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Eine neue Geschäftsführerin für palliative ch

Eine neue Geschäftsführerin für palliative ch

Will den Fächer thematisch öffnen: Renate Gurtner Vontobel ist neue Geschäftsführerin von palliative ch. (Bild: zvg)

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06. Januar 2020 / Vermischtes
Nach zehnjähriger Tätigkeit hat Geschäftsführer Walter Brunner palliative ch verlassen. Mit Renate Gurtner Vontobel übernimmt eine Frau das Ruder des nationalen Verbandes, die als Gesundheitswissenschaftlerin MPH viel Erfahrung in Bildung, Beratung und Projekten in der Pflege und im Sozialbereich gesammelt hat.
Frau Gurtner Vontobel, zunächst eine vielleicht einfache, vielleicht aber auch schwierige Frage: Wer sind Sie?
Renate Gurtner Vontobel: Ich wurde in Solothurn geboren und habe dort auch erste Berufsausbildungen und -erfahrungen gemacht. Begonnen hat meine berufliche Laufbahn als Ernährungsberaterin am Berner Inselspital. Danach zog es mich in die Medien und ich war für die Themen Ernährung und Gesundheit für Ringier tätig, genauer gesagt für die damals noch bestehende Wochenzeitung «Blick für die Frau» und den «Sonntags-Blick». Diese journalistische Tätigkeit war eine tolle Erfahrung!
In Zürich habe ich auch die ersten Managementweiterbildungen gemacht. Vielleicht mit ein Grund, dass ich wie die Jungfrau zum Kind zu einer ganz anderen Aufgabe, nämlich der Leitung eines privaten Pflegeheims in Thun kam. Diese Position hatte sich ganz zufällig, durch das Gespräch während einer Zugfahrt zwischen Bern und Zürich, ergeben. Es war sehr spannend, dort mit Pflegefachfrauen und Betreuungsfachfrauen zusammenzuarbeiten, die unglaublich viel Erfahrung im Begleiten von alten, aber auch sterbenden Menschen hatten. Damals habe ich überhaupt zum ersten Mal einen toten Menschen gesehen. Weitere berufliche Stationen waren die Leitung eines BAG-Forschungsprojekts im Bereich Drogensucht, ein berufsbegleitendes Studium in Gesundheitswissenschaften / Public Health, mehrere Jahre Leitungsfunktionen am WE'G Aarau und danach war ich für ein weiteres Gesundheitsprojekt des Kantons Bern tätig. Dabei ging es darum, die Ausbildung für die diversen Gesundheitsberufe zu systematisieren. Auch an der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule Bern war ich tätig. Das waren jetzt nur einige Stationen meiner beruflichen Laufbahn. Die letzte vor meinem Wechsel zu palliative ch war die Leitung des Weiterbildungsbereichs im Bildungszentrum Pflege, ebenfalls hier in Bern.
Palliative-Care-Netzwerk sichert den Austausch und die Qualität.

War Palliative Care im Weiterbildungsbereich bereits ein Thema?
Selbstverständlich. Am BZ Pflege habe wir im Auftrag des Kantons Bern die Palliative-Care-Angebote A2 und B1 entwickelt und umgesetzt und vor allem Palliative Care als Thema in bereits bestehenden Nachdiplomstudiengängen wie Intensivpflege und Pflegeberatung gestärkt. Vor allem aber haben wir für die Abgängerinnen und Abgänger ein Netzwerk Palliative Care ins Leben gerufen. Der durch dieses Netzwerk ermöglichte fachliche Austausch wird sehr geschätzt und dient zudem der Qualitätssicherung.

Was reizt Sie an der neuen Herausforderung bei palliative ch?
Mich reizt und interessiert das Thema Palliative Care als solches. Ich stelle mir vor, dass die Funktion als Geschäftsführerin eine Art Synthese all meiner bisherigen Tätigkeiten ermöglicht. Und ich glaube, dass ich viel Wissen und Erfahrung mitbringe, die ich für die Geschäftsführung von palliative ch nutzen kann. Ich finde es schön, wie damals im BAG wieder auf nationaler Ebene tätig zu sein, aber auch mit den verschiedenen Akteuren in den Regionen und Sektionen in Kontakt zu sein. So kann ich zumindest mein Französisch wieder ausgraben und aufpolieren. Dieses wird vielleicht am Anfang noch etwas holprig sein, aber ich schleife daran.

Hatten Sie auch ausserhalb des Berufs schon mit Palliative Care zu tun?
Ja, ich war Beiständin von zwei alten Damen, beide übrigens ehemalige Mitarbeiterinnen von mir im vorhin erwähnten Pflegeheim in Thun. Im familiären Umfeld habe ich nur eine ganz kurze, dafür intensive Erfahrung: Zusammen mit meinen Geschwistern haben wir unseren Vater nach seinem zweiten Hirnschlag noch fünf Tage 24 Stunden begleitet. Das war ein starkes, verbindendes Erlebnis und ich finde heute noch, dass unser Vater das sehr gut gemacht hat.
«Sichtbarer machen, was bereits getan wird.»

Wo sehen Sie die grossen Herausforderungen für Palliative Care in der Schweiz und damit auch für palliative ch?
Ich möchte mir da kein vorschnelles Urteil anmassen. Aber ich habe natürlich schon registriert, dass es bei palliative ch einen erhöhten Bedarf an verbesserter Kommunikation, Partizipation und Vernetzung gibt. Auf das möchte ich gerne im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten eingehen. Mit ist es ein Anliegen, dass man sich gemeinsam weiterentwickeln kann, immer auch fachlich, mit Blick auf Qualität und Ausbildung. Ein anderer Punkt: Wir haben verschiedene Fachgruppen, zum Beispiel Ärzte und Pflege. Mit meinem Hintergrund als Ernährungsberaterin schaue ich immer zuerst, wo das Thema Ernährung steht und bearbeitet wird. Die Ernährung ist in der Palliativversorgung ein sehr zentrales Thema. Während meiner Ausbildung zur Ernährungsberaterin beispielsweise wurden Krebspatientinnen und -patienten mit Wunschkost verwöhnt. Heute haben sich die klinische Ernährung und vor allem das Wissen über die Bedeutung einer guten Ernährungstherapie stark entwickelt. Ein Wissen, das gerade chronisch kranken Menschen sehr zugute kommt. Deshalb würde ich mir wünschen, dass man thematisch den Fächer etwas öffnet. Die Interprofessionalität ist sowieso ein wichtiges Thema. Bestimmt wird hier bereits viel gemacht – vielleicht könnte es man aber noch sichtbarer machen. Doch über allem steht natürlich die Frage: Wie finanziert man das? Was kann man mit Partnern, durch Kooperationen, Leistungsvereinbarungen und Fundraising-Massnahmen erreichen? Letztlich ist es wie immer im Gesundheitswesen: Die Finanzierung steuert alles.

Was machen Sie, wenn Sie nicht beruflich tätig sind?
Mir ist meine Familie sehr wichtig, meine zwei Männer daheim, also mein Mann und mein 20 Jahre alter Sohn Valerio. Ausserdem begleite und betreue ich sehr intensiv meine alleinlebende, 88 Jahre alte Mutter. Ich unterstütze sie da, wo es nötig ist, unternehme aber auch viel mit ihr. Zu meinen Hobbys gehören das Lesen und vor allem der Sport, ich bin ein Bewegungsmensch. Ich schwimme und jogge gerne, das brauche ich einfach, um mich in der Balance zu halten.
«Ich schätze es, wenn man die Karten auf den Tisch legt.»

Was wünschen Sie sich für Ihren Start bei palliative ch?
Ich wünsche mir, dass die Menschen auf mich zukommen, wenn sie Erwartungen und Wünsche haben, dass man offen kommuniziert, über alles reden kann, gemeinsam nach Lösungen sucht und mir auch ein Feedback gibt. Ich schätze es, wenn man die Karten auf den Tisch legt. Und dass der Humor nicht zu kurz kommt!

Vielen Dank für das Gespräch und einen guten Start wünschen wir Ihnen!
palliative ch, Christian Ruch