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Für Körper und Seele im Einsatz

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Seit sieben Jahren arbeitet Kerstin Zeller als Physiotherapeutin in der Langzeitpflege. Nun schafft sie sich mit psychosozialer Beratung ein weiteres Standbein. (Bild: zvg)

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04. November 2019 / Region
Als Physiotherapeutin in der Langzeitpflege fühlt sich Kerstin Zeller enorm wohl und wertgeschätzt. Weil hinter physischen Problemen oftmals die Seele steckt, hat sich die 47-jährige Schaffhauserin zur psychosozialen Beraterin weitergebildet und baut nun ihre eigene Praxis auf. Beratung bei Demenzerkrankungen und im palliativ-medizinischen Bereich machen einen wichtigen Teil ihrer Arbeit aus.
Kerstin Zellers Erfahrungen als Physiotherapeutin sind breit gefächert. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie einige Jahren in der Neurorehabilitation für Kinder und Jugendliche, bevor es sie an das Kantonsspital Winterthur weiterzog, wo sie auch Erwachsene behandelte. Als weitere Stationen in ihrer beruflichen Laufbahn folgten das Kinderspital Zürich und später eine Physiotherapiepraxis in Winterthur. Seit sieben Jahren arbeitet sie in einem Gebiet, von dem sie zunächst sagte, dass sie da nie hinmöchte: in der Geriatrie. Eine begeisterte Kollegin war «schuld» an diesem Wechsel. «Sie lud mich ein, mal vorbeizuschauen und schwärmte davon, wie schön es sei, mit älteren Menschen zu arbeiten», erzählt Kerstin Zeller im Gespräch. «Und schon bei meinem ersten Besuch wusste ich, wo von sie spricht.»
«Betagte Menschen stehen an einem anderen Punkt im Leben, sind vielem gegenüber entspannter und gelassener.»

Seitdem ist die gebürtige Deutsche, die direkt ennet der Grenze zu Schaffhausen aufgewachsen ist, in einer Langzeitinstitution in der Stadt Zürich tätig und hat diesen Wechsel nie bereut. «Die Wertschätzung der Bewohnerinnen und Bewohner ist sehr gross», erklärt sie ihre Begeisterung. «Sie geniessen die Aufmerksamkeit, die sie erhalten und schätzen es, dass jemand für sie da ist.» Es sei insgesamt ein bewussteres Arbeiten für beide Seiten. Alles geschehe etwas langsamer, was einem auch selbst entschleunige. «Betagte Menschen stehen an einem anderen Punkt im Leben, sind vielem gegenüber entspannter und gelassener, haben andere Werte in diesem Lebensabschnitt.» Was die Arbeit herausfordernd macht, ist der Umstand, dass es nicht einfach das Trainingsprogramme X oder Y gibt, die man anwenden kann. «Ich muss herausfinden, was diese Menschen noch können, wo sie spezielle Unterstützung brauchen und wie gross ihre kognitiven Fähigkeiten sind.» Die Wertschätzung spürt Kerstin Zeller in jenen Momenten, wenn sie etwa ein Zimmer betritt und ein Bewohner zu seinem Gesprächspartner am Telefon sagt: «Ich muss jetzt auflegen, meine Physiotherapeutin kommt zu mir». Oder dass deswegen der Besuch weggeschickt wird. Auch ein herzliches Dankeschön nach der Behandlung oder ein «Hallo Frau Zeller», wenn sie durchs Haus geht, erachtet sie als solche Zeichen.

Erinnerungen als wichtiger Türöffner

Doch wie geht sie mit Menschen um, die gar nicht mehr realisieren, wenn sie kommt? «Ich bin mir sicher, dass auch unsere demenzkranken Bewohner wahrnehmen, dass ich da bin und mit ihnen arbeite.» Das wichtigste sei, dass sie sich vorher gut erde, und mit ihren Gedanken ganz im Hier und Jetzt sei und nicht bei anderen Patienten oder bei einem Bericht, der noch geschrieben werden müsse. «Wenn sie unruhig werden, hat das oft damit zu tun, dass ich mit meinen Gedanken zu wenig anwesend bin.» Mit Demenzbetroffenen arbeitet Zeller beispielsweise auf Rasen oder unebenen Böden, um die Balance zu üben und so Stürzen vorzubeugen. Auch das Fahren auf Sitzrädern oder Krafttraining stehen auf dem Programm. Oft fragt sie bei den Angehörigen nach, was dem oder der Betroffenen früher Spass gemacht hatte. Wenn sie dann etwas trainiert, was Erinnerungen weckt, ist das meist ein wichtiger Türöffner.
«Manchmal fliessen auch bei mir mal die Tränen, aber das ist normal, das muss man lernen.» Kerstin Zeller

Die 47-Jährige erzählt von einem Erlebnis, das sie besonders beeindruckt hat, als sie auf der Demenzstation aushalf und einer demenzkranken Bewohnerin das Essen eingab. «Sie sprach nicht, ich konnte keinen Blickkontakt aufbauen, doch als ich ging und ihr einen schönen Tag wünschte, sagte sie plötzlich zu mir: ‹Das wünsche ich Ihnen auch›.» Solche Momente zeigten ihr, wie wichtig jede Geste und jedes Wort sein können. Den Wechsel in die Geriatrie hat sie entsprechend nie bereut, trotz der Abschiede, die zum Berufsleben gehören. Sie schätzt es, wenn sie bis zuletzt Unterstützung bieten kann. «Bei uns kommt die Physiotherapeutin auch in der Endphase zum Einsatz, vielleicht bietet eine Atemübung Erleichterung, vielleicht genügt es aber auch, wenn ich einfach die Hand halte.» Das Gefühl der Vertrautheit sei bei den Sterbenden noch da. Auch die Angehörigen schätzen es, wenn Kerstin Zeller tröstet, vielleicht jemanden in den Arm nimmt. «Natürlich fliessen dann auch bei mir mal die Tränen, aber das ist normal, das muss man lernen.»

Als sie die Arbeit in der Langzeitpflege aufnahm, merkte sie, wie wichtig es ist, dass sie sich auch selbst ganz intensiv mit dem Thema Sterben und Tod auseinandersetzen muss. Auch damit, wie man dem eigenen Tod begegnen will. «Es ist zwar nicht einfach, aber wenn man sich damit beschäftigt, merkt man auch, wie wichtig es ist, in diesem Thema die Eigenverantwortung zu übernehmen.» Das nehme auch die Angst davor. Auch wenn es traurige Situationen gibt, findet sie in ihrer Arbeit auch viele schöne Momente, gerade den Humor der älteren Menschen, der oftmals entwaffnend ehrlich sei, schätzt Kerstin Zeller sehr. Und weil ihre Arbeit mit so viel Freude verbunden ist, fällt es ihr leicht, daraus Energie zu tanken. «Es gibt Situationen, bei denen ich mich innerlich abgrenzen muss», so die Physiotherapeutin mit 22 Jahren Berufserfahrung. «Doch wenn mir Dinge Spass machen, habe ich hinterher fast mehr Energie als zuvor.»

Gemeinsame Praxisräume mit der Schwester

In ihren sieben Jahren in der Geriatrie hat Kerstin Zeller schon verschiedene interne Schulungen besucht. Nun hat sie privat eine Weiterbildung zur psychosozialen Beraterin absolviert. «Als Physiotherapeutin steht das Körperliche im Zentrum, aber oft steckt die Seele, das psychische Befinden hinter etwas, das Probleme bereitet», nennt sie den Grund für ihre Weiterbildung. Zunächst begann sie die Ausbildung einfach für sich, im zweiten Teil musste sie sich entscheiden, ob sie auch beruflich in diesem Bereich tätig sein möchte. Darüber musste sie nicht lange nachdenken. Es war das, was ihr noch fehlte, eine Art Abrundung ihrer Tätigkeit. Als sie letztes Jahr die dreijährige Ausbildung abschloss, begann sie, sich an ihrem Wohnort Schaffhausen nach Räumlichkeiten für ihre Praxis umzusehen und wurde bald einmal im Gesundheitszentrum Stauffacher fündig. Die Praxisräume teilt sie sich mit ihrer Schwester Christine Ritzi-Zeller, die mit der gleichen Ausbildung Persönlichkeitsentwicklung, Karriere- und Führungskräftecoaching anbietet.
«Es ist wichtig, dass pflegende Angehörige nicht ihr ganzes Leben aufgeben, sondern sich sich Energienischen sucht, um wieder aufzutanken.»

Mit ihrer «Praxis für Beratung & Begleitung» unterstützt Kerstin Zeller beispielsweise Angehörigen von schwer kranken Menschen, die überfordert sind, vielleicht Schwierigkeiten haben, die Krankheit zu akzeptieren. «Es ist wichtig, nicht sein ganzes Leben aufzugeben, um jemanden zu pflegen, sondern dass man Unterstützung holt und sich Energienischen sucht, um wieder aufzutanken.» Sie berät aber auch Kinder und Jugendliche und deren Eltern und sieht sich so als neutrale Anlaufstelle etwa bei Leistungs- oder sozialem Druck. Nebst Planung und Beratung für Personen im vierten Lebensabschnitt bietet Kerstin Zeller zudem Unterstützung und Begleitung bei Demenzfällen in Familien sowie im palliativ-medizinischen Bereich. «Meine Beratung hilft, die vielen Fragen und Ängste anzugehen und so die Zeit trotz der belastenden Situation positiv zu gestalten.»

Die Stärken ausleben und verwirklichen

Die letzten Monate hat Kerstin Zeller genutzt, um ihr Angebot in Schaffhausen bekannt zu machen. Sie schrieb sämtliche Ärztinnen und Ärzte in der Stadt an, vernetzte sich mit verschiedenen Organisationen, unter anderem mit dem Verein palliative-schaffhausen, einer Regionalsektion von palliative zh+sh, und knüpfte Kontakte zur lokalen Spitex. Als eine der grösseren Hürden nennt Zeller den Umstand, dass ihre Leistungen im psychosozialen Bereich nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Ihr Angebot fänden viele hilfreich, aber davor zurückschrecken würden, wenn sie es selbst bezahlen müssen. Sie ist aber überzeugt, dass sich diese Einstellung verändern wird. «Es kommt eine neue Generation, die bereit ist, für Angebote, die ihnen guttun, auch etwas zu bezahlen.» Zu manchen ihrer Klienten findet sie den Einstieg über die Physiotherapie. Bei schwerkranken Menschen bietet sie auch Domizilbehandlungen bei den Betroffenen zu Hause an. Wenn die Vertrauensbasis geschaffen sei, wachse auch die Bereitschaft über andere Dinge zu sprechen.

Dass sie nun ihre beiden Berufe miteinander verknüpfen kann, gefällt Kerstin Zeller. «Wenn jemand zur Physiotherapie kommt und ich merke, dass da noch ein anderer ‹Knopf› zu lösen ist, finde ich es sehr faszinierend, wenn ich unterstützen kann und es der Person dann besser geht», erklärt sie. Faszinierend auch deshalb, weil sie aus allen ihr zur Verfügung stehenden Schubladen ihres Wissens und ihrer Erfahrung das herausziehen könne, was letztlich zum Erfolg führe. Dass der Aufbau ihrer Praxis kein einfaches Unterfangen ist, schreckt sie nicht ab. «Ich kann damit ausleben, wofür ich brenne und mich in einem Bereich verwirklichen, wo ich meine Stärken habe.»
palliative zh+sh, Gabriela Meissner