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«Fixe Pflegetaxen können Kosten unmöglich decken»

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Brigitte Riederer und Elisabeth Kunz erzählten von ihren Herausforderungen im Alterswohnheim «Am Wildbach» in Wetzikon und stiessen auf ein sehr interessiertes und diskussionsfreudiges Netzlounge-Publikum. (Bilder: palliative zh+sh, ei)

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06. Dezember 2016 / Region
Intensiv diskutiert an der Netzlounge: Wie können Langzeit-Institutionen umfassende palliative Betreuung gewährleisten? Die letzte Netzlounge-Veranstaltung im 2016 sorgte für viel Gesprächsstoff. Das grösste Sorgenkind ist und bleibt die Finanzierung.
Am Ende einer ausgiebigen und angeregten Diskussion zeigte sich deutlich: Die intensive Ökonomisierung im Care-Bereich, die fehlende Finanzierung und die fehlende Sorgekultur machen den Berufsleuten aus der Langzeitpflege sehr zu schaffen. An der Netzlounge vom 1. Dezember 2016 sprachen Brigitte Riederer und Elisabeth Kunz über ihren Alltag und die Herausforderungen im Alterswohnheim «Am Wildbach» in Wetzikon. Es war die letzte Netzlounge der diesjährigen vierteiligen Reihe zum Thema Langzeitpflege und wie bei den vorangehenden kamen auch an dieser Veranstaltung substanzielle Herausforderungen zur Sprache.

«Die fixen Pflegetaxen können in komplexen Fällen unmöglich die uns entstehenden Kosten decken.» So brachte die Heimleiterin Brigitte Riederer eine dieser Hausforderungen auf den Punkt. In ihrer Institution nehmen aber diese «komplexen» Fälle stetig zu. An Menschen ohne Pflegebedarf werden Heimplätze heute gar nicht mehr vergeben. Immer öfter werden Menschen in einer palliativen Situation ins Alterswohnheim Am Wildbach verlegt, wo sie umfassend betreut werden. Seit einiger Zeit gibt es im «Haus Schirmling» insbesondere für Menschen in palliativen Situationen geeignete Plätze. Dort ist man auch für Kurzaufenthalte eingerichtet – eigentlich nicht die Kernkompetenz einer Langzeit-Institution. Rund die Hälfte der Palliativpatientinnen und -patienten, die vom Spital ins Alterswohnheim Am Wildbach überwiesen werden, sterben dort. Die Aufenthaltsdauer im «Haus Schirmling» beträgt zwischen einem Tag und drei Wochen.
«Familienangehörige schlagen das Erbe oft aus und die Rechnungen bleiben unbezahlt.»
Brigitte Riederer, Leiterin Alterswohnheim

Die Probleme, die bei dieser Entwicklung aus Sicht des Alterswohnheimes entstehen, bezeichnet Riederer als «DRG-Probleme», da sie ihren Ursprung meist im Fallpauschalen-System sieht. Patientinnen und Patienten werden sehr kurzfristig in Pflegeheime verlegt, die Kurzaufenthalte nehmen stetig zu. Dabei haben die Heime keine Zeit, die finanzielle Situation der Betroffenen abzuklären, so Riederer. Verlegungen in der End-of-Life-Phase stellen ausserdem das Pflegeteam vor ungewohnte Herausforderungen: Sie müssen sich in kurzer Zeit auf eine komplexe Pflege und Begleitung einstellen. Die Angehörigen, sagt Riederer, seien bei solchen Übergängen ausserdem meist überfordert und brauchen ebenfalls Begleitung. Und am Ende bleibt das Heim nicht selten auf den Kosten sitzen. Denn bei Patientinnen und Patienten, die kurzfristig eintreten und im Heim versterben, werden die Kosten meist erst im Nachhinein in Rechnung gestellt. «Die Familienangehörigen schlagen das Erbe aber sehr oft aus und die Rechnungen bleiben unbezahlt.»

Unbezahlte Leistungen

Kommt hinzu: Auch wenn die Rechnungen beglichen werden, reicht das Geld meist nicht, um die Kosten zu decken, wie Riederer mit ihrer Aussage zu den fixen Pflegetaxen erklärte. Die Leiterin Begleitung und Pflege des Alterswohnheims Am Wildbach Elisabeth Kunz schilderte an zwei Beispielen, wie komplex die Situationen im Alterswohnheim teilweise sind – sowohl bei kurzen als auch bei langen Aufenthalten. Deutlich wurde damit: Auch in der Langzeitpflege braucht es qualifizierte fachliche Kompetenzen, um die Betreuung der Bewohnenden zu gewährleisten. Qualifiziertes Fachpersonal ist jedoch nicht einfach zu kriegen und zu finanzieren. Ein Augenmerk legt Kunz auch auf die gute interprofessionelle Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und -ärzten, Psychiater_innen und weiteren Fachpersonen. Trotz dieser komplexen Pflege und Begleitung erreicht das Heim Am Wildbach jeweils nicht mehr als Pflegestufe Sechs, meist eher Vier oder Fünf. Spezialisierte Palliative Care sollte auf der höchsten Pflegestufe Zwölf abgerechnet werden können. Unter anderem dieser Punkt sorgte in der anschliessenden Diskussion an der Netzlounge für viel Gesprächsstoff.

Kosten umverteilen könnte Betreuung verbessern

Bei den Teilnehmenden aus Hospizen, Pflegeheimen oder spezialisierten Spitalabteilungen löste es Verwunderung aus, dass die Betreuung von Palliativpatienten und -patientinnen in zum Teil komplexen Situationen mit der Pflegestufe Fünf geleistet werden muss. Eine Vertreterin der Krankenkassen gab zu bedenken, dass Pflegeleistungen oft nur schlecht abgebildet seien in den Dokumentationen. Anwesende Pflegende stritten dies nicht ab, betonten jedoch, dass das nicht das einzige Problem sei. Viele Leistungen seien schlicht nicht abrechenbar. Monika Obrist, Geschäftsführerin von palliative zh+sh, sagte: «Bei allen vier Vorträgen der diesjährigen Netzlounge-Veranstaltungen kamen wir genau auf diesen Punkt. Ob nun spezialisiertes Hospiz oder Pflegezentrum: Überall gibt es grosse Finanzierungsprobleme. Viele Leistungen werden einfach nicht bezahlt.» Sie regte an, Geld umzuverteilen, beispielsweise von überflüssigen Behandlungen im Spital hin zu spezialisierter Palliative Care in anderen Institutionen und im ambulanten Bereich. Auf den Einwand, dies verteile am Ende die Kosten einfach von den Gemeinden zu den Kantonen um, meinte Andreas Weber, Co-Präsident von palliative zh+sh: «Wenn dafür die Qualität der Behandlung steigt, lohnt sich das alleweil!»
«Wir können keine Bewohnenden ablehnen, wir müssen die Leistungen erbringen.»
Brigitte Riederer

Seine Hypothese: Das Geld, das bei unnötigen Hospitalisationen und Spitalbehandlungen eingespart werden könnte, sollte in spezialisierte Palliative Care zuhause und in Pflege- und Altersheimen investiert werden. Damit würde nicht gespart, aber umverteilt. «Die Qualität der Betreuung der Patientinnen und Patienten würde enorm steigen», zeigt sich Weber überzeugt. Die aktuelle Kostenaufteilung in Zürich zwischen Kanton und Gemeinden könnte bei diesem Ziel jedoch ein Stolperstein sein. Empörung zeigten die Netzlounge-Teilnehmenden über die Aussagen von Zürichs Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger am Gemeindeforum im November (siehe Artikel «Landbote», Link Seitenleiste). Heiniger meinte, die Gemeinden müssten mit den Institutionen einfach besser verhandeln, um finanziell weniger stark belastet zu werden. «Als öffentliches Heim können wir keine Bewohnenden ablehnen, wir müssen die Leistungen erbringen. Es gibt keinen offenen Markt», sagte Riederer. Verhandeln sei dementsprechend schlicht unangebracht und kaum möglich.

Fachwelt, Gesellschaft und Politik sind gefordert

Eine andere Entwicklung, die die gesamte Gesellschaft betrifft, beschäftigte die Anwesenden ebenfalls. Natürlich brauche es finanzielle Ressourcen und eine gute Nachwuchsförderung der Fachpersonen. Aber neben «Professionals» brauche es eben auch eine «Sorgekultur», meinte Andrea Ott vom Hospiz Zürcher Lighthouse. Heime müssten viel stärker als Teile der Gesellschaft wahrgenommen werden und agieren, um einer Ghettoisierung entgegenzuwirken. Man müsse Community Care, pflegende Angehörige und Freiwillige fördern. «Wenn wir die ganz Care-Arbeit an Professionelle delegieren, wird das am Ende unbezahlbar», so Ott.

Um die Situation für Palliativpatientinnen und -patienten ebenso wie für Leistungserbringer in der Palliative Care zu verbessern, fasste Monika Obrist die Anliegen der Verteter_innen der Langzeitpflege zusammen. palliative zh+sh will weiter an diesen Themen arbeiten und sie auf politischer Ebene weitertragen. Weitere Inputs und Unterstützung von Leistungserbringern sind willkommen: .
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