palliative zh+sh

Leben können – sterben dürfen

Weitere Infos

Portrait

Weitere Infos zum Thema

Dokumente zum Thema

Video zum Thema

15. März 2019 / Region
Die erste schweizerische Fachtagung Palliative Geriatrie stiess auf grosses Interesse. Mit 220 Teilnehmenden geriet das Kongressforum im Zürcher Stadtspital Waid an seine Grenzen. In zahlreichen Referaten, Workshops, aber auch in einem Quadrilog und in Plenumsdiskussionen zeigte sich, wie breit das Thema gefächert ist. Aber auch, wie viel es noch zu tun gibt.
Jedes Jahr im Herbst lädt die Fachgesellschaft Palliative Geriatrie (FGPG) zu einer Fachtagung nach Berlin. Dass nun im Frühjahr eine Veranstaltung in Zürich stattfindet, ist nicht als Konkurrenz gedacht. «Eine Reise nach Berlin ist für viele Budgets von Schweizer Pflegeinstitutionen nicht denkbar», erklärte Roland Kunz, Chefarzt für Akutgeriatrie und Zentrum für Palliative Care am Stadtspital Waid und FGPG-Vorstandsmitglied, bei der Begrüssung der 220 Teilnehmenden. Dass der Anlass ausgebucht sei, zeige, dass das Interesse an Palliativer Geriatrie auch in der Schweiz gross sei.
«Exit und Dignitas dürfen nicht die einzige Möglichkeit sein, einem entwürdigenden Leben zu entkommen.» Marina Kojer Ehrenvorsitzende Fachgesellschaft für Palliative Geriatrie

Nach einer kurzen Begrüssung durch André Zemp, der den beiden Stadtspitälern Waid und Triemli als Spitaldirektor vorsteht, war es an der Wiener Honorarprofessorin Marina Kojer, einige Worte an das Publikum zu richten. Die laut Kunz «Grande Dame der Palliativen Geriatrie» sparte nicht mit Kritik. Die Devise «warm, satt und sauber», wie sie noch vor einigen Jahrzehnten gegolten habe, um alte Menschen zu versorgen, genüge den heutigen Bedürfnissen bei weitem nicht und habe diesen Anforderungen ihrer Erfahrung nach schon früher nicht entsprochen. «Die Zahl der multimorbiden Menschen wird immer grösser, und nur schon aus eigenem Interesse, weil wir alle sehr alt werden können, muss es uns wichtig sein, Hochbetagte weder entwürdigend zu behandeln noch uns über ihre Bedürfnisse hinwegzusetzen.» Der allgemeine Wohlstand ermögliche es, alten Menschen bis zuletzt ein gutes Leben zu ermöglichen. «Exit und Dignitas dürfen nicht die einzige Möglichkeit sein, einem entwürdigenden Leben zu entkommen», argumentierte die Ehrenvorsitzende der FGPG. Es brauche neben den fachlichen Kompetenzen eben auch eine gelingende Kommunikation und ein offenes Herz.

Jeder will alt werden, keiner will alt sein
Sterben wird immer mehr zu einem Phänomen des hohen Alters. Die moderne Medizin trägt ihr Übriges dazu bei, dass die meisten Krankheiten behandelt werden können und man mit einer Krankheit, die früher tödlich endete, oft noch lange leben kann. «Das bringt mit sich, dass wir uns immer weniger mit dem Tod beschäftigen müssen», erklärte Roland Kunz in seinem Einführungsreferat zu Palliativer Geriatrie, «und wir immer mehr versuchen, dem Altwerden über Leistung entgegen zu wirken». Heute sei es ein Bedürfnis, bis ins hohe Alter fit zu bleiben und entsprechend Schwäche, Alter und Tod davon zu rennen.
«Palliative Geriatrie ist wie Haute Couture: massgeschneidert und den Bedürfnissen angepasst.» Roland Kunz, Chefarzt für Akutgeriatrie und Zentrum für Palliative Care Stadtspital Waid

Gemäss einer in Deutschland durchgeführten Studie fühlen sich gut zwei Drittel der Befragten um durchschnittlich sieben Jahre jünger als sie tatsächlich sind. Die Realität zeigt jedoch ein anderes Bild. Mit zunehmendem Alter summieren sich die chronischen Gesundheitsprobleme, je älter, desto grösser die Multimorbidität. «Und nicht zuletzt ist die Demenz ein gewichtiger Begleiter der Hochaltrigkeit», betonte Kunz, der auch bei palliative zh+sh im Vorstand sitzt, und nannte eines der wichtigsten Ziele der Palliativen Geriatrie: ein gutes Leben trotz chronischer Krankheiten, dabei jedoch aber das Lebensende nicht ausklammern. Palliative Geriatrie sei wie Haute Couture, zog Roland Kunz den Vergleich. Massgeschneidert sei sie den Bedürfnissen angepasst und beinhalte nicht nur organorientierte Medizin, sondern eine Behandlung im interdisziplinären Team. Und: Sie setze so früh wie möglich im Krankheitsverlauf an. «Die medizinische Behandlung erfolgt nicht diagnose- sondern problembasiert, denn alte Menschen interessiert weniger die Diagnose an sich, sondern deren Auswirkungen auf ihr Leben.»

Keine Lust auf alte Leute
Die FGPG vereint als deutschsprachige Fachgesellschaft Personen und Institutionen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Italien (Südtirol). Nebst der Ehrenvorsitzenden Marina Kojer waren auch der Vorstandsvorsitzende Dirk Müller aus Berlin und Vorstandsmitglied Katharina Heimerl aus Wien angereist, um an der ersten schweizerischen Fachtagung teilzunehmen. Im Quadrilog mit Roland Kunz diskutierten sie die aktuellen Problemstellungen der Palliativen Geriatrie aber auch ihren persönlichen Antrieb. Marina Kojer erinnerte sich an den Beginn ihrer beruflichen Karriere, wie enttäuscht sie war, als sie sah, wie die Patienten behandelt und im wahrsten Wortsinn «gefüttert» worden seien. Entsetzlich sei das gewesen. Ähnlich erlebte es Dirk Müller, als der gelernte Altenpfleger, der heute einen MAS in Palliative Care hat, vor 25 Jahren sein erstes Praktikum antrat. «Viele der Mitarbeitenden hatten einfach keine Lust auf diese alten Leute», erzählte der Leiter Bereich Hospiz und Palliative Geriatrie im Berliner Unionhilfswerk/KPG. Katharina Heimerl, assoziierte Professorin am Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien, betonte, wie wichtig nebst der persönlichen Haltung eben auch die Rahmenbedingungen seien. Solche Prozesse benötigten jedoch auch Zeit.
Auch die Sterbehilfe wurde im Gesprächsverlauf angesprochen. In Deutschland werde das Thema tabuisiert, sagte Müller. Er halte sich mit seiner Institution an den Slogan «Leben können – sterben dürfen». «Wir müssen den alten Menschen auch zugestehen, dass sie sterben dürfen.» Doch es sei wichtig, dass zuerst die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür geschaffen würden, um die unterschiedlichen Ansätze, warum der assistierte Suizid befürwortet werde, zu vereinheitlichen. Sie habe zweimal erlebt, dass alte Menschen aus Verzweiflung aus dem Fenster gesprungen seien, erzählte Marina Kojer. «So etwas vergisst man nie wieder, es hinterlässt ein Gefühl des allgemeinen Versagens.» Es sei wichtig, dass darüber gesprochen werde. Ihre Landsfrau Katharina Heimerl machte das Problem in der schlecht aufgearbeiteten nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs fest. Deshalb sei es so schwierig, über Sterbehilfe zu sprechen.

Keine Palliative Care ohne Wissenschaft
Nach dem intensiven Gespräch sorgte Richard Mansky, Arzt, Forscher und Pianist, am Flügel für eine kurze gedankliche Erholung, bevor Ralf Jox, Professor für geriatrische Palliative Care an der Universität Lausanne, den Stellenwert der Palliativen Geriatrie in der Wissenschaft beleuchtete. Er zitierte eine weitere «Grande Dame» der Palliative Care. «Without research Palliative Care is going nowhere» hatte Cicely Saunders als Pionierin der Palliative Care einst gesagt und die Wichtigkeit der Forschung für Palliative Care mit eigenen 220 wissenschaftlichen Publikationen unterstrichen. «Geriatrie und Palliative Care sind Geschwister, fast schon Zwillinge, die einander brauchen und ergänzen», erklärte Jox und betonte in seinem Referat, wie wichtig neben der naturwissenschaftlichen auch die sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung sei. Als nächstes wissenschaftliches Projekt will Jox das Sterbefasten erforschen. Zudem soll Advance Care Planning (ACP) besser implementiert werden. Palliative Care und ACP würden verhindern, dass Menschen am Lebensende unnötigerweise hospitalisiert würden. In Anlehnung an Martin Luther King habe er den Traum, dass jeder Mensch Zugang zu optimaler Palliative Care erhalte und alte Menschen ebenso wertgeschätzt würden wie junge. «Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft dem Tod nicht mehr ausweichen.»
«Heute wird gemessen, was eine Person noch kann, anstatt nur darauf zu fokussieren, was nicht mehr funktioniert.» Mike Martin, Ordinarius für Gerontopsychologie und Gerontologie an der Universität Zürich

Um die Definition von Lebensqualität im Alter ging es beim nächsten Referat. Mike Martin, Ordinarius für Gerontopsychologie und Gerontologie an der Universität Zürich, zeigte auf, dass der Begriff Gesundheit neu definiert werden muss. «Ein Hundertjähriger, der an sieben chronischen Krankheiten leidet, aber gleichzeitig einen Halbmarathon rennt: Ist er jetzt gesund oder krank?» Früher seien bei Studien ältere Menschen nur auf einzelne Aspekte hin miteinbezogen worden, beispielsweise in Bezug auf Knochendichte. Das verhindere jedoch die Definition eines ganzheitlichen Gesundheitsbegriffs. Auch die WHO habe diesbezüglich einen Paradimgenwechsel vollzogen. «Heute wird gemessen, was eine Person noch kann, anstatt nur darauf zu fokussieren, was nicht mehr funktioniert», erklärte Martin. Die Lebensqualität bestehe aus mehr als nur einer Sache, ja viel mehr seien es diverse Prozesse, die sich im Idealfall ausgleichen würden. Martins Ansatz ist, fünf Bereiche zu definieren, die die Lebensqualität ausmachen und sich zu überlegen, wie man die übrigen Bereiche stabilisieren kann, wenn einer davon nachlässt. «Wir suchen heute nach Regeln, die uns bei jedem einzelnen sagen, was für ihn das Beste ist, anstatt uns wie früher am Durchschnitt zu orientieren.»

Verstärkte Leistungen für die Betreuung zu Hause
Bevor es zum Mittagessen und den anschliessenden Workshops am Nachmittag ging, überbrachte der Zürcher Stadtrat Andreas Hauri ein Grusswort. Der Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements betonte, dass die Stadt sich in Zukunft noch stärker in der Altersmedizin positionieren werde. «Wir werden immer älter, entsprechend muss sich die Stadt Fragen stellen, welche Aufgaben sie für alte und hochbetagte Menschen angehen will.» Das Eintrittsalter in die städtischen Heime werde immer höher. «Viele Menschen möchten zu Hause betreut werden, deshalb müssen wir die Leistungen insbesondere für sie verstärken.» Der Gesundheitsvorstand dankte den Anwesenden für ihren Einsatz und versicherte, dass die Stadt nicht nur hinter den beiden Stadtspitälern stehe, sondern auch hinter der Altersmedizin. Es gelte, Transparenz und Kooperationen zu schaffen.
palliative zh+sh, gme