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«Manche wollen einfach nur 100 werden und leben»

«Manche wollen einfach nur 100 werden und leben»

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Auch hochbetagte Menschen sollen frei sein in ihren Behandlungswünschen. (Bild: Fotolia)

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Anne-Marie Zimmermann
Anne-Marie Zimmermann ist Leiterin Pflege und Betreuung in der Tertianum Residenz Brunnehof in Uster

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Beitrag in der SRF-Newssendung 10vor10,7.4.2020

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09. April 2020 / Region
Ältere Menschen stehen in der Corona-Krise besonders im Fokus. Und sie stehen unter Druck. Der Kanton Zürich fordert hochbetagte Personen in Altersheimen auf, schriftlich festzuhalten, ob sie im Falle einer Covid-19-Erkrankung ins Spital wollen und wie weit die Intensivpflege gehen soll. palliative zh+sh hat im Tertianum Brunnehof in Uster nachgefragt.
Wie erleben Sie die aktuelle Situation der Pandemie?
Anne-Marie Zimmermann: Es ist eine eigenartige Zeit. Auf der einen Seite schätze ich die Ruhe, die eingekehrt ist, dadurch, dass praktisch alles heruntergefahren wurde. Auf der anderen Seite verspüre ich eine seltsame Stimmung, weil man nicht weiss, was noch alles auf einen zukommt.
Wie gehen Ihre Bewohnerinnen und Bewohner damit um?
Unsere Gäste empfinden die Situation wohl ähnlich und erkennen den Ernst der Lage. Die meisten arbeiten gut mit, bleiben im Haus und ziehen sich zurück. Für einige kommen Erinnerungen aus den Kriegsjahren zum Vorschein – die Ruhe draussen, das Hören von Hamsterkäufen.

Nun ist es bereits die dritte Woche, in dem Ihr Haus für Besucher gesperrt ist. Wie ist das auszuhalten?
Das ist ein gravierender Einschnitt, denn Besuche, das persönliche Gespräch, der Austausch mit Freunden und Angehörigen gehören für unsere Gäste zum Leben. Unsere Gäste in den 30 Wohnungen mit hausinterner Spitexbetreuung sind über das Telefon autark in ihren Kontakten. Viele haben sich schon frühzeitig auf die Situation vorbereitet und liessen sich von ihren Kindern das Tablet entsprechend einrichten. Auch die über Achtzigjährigen kommen gut damit zurecht und nutzen Skype, um ihre Kontakte zu pflegen. Einige Kinder kommen während der Mahlzeiten, also solange unsere Gäste beim Essen sind und bringen Lebensmittel in die Wohnungen, auf dem Heimweg laufen sie an den Restaurantfenstern vorbei und winken. Also es werden Wege gefunden für sehr kurze soziale Kontakte und familiäre Gesten. Für die Gäste der Pflegeabteilung haben wir zusätzliche Aktivierungen etabliert. Und in unserer Cafeteria bieten wir Kaffeegespräche an und schützen die Gäste durch Plexiglaswände. Diese Eins-zu-eins-Gespräche werden sehr geschätzt, weil sie den persönlichen Kontakt ermöglichen.
«Man wird ja durch die Medien förmlich erschlagen mit Informationen und beängstigenden Schlagzeilen.»

Und was ist für Sie am Schwierigsten auszuhalten?
Wir haben uns im Haus gut vorbereitet, Schutzmaterial und Medikamente aufgestockt. Was mich weiterhin beschäftigt, ist die Ungewissheit, wie es weitergeht. Aktuell haben wir die Lage aber sehr gut im Griff, ich frage mich allerdings ob wir 18 Gäste mit Covid-19, wie gewünscht im Heim bis zum Schluss behandeln können, wenn alle gleichzeitig krank würden.

Wie gross ist der Gesprächsbedarf bei Ihren Gästen zu Covid-19?
Wir spüren eine grosse Unsicherheit. Man wird ja durch die Medien förmlich erschlagen mit Informationen und beängstigenden Schlagzeilen und kann doch nicht differenzieren, was das alles bedeutet. Kurz vor dem Lockdown hatten wir einen Informationsnachmittag geplant zu Palliative Care, die wir schrittweise mit unserem Heimarzt Andreas Weber aufbauen wollen. Dann wurde das Corona-Virus zu so einem grossen Thema, dass wir den Anlass umbenannten. Aber letztlich machte uns das Versammlungsverbot einen Strich durch die Rechnung, wir mussten den Nachmittag absagen. Um dem Informationsbedarf doch gerecht zu werden, stellten wir eine Fragebox auf. Wir haben aber auch realisiert, dass man auch mal wieder über etwas anderes reden möchte, als immerzu über die Pandemie.

Und doch haben Sie ganz konkret mit Ihren Gästen über Patientenverfügungen gesprochen?
Ja, und zwar ganz spezifisch im Hinblick auf eine mögliche Infektion mit Covid-19. Alle unsere Gäste haben bereits eine Patientenverfügung. Doch es war schon länger ein Wunsch von unseren Heimärzten Barbara Loupatatzis und Andreas Weber mit unseren Gästen ACP-Gespräche zu führen, also Advance Care Planning, was so viel wie vorausschauende Behandlungsplanung bedeutet. Also noch genauer die Erwartungen unserer Gäste herauszukristallisieren und zu formulieren, die sie an eine Behandlung haben. Dadurch können sie in der Notfallsituation nachts, in der der Hausarzt nicht erreichbar ist, adäquat im Sinne des Gastes entscheiden.

Und dazu waren alle Ihre Bewohnerinnen und Bewohner bereit?
Einzig ein Ehepaar lehnte das Gespräch zunächst ab. Sie waren der Meinung, dass ihre Kinder und der Hausarzt Bescheid wüssten. Aber dann sassen sie doch beide mit uns an den Tisch, und wir konnten gewisse Widersprüche ausräumen, die sich in der Standardverfügung fanden.
«Ein grosser Teil möchte bei einer Infektion mit dem Corona-Virus am liebsten im Heim bleiben.»

Was zeigte sich in diesen Gesprächen?
Ein grosser Teil möchte bei einer Infektion mit dem Corona-Virus am liebsten im Heim bleiben und dort die gegebenen Behandlungsmöglichkeiten nutzen. Dieses Wissen hilft uns enorm, denn so können wir das dazu nötige Material, Medikamente und Infusionen, zusammentragen und uns vorbereiten, falls jemand erkranken würde. Aber ganz abgesehen von den medizinischen Details, bekam das Gespräch bereits mit der ersten Frage «Wie gerne leben Sie?» einen ganz speziellen Dreh. Viele haben aus ihrem Leben erzählt, von ihrer Lebensfreude, ihren ganz persönlichen Schicksalen. Ich habe manche unserer Gäste ganz neu kennengelernt. Im Verlauf der Gespräche kamen wir vom Persönlichen auf die schwierigen Themen rundum Covid-19. Durch die Informationen im ersten Teil des Gesprächs gelang es uns zu verstehen, warum die Gäste die jeweiligen Behandlungsmöglichkeiten wählen, was wiederum half das wirklich passende Vorgehen für sie herauszufiltern. Manche sind deswegen eher zu einer umfassenden Behandlung bereit, weil sie ihrem Partner oder der Partnerin nicht zumuten möchten, dass sie allein zurückbleiben müssen. Andere wiederum wollen einfach nur 100 werden und leben. Wieder andere haben sich schon lange damit auseinandergesetzt, dass ihr Leben jeden Tag vorbei sein könnte und finden das auch gut so. Es waren sehr differenzierte Gespräche, und viele Entscheide ergaben sich erst durch das Aufzeigen der Konsequenzen der jeweiligen Behandlungsmöglichkeiten.

In Deutschland sind mehrere Pflegeheime stark vom Corona-Virus stark betroffen. Wie schützen sich Ihre Mitarbeitenden?
Wir haben eine Eintrittskontrolle, gleich bei Dienstbeginn wird die Temperatur gemessen, die Handhygiene hat oberste Priorität, und wir begegnen einander und den Gästen nur noch mit Schutzmaske. Noch bevor wir das alles initiiert haben, informierten wir unsere Gäste darüber, damit sie wissen, dass wir sie damit vor uns schützen, weil wir von aussen kommen. So wurden die Massnahmen gut akzeptiert.

Was ist Ihre grösste Sorge?
Wir schützen uns so gut wie nur irgend möglich, wir sind ausgerüstet mit Schutzmaterial und Medikamenten, aber mein grösster Wunsch derzeit ist, dass wir das Virus in unserem Haus weder bei Mitarbeitenden noch bei Gästen ausbricht.

Wie schützen Sie sich selbst?
Ich mache nur noch den Weg zur Arbeit und zurück, und ansonsten bin ich zu Hause. Vielleicht gehe ich mal eine Stunde spazieren, so kann man die Distanz gut einhalten. Abstand halten zu anderen Menschen ist das wichtigste derzeit.
palliative zh+sh, Gabriela Meissner