palliative zh+sh

Pandemie: Wer steht den Sterbenden in Zürcher Pflegeheimen bei?

Pandemie: Wer steht den Sterbenden in Zürcher Pflegeheimen bei?

Bereits im Frühling den Pflegeheimen im Kanton nahegelegt, mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern Gespräche darüber zu führen, was mit ihnen geschehen soll, wenn sie schwer an Covid-19 erkranken.(Bild: Adobe Stock)

Portrait

Weitere Infos zum Thema

Dokumente zum Thema

Video zum Thema

24. November 2020 / Region
Der Aufschrei in der Öffentlichkeit über die sogenannte Triage war gross, wonach gebrechliche alte Menschen keinen Platz in der Intensivmedizin erhalten sollen. Gleichzeitig fehlt in den Pflegeheimen genügend qualifiziertes Personal, um das Leiden von Schwerkranken mit komplexen Symptomen rund um die Uhr zu lindern. Ambulante spezialisierte Palliative-Care-Teams boten dem Kanton schon im April rasche und unkomplizierte Hilfe an. Vergeblich.

Die zweite Corona-Welle ist da und die Intensivbetten der Spitäler füllen sich. Aus diesem Grund hat die schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) ihre Richtlinien Anfang November 2020 überarbeitet: Darin wird deutlich, dass hochaltrige und fragile Menschen kaum eine Chance auf einen Platz in einer Intensivstation haben, wenn die Plätze knapp werden. Aus diesem Grund hat die Zürcher Gesundheitsdirektion bereits im Frühling den Pflegeheimen im Kanton nahegelegt, mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern Gespräche darüber zu führen, was mit ihnen geschehen soll, wenn sie schwer an Covid-19 erkranken. So raten es auch die SAMW-Richtlinien.

Palliative Sedation als Lösung
Werde auf den Einsatz von intensivmedizinischen Massnahmen verzichtet, heisst es in den Richtlinien weiter, «muss eine umfassende Palliative Care gewährleistet sein». Verwiesen wird auf ein Merkblatt von palliative ch, der nationalen Gesellschaft für Palliative Care. Es listet je nach Symptom die entsprechenden Massnahmen bei Patienten mit Covid-19 auf, deren Prognose ungünstig ist. So sollten Menschen mit nicht behandelbarer Atemnot zum Beispiel palliativ sediert, das heisst, ins künstliche Koma versetzt werden. Als Tipp fürs Behandlungsteam wird angegeben, sich für die Sedation auf hauseigene Standards zu verlassen oder «einen Spezialisten» beizuziehen.


Hilfsangebot bereits im April
Die meisten Alters- und Pflegeheime verfügen jedoch weder über Personal, das in der Lage ist, eine palliative Sedation vorzunehmen, noch über das nötige Material wie beispielsweise Schmerzpumpen oder die Medikamente. Ambulante spezialisierte Palliative-Care-Teams könnten hier in die Bresche springen, von denen es im Kanton Zürich sechs gibt und die im Verband spezialisierter Palliative Care Leistungserbringer (SPaC) zusammengeschlossen sind. Sie wandten sich bereits Anfang April mit einem Brief an die Zürcher Gesundheitsdirektorin (GD) und boten ihre Hilfe an: «Die spezialisierten Palliative-Care-Leistungen können per sofort in den Alters- und Pflegeheimen erbracht werden. Wir sind bereit, in dieser ausserordentlichen Lage unseren Beitrag zu leisten und unsere Fachkompetenzen zum Nutzen aller einzubringen», schrieben SPaC-Präsident Andreas Weber und Vorstandsmitglied Ilona Schmidt. Eine Antwort haben sie von Gesundheitsdirektorin Nathalie Rickli nie erhalten.

Finanzierung nach wie vor ungelöst
Ein Grund für das Desinteresse der GD könnte in der ungelösten Finanzierung der Einsätze von ambulanten Teams in den Pflegeheimen liegen. Kommen sie bei den Patientinnen und Patienten zu Hause zum Einsatz, beteiligen sich sowohl Krankenkassen als auch die Gemeinden an den Kosten. Im Pflegeheim bleiben die 230 Franken pro Stunde allein an den Gemeinden hängen. Würden die Menschen im Spital behandelt, müsste der Kanton, zusammen mit den Krankenkassen, für die Behandlung aufkommen. Laut kantonaler Pflegefinanzierung steht er im Pflegeheim aber nicht in der Pflicht. Im Schreiben an die GD haben Weber und Schmidt als Lösung vorgeschlagen, während der Corona-Krisenzeit kurzfristig die Leistungen dem Kanton verrechnen zu können und später eine gemeinsame Lösung zu suchen. «Selbstverständlich sind wir bereit, über andere Modelle zu sprechen», schreiben sie.

Pilotmodell im Zürcher Oberland
Im Zürcher Oberland haben wenige Gemeinden (Gossau, Bäretswil, Pfäffikon, Rapperswil und Wald) die Notwendigkeit erkannt, den Einsatz des spezialisierten Palliative-Care-Teams auch in Pflegeheimen zuzulassen. Sie haben mit dem Team des Palliativmediziners Andreas Weber einen Vertrag abgeschlossen. In der Coronakrise, in der Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen schlimmstenfalls der Erstickungstod droht, sollte dieses Modell Vorbildcharakter für den ganzen Kanton haben.

Vor allem kleinere Pflegezentren am Anschlag
Das Problem hat auch SP-Kantonsrätin Brigitte Röösli aus Illnau-Effretikon erkannt. Vor allem kleinere Pflegezentren kämen zurzeit an den Anschlag, sagt sie. «Viele Mitarbeitende sind an Covid-19 erkrankt oder in Quarantäne. Die gesunden Bewohnerinnen und Bewohner müssen geschützt und die kranken gepflegt werden.» Röösli weiss, wovon sie spricht. Sie arbeitet als Pflegedienstleiterin in einer grossen Langzeit- Institution im Kanton Thurgau. Gerade kleinere Zentren seien aktuell überfordert, würden sie zusätzlich mit komplexen Pflegesituationen konfrontiert. Sie fordert, dass in Zürcher Pflegeheimen das Personal in seinem Handeln von spezialisierten Palliative-Care-Teams unterstützt wird. «Wichtig ist, dass auch Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen Zugang haben zu einer guten Schmerztherapie und Sedation, etwa bei Atemnot.»

Dass die Zürcher Gesundheitsdirektion auf das Angebot der SPaC-Teams nicht einmal geantwortet hat, findet Röösli, die ausserdem Co-Präsidentin der Patientenstelle Zürich ist, «schockierend». Sie fordert Antworten von der GD und will ihrem Anliegen in irgendeiner politischen Form Dringlichkeit verleihen. Dass der Kanton sich aus der Verantwortung stiehlt, weil er per Gesetz nicht für die Langzeitpflege aufkommen muss, akzeptiert sie nicht. «Wenn er die spezialisierte Palliative Care, die ja nur in Einzelfällen zum Zug kommen würde, nicht zahlen will, kann er sie doch verordnen – gerade jetzt in der Krise – und bestimmen, dass die Gemeinden sie bezahlen müssen.»
Medienmitteilung Palliaviva