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Eine nicht alltägliche Konfrontation mit dem Sterben

"Der Tod, radikal normal" im Vögele Kultur Zentrum Pfäffikon/SZ. (Fotos: zvg)

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08. Juli 2022
Müssen Gespräche über den Tod immer todernst sein? Darf man ein Selfie mit einem Toten machen? Und was erleben Sterbende in den letzten Minuten und Sekunden ihres Lebens? Die Ausstellung «Der Tod, radikal normal» im Vögele Kulturzentrum gibt Antworten und wirft gleichzeitig Fragen auf, welchen sich die Besucherin nicht entziehen kann.
Unser Verhältnis zum Tod ist ambivalent. Noch nie konnten wir dem Tod so selbstbestimmt begegnen wie heute – noch nie gab es so viele Informationen und Dienstleistungen rund um Sterben und Tod. Einerseits sind wir fasziniert. Anderseits sind wir bei Gesprächen über den Tod noch immer befangen. Diese Faszination und unsere Fragen nimmt die Ausstellung im Vögele Kultur Zentrum auf, welche noch bis zum 18. September dauert. Sie schockiert vielleicht ein wenig, aber sie konfrontiert vor allem. Fordert uns zum Denken heraus. Lässt uns dank Audioguide spannende Beiträge lauschen. Und die interaktiven Installationen und Fachgespräche via Video laden uns ein, uns der eigenen Beziehung zum unvermeidbaren Tod bewusst zu werden, gewohnte Verhaltens- und Sichtweisen zu hinterfragen.

Wir alle begegnen dem Tod – auch im alltäglichen Leben

Die Ausstellung beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Sterbens mit Hilfe unterschiedlicher Kunstformen und Informationsmitteln. Unter dem Titel «Der Tod, das radikal Normale» wird aufgezeigt, dass wir alle dem Thema Tod begegnen – gewollt oder ungewollt: bei Beerdigungen, beim Todesfall im beruflichen oder privaten Umfeld, als Beobachterin eines Unfalls oder als Medienkonsumentin. Die Sterblichkeit, so lernen wir bereits beim Tod des ersten Haustiers, gehört zum Leben. Die Konfrontationen sind in Fotos festgehalten, die den ersten Ausstellungsteil umrahmen.

In der Mitte des Raumes vermitteln uns Video-Installationen Wissenswertes übers Sterben. Das, was uns alle brennend interessiert, wir aber kaum zu fragen wagen. Die Kuratoren und Künstler wagen es, genau diese Fragen zu stellen und uns Antworten zu geben. Wie fühlt sich das Sterben an? Welche Prozesse laufen im Körper ab? Welche Stoffe werden dabei ausgeschüttet? Was ist der Unterschied zwischen einem Erstickungstod und einem Herzinfarkt? Und dann gibt es jene Fragen, die uns gestellt werden und auf die wir selbst Antworten finden können. Weil die Fragen allein unsere Gedanken anregen: Darf man ein Foto mit einer Leiche machen? Soll ich einen toten Körper berühren, umarmen, halten? Und worüber sollte man an einem Leidmahl besser nicht reden?

Ein Thema in Kunst und Unterhaltung

In der Populärkultur und Unterhaltung ist der Tod omnipräsent – in Filmen und TV-Serien wird fleissig gestorben; Sensenmänner und Totenschädel zieren T-Shirts und Gadgets. Ist dies Ausdruck eines selbstbewussten Umgangs mit der Sterblichkeit oder eine Trivialisierung, ein Anzeichen dafür, dass wir immer noch auf der Suche sind nach der angemessenen Art, die eigene Vergänglichkeit zu bewältigen? Auch dazu findet man in der Ausstellung diverse Objekte – beispielsweise einen Sarg, der unter dem Motto «Let’s talk about death, Baby» als Sarg-Bar verwendet wird. Oder Bilder von Street Arts, in welchen das Thema Vergänglichkeit bunt und fröhlich aufgenommen wird.
«Vom (richtigen) Umgang mit dem Tod» ist ein weiterer Teil der Ausstellung betitelt. Heute ist das Angebot an Dienstleistungen rund um das Sterben so vielfältig, wie wohl nie zuvor. Neben Angeboten der Religionen und nicht-religiösen Organisationen bieten zunehmend auch neue Technologien und die Wissenschaft Hilfestellung an. Und so stellen wir unter anderem fest, dass der Traum vom ewigen Leben mindestens in der digitalen Unsterblichkeit enthalten ist. In unserer Cloud, in unseren Konten auf den Sozialen Medien verewigen wir uns. Doch wollen wir das?

Darf man das?

Nicht alles, was erlaubt ist, sollten wir auch tun – gerade aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen nicht. Oder aus Respekt vor dem Verstorbenen. Doch was ist richtig? Was ist falsch? Gibt es eine Antwort darauf? Mittels Fragen, welche einem auf dem Rundgang durch die Ausstellung auf Tafeln gestellt werden, sind die Besucherinnen und Besucher dazu angehalten, sich der eigenen moralischen Vorstellungen bewusst zu werden und die Antworten in einen Fragebogen zu schreiben. Was die anderen dazu gemeint haben und welche Vorstellungen sie haben, ist bei einer Auswertung am Ausgang ersichtlich.

Wer bereit ist, sich intensiv mit den Themen Sterben, Tod und Vergänglichkeit auf verschiedensten Ebenen auseinanderzusetzen, dem sei diese Ausstellung im Vögele Kultur Zentrum in Pfäffikon SZ empfohlen. Sie ist eine spannende Mischung aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. Sie versinkt nicht in Morbidität, schockiert nicht bis ins Tiefste – aber rüttelt auf und regt uns zum Denken über den eigenen Tod an.


Ausstellung: «Der Tod, radikal normal»
Ort: Vögele Kultur Zentrum, Pfäffikon
Dauer: Bis zum 18. September 2022
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 11.00 - 17.00 Uhr
Donnerstag bis 20.00 Uhr
Montag geschlossen
palliative zh+sh / Bettina Weissenbrunner