das wirkt sich wiederum auf unsere individuellen Vorstellungen aus, wie man das so macht mit dem Sterben, wie man damit umgeht, und darum sollten wir darüber diskutieren. Mich interessiert: Was werden hier für Leitbilder und Ideale transportiert? Sind die nur gut oder kann man sie auch kritisch hinterfragen?

Und es ergeben sich natürlich auch konkrete ethische Fragen. Wie wird Sterbehilfe dargestellt? Darf man das so machen? Oder beim Thema Demenz: Darf man seine eigene Mutter filmen? Oder ein Kind?

Was ist Ihr Ziel mit dieser Veranstaltungsreihe?
Wir wollen Raum geben, um diese Fragen zu diskutieren. Filme sind ein sehr guter Auftakt für solche Diskussionen. Wir wünschen uns, miteinander über diese Themen ins Gespräch zu kommen. Und zwar unter Betroffenen und unter Fachleuten. Wir hoffen, dass auch Leute aus dem Universitätsspital kommen. Aber die Anlässe sind explizit für alle Interessierten offen. Wir wollen Begegnungen zwischen Betroffenen und Fachleuten ermöglichen. Vielleicht kommen in einer solchen Diskussion auch mal Fragen auf, die im Klinikalltag nicht unbedingt zum Thema werden.
«Wir wollen Begegnungen ermöglichen zwischen Betroffenen und Fachleuten.»

Was haben die ausgewählten Filme gemeinsam?
Unsere Idee ist, Dokumentarfilme jüngeren Datums zu zeigen, die einen Bezug zur Schweiz haben. Und wir möchten ein breites Spektrum von Themen rund ums Sterben in die Diskussion bringen: Das Sterben eines Kindes und einer dementen Frau, die spirituelle Dimension, die mediale Ästhetisierung des Sterbens und den Sterbetourismus.

In allen Filmen geht es letztlich um das «gute Sterben». Wobei wir vermeiden wollen, dass sich die Gespräche an den Veranstaltungen hauptsächlich um Sterbehilfe drehen, weil das in der öffentlichen Diskussion ohnehin schon der Fall ist. Das Thema gehört dazu, aber es soll eben nicht die Hauptsache sein.

Wie sind die einzelnen Veranstaltungen aufgebaut?
Bei der ersten Veranstaltung am 13. März gibt es eine Einführung durch zwei Referierende. Flurin Condrau spricht über die jüngere Geschichte des Umgangs mit Tod und Sterben und Corina Caduff über den Tod in den neuen Medien. Die beiden Referate beziehen sich auf die ganze Veranstaltungsreihe. An allen weiteren Abenden führen wir dann nur noch kurz ins Thema ein, bevor wir den Film zeigen. Und danach gibt es eben viel Raum für Diskussionen: Zuerst mit den drei Gästen auf dem Podium und danach mit allen Teilnehmenden der Veranstaltung. Insgesamt dauert das jeweils etwa drei Stunden, es braucht also Ausdauer.

Warum sind gemäss Programm keine Betroffenen unter den Gästen?
Weil die hoffentlich im Publikum sitzen und dort mitdiskutieren. «Betroffen» sind letztlich alle, die das Thema interessiert und die sich damit auseinandersetzen wollen. Wir haben als Gäste bewusst immer eine Person aus der Medizin eingeladen, die ganz praktisch mit Sterben zu tun hat. Nur bei einer Veranstaltung ist es jemand aus der Seelsorge, der aber auch am Sterbebett steht. Daneben sind es Fachleute mit anderem Blickwinkel, die nicht unmittelbar Sterbende begleiten und sich aus anderer Perspektive mit dem Thema beschäftigen: Filmemacher, Wissenschaftler, Theoretiker.

Wie kam es zu dieser Veranstaltungsreihe?
Anna Elsner und ich arbeiten beide wissenschaftlich zum Thema Sterben. Für uns lag das Interesse nahe, und uns schwebte schon lange vor, einmal so eine Veranstaltung zu organisieren. Der Filmwissenschaftler und Philosoph Tobias Eichinger interessiert sich schon lange für filmische Auseinandersetzungen mit ethischen Fragen. Jetzt war einfach der Zeitpunkt gekommen, das umzusetzen, weil wir bei unserer Arbeit aktuell schwerpunktmässig so tief im Thema drin sind. Ausserdem liegt es offensichtlich in der Luft. Und dann dauerte es eine Weile, bis wir alle Wunschfilme und -referenten zusammenhatten. Aber wir haben sie jetzt alle dabei.
«Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft in einem konstanten Diskussionsprozess bleiben.»

Wie sieht Ihre eigene Position zum Phänomen «Sterben live» aus?
Ich finde natürlich gut, wenn diese Diskussionen stattfinden. Wenn über Ausnahmesituationen unter Einbezug von existenziellen und ethischen Fragen gesprochen wird. Es ist wichtig, dass wir in einem konstanten Diskussionsprozess bleiben. Und dabei gibt es manchmal eben auch Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. Natürlich stolpere ich darüber, wenn ich zum Beispiel in Zeitungen regelrechte Heldengeschichten über Menschen lese, die durch einen assistierten Suizid aus dem Leben gegangen sind. Derartige Heldengeschichten gibt es auch im Zusammenhang mit Palliative Care. Es ist mein Anliegen, über solche Darstellungen von «Sterben live» zu diskutieren, aber es geht mir nicht darum, bestimmte Umgangsformen mit dem Lebensende abzuschaffen. Ich will zunächst nur fragen: Was läuft denn da? Wie gehen wir heute mit dem Sterben um? – Um zu einem kritischen Reflexionsprozess anzuregen. Und ich will auch nach der Darstellung fragen: Wie wird hier eigentlich geredet? Man kann sich doch erst einmal einfach wundern! Es ist doch ganz seltsam, dass wir uns im Kino angucken, wie beispielsweise eine demente Frau stirbt. Was gucken wir uns da an? Was wird da transportiert? Was löst das bei uns aus? Wie wirkt sich das auf unsere eigene Vorstellung vom Sterben aus? Um genau solche Fragen zu diskutieren, sind Filme ein guter Einstieg. Man kann sehr gut miteinander ins Gespräch kommen, wenn man denselben Film geschaut hat.
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