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«Die Unterstützung ist unerwartet gross»

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Die Terrasse der neuen Station ist bereit: Roland Kunz und Verena Gantenbein starten zuversichtlich in den Betrieb des neuen Zentrums für Palliative Care am Stadtspital Waid. (Bilder: palliative zh+sh, ei)

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Neue Station in Zürich

Das neue «Zentrum für Palliative Care» am Zürcher Stadtspital Waid steht ab Mai 2018 offen für Palliativpatientinnen und -patienten. Zur Eröffnung richtet das Spital am 3. Mai 2018 ein Symposium mit Besichtigung aus.

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18. April 2018 / Region
Das Zürcher Stadtspital Waid eröffnet Anfang Mai 2018 ein Zentrum für Palliative Care. Pallnetz.ch hat die Leitenden der neuen Abteilung getroffen. Verena Gantenbein, zukünftig Abteilungsleiterin Pflege, und Roland Kunz, ärztlicher Leiter des neuen Zentrums und Chefarzt Universitäre Klinik für Akutgeriatrie, reden im Interview über die neue Abteilung und über ihre Freuden und Sorgen in Sachen Palliative Care.
Wie fühlen Sie sich, so kurz vor der Eröffnung des neuen Zentrums für Palliative Care am Stadtspital Waid?

Roland Kunz: Ich fühle mich gut. Einerseits, weil das Projekt in den letzten Wochen und Monaten in einem stolzen Tempo vorangegangen und wirklich gut gelaufen ist. Andererseits, weil ich im Haus eine Unterstützung spüre, die ich in diesem Ausmass nicht erwartet hätte. Wir sind umgeben von engagierten Leuten, die mit uns am selben Strick ziehen. Das stimmt mich natürlich auch zuversichtlich für die Eröffnung und die Arbeit auf der Palliativstation.

Verena Gantenbein: Ja, ich bin auch sehr frohen Mutes. Ich habe den Eindruck, je mehr die Leute hier im Laufe der letzten Wochen verstanden haben, worum es bei Palliative Care geht, desto mehr Unterstützung erfahren wir für die neue Abteilung. Je konkreter das Projekt wurde, desto mehr wuchsen die Begeisterung und die Unterstützung. Und das nicht nur im medizinischen Bereich, sondern auch in den anderen Bereichen im Haus, von der Kommunikation bis zur Gastronomie. Das finde ich sehr schön und nicht selbstverständlich.
«Wir sind umgeben von engagierten Leuten, die mit uns am selben Strick ziehen.»
Roland Kunz


Keine Spur von Nervosität? Kein Szenario, vor dem Sie sich fürchten?

VG: Man muss natürlich aushalten können, dass nicht alles vom ersten Tag an perfekt läuft. Aber es graut mir schon vor der Vorstellung, dass wir einem Patienten nicht gerecht werden könnten, weil die Rahmenbedingungen noch nicht ganz stimmen. Wenn eine Patientin darunter leiden müsste, wäre das für mich das Schlimmste. Aber so weit wird es nicht kommen.

RK: Das Schlimmste wäre, wenn wir das Zentrum eröffneten und es kämen keine Patienten. Die Frage ist natürlich, wie schnell es in die Köpfe der Leute kommt, dass es hier ein spezialisiertes Spitalangebot gibt und dass eine Patientin vielleicht besser auf unsere Abteilung passen könnte als in den Notfall. Wir sind darum in Kontakt getreten mit Hausätzen, mit anderen Spitälern, ambulant tätigen Onkologinnen und so weiter. In einem zweiten Schritt werden wir auch auf kardiologische und pneumologische Fachpersonen zugehen. Es ist schon eine der ganz grossen Herausforderungen, den Herzspezialisten in der Praxis zu erreichen und dahin zu bringen, dass er denken könnte: «Ich habe wohl auch Palliativpatienten.»

VG: Hier hoffe ich auf die ambulant tätigen Pflegenden. Die Pflege ist lokal sehr gut vernetzt und denkt vielleicht eher daran, dass Palliative Care angebracht wäre, als das Ärzte tun. Sie kann hier hoffentlich etwas Einfluss nehmen.


Wie viele Betten stehen denn im neuen Zentrum für Palliative Care zur Verfügung?

PK: Wir haben zehn Betten. Mit dieser Anzahl sind wir auch in Affoltern am Albis, wo ich früher tätig war, gut gefahren. Das ist auf der Abteilung im Hausteil B1 auch räumlich sinnvoll. Wir wollten möglichst viele Einzelzimmer anbieten und kommen so auf sechs Einzel- und zwei Doppelzimmer. Wir sind ausserdem froh, dass die Abteilung etwas separiert ist und es dort keinen Durchgangsverkehr auf andere Abteilungen geben wird.
«Wir sind froh, dass wir knapp die Hälfte des nötigen Pflegepersonals rekrutieren konnten.»
Verena Gantenbein


Wie setzt sich das Team zusammen?

VG: In der Pflege werden wir wie auf Palliativstationen üblich 1,2 Stellen pro Bett haben, was 12 Vollzeitstellen ergibt. Die werden natürlich von mehr als zwölf Pflegefachpersonen übernommen, da die wenigsten Vollzeit arbeiten werden. Hinzu kommen Pflegeassistentinnen. Wir sind froh, dass wir knapp die Hälfte des Pflegepersonals bereits rekrutieren konnten. Es ist nicht einfach, gutes Personal für diese Arbeit zu finden.

RK: Wir rechnen ja nicht damit, dass bereits im Mai alle zehn Betten besetzt sind und wir müssen natürlich auch langfristig mit Schwankungen rechnen. Was weitere Fachpersonen angeht, können wir quasi aus dem «Fundus» im Haus schöpfen. Nach unseren Einschätzungen werden beispielsweise die bereits vorhandenen Fachpersonen in der Physiotherapie den Bedarf aus der Palliativstation abdecken können. Auch auf andere Fachpersonen im Haus aus der Psychologie, Sozialarbeit oder Seelsorge können wir zurückgreifen. Die Musiktherapie konnten wir aufstocken, um den Bedarf decken zu können. Und für die ärztliche Versorgung konnten wir neben einer Assistenzärztin eine erfahrene Oberärztin rekrutieren, mit der ich früher schon zusammengearbeitet habe. Ich selber werde zu etwa zehn Prozent auch auf der Palliativabteilung arbeiten.


Warum braucht es diese spezialisierte Abteilung überhaupt?

VG: Weil es ganz klar an Spitalbetten für Palliativpatientinnen mangelt. Ich habe bis vor kurzem ein Jahr in der spezialisierten Spitex der Stadt Zürich gearbeitet und habe dort immer wieder erlebt, dass ein Patient ein Palliative-Care-Bett gebraucht hätte, aber keines vorhanden war. Solche Situationen sind für die Betroffenen und die Fachpersonen nicht einfach.

RK: Für mich ist klar, dass es in Zürich noch eine Palliative-Care-Abteilung braucht. Die bereits bestehende Abteilung am Universitätsspital ist meistens gut besetzt mit Patienten, die aus anderen Abteilungen desselben Spitals kommen. Da bleibt für Betroffene von aussen oft kein Platz. Dann bleibt noch das Angebot der Klinik Susenberg, das für die Stadt letztlich nicht ausreicht. Um ein Palliative-Care-Netz in der Stadt möglichst dicht knüpfen zu können, braucht es noch eine Palliativstation. Das hören wir auch von Hausärzten und Onkologinnen.
«Um ein Palliative-Care-Netz in der Stadt möglichst dicht knüpfen zu können, braucht es noch eine Palliativstation.»
Roland Kunz


Und warum ausgerechnet am Stadtspital Waid?

Als ich im Anfang 2017 von der Palliativstation «Villa Sonnenberg» am Spital Affoltern hierher wechselte, nahm ich das Thema quasi mit – und stiess hier auf offene Ohren. Der Palliative Care kam viel Wohlwollen entgegen und dann war sicher auch ein bisschen Glück dabei, dass die Konstellation der Entscheidungsträger stimmte. Vielleicht hatte es auch mit der Spitälerstrategie der Stadt Zürich zu tun, dass die Türen offen waren. Man will verschiedene Spitäler mit je eigenem Profil führen.


Spezialisierte Palliative-Care-Abteilungen schreiben in den meisten anderen Spitälern rote Zahlen ohne Ende. Das wird immer mehr auch öffentlich thematisiert und das Problem ist nicht gelöst. Ist es unter diesen Umständen nicht ein bisschen verrückt, eine solche Abteilung zu eröffnen?

RK: Das Schlechteste wäre, wenn wir jetzt resignierten und den Krankenkassen und anderen, die das Palliative-Care-Angebot nicht finanzieren wollen, damit quasi recht gäben. Kranke, alte und sterbende Menschen brauchen eine angemessene Betreuung. Wir müssen doch erst recht dafür kämpfen, diese angemessene Betreuung anzubieten und gleichzeitig darum besorgt sein, dass die Finanzierung zukünftig klappt.


Wie haben Sie vor, diesem Finanzierungsproblem zu begegnen?
RK: Einerseits müssen wir auf der fachpolitischen Ebene für eine aufwandgerechte Finanzierung kämpfen, zusammen mit der Fachgesellschaft palliative ch. Andererseits braucht es Informationsarbeit gegenüber Medien, Politikern und Öffentlichkeit sowie eine Erfassung von konkreten Zahlen zur Rechtfertigung des Aufwandes.

VG: Innerhalb unserer Spitals begegne ich diesem Problem, indem ich als Leitende dieser Abteilung besonderen Wert darauf legen werde, das Team so zu führen, dass alle eine hochwertige Leistung erbringen können und das Team stabil ist. Ich will also der Ressource Mitarbeitende Sorge tragen, aber die Teammitglieder auch fördern und fordern. So möchte ich eine hohe Fluktuation vermeiden, was nicht nur die Arbeitsqualität erhöht, sondern auch die finanziellen Ressourcen schont. Wichtig ist auch, im Arbeitsalltag, bei Patienten, Angehörigen, im beruflichen und privaten Umfeld immer wieder über das ungenügende Finanzierungssystem aufzuklären.
«Das Schlechteste wäre, wenn wir jetzt resignierten und den Krankenkassen und anderen, die das Palliative-Care-Angebot nicht finanzieren wollen, damit quasi recht gäben.»
Roland Kunz


Welches Ziel werden Sie persönlich bei der Arbeit in diesem Zentrum verfolgen?

VG: Ich möchte dafür sorgen, dass Palliative Care wirklich gelebt wird, und nicht bloss als Schlagwort oder Image-Mantel herumgeistert. Ich glaube, dass wir das zu einem sehr grossen Teil über die Pflegenden auf dieser Abteilung erreichen können. Darum möchte ich ein Team bilden und führen, das am selben Strick zieht, damit die Patientinnen und Patienten individuell und umfassend betreut werden können. Und wir wollen als Pflegeteam natürlich gleichzeitig eingebettet sein in das grössere Pflegegebilde hier im Haus.

RK: Ich möchte die gute Qualität auf der Geriatrie erhalten und weiterführen und eine gute Qualität und Kultur in der Palliative Care aufbauen. Persönlich werde ich mich im Spagat üben müssen: Ich bin hier stark gebunden durch die Leitung der relativ grossen Klinik für Akutgeriatrie, weshalb ich mich zeitlich nicht gleich intensiv auf der Palliativstation werde einbringen können, wie ich das in Affoltern gemacht habe. Gleichzeitig ist es mir wichtig, eine gute Kultur in der neuen Abteilung aufzubauen. Dank Verena Gantenbein und der Oberärztin Annika Lanz weiss ich, dass das auch geht, wenn ich nicht so viel präsent sein werde.
«Ich möchte dafür sorgen, dass Palliative Care wirklich gelebt wird, und nicht bloss als Schlagwort oder Image-Mantel herumgeistert.»
Verena Gantenbein


Sie beide haben ja früher lange Zeit in Affoltern zusammengearbeitet. Wie kommt es nun eigentlich zu dieser erneuten Zusammenarbeit?

RK: Um ein Palliative-Care-Angebot hier aufzubauen, brauchte ich jemanden für ein gutes Tandem. Von Verena wusste ich, dass wir etwa im selben Gang trampen. Wir konnten sie ursprünglich für die Projektleitung zum Aufbau eines Konsiliardienstes gewinnen…

VG: Ja, damit wäre ich weiterhin mit einem Bein in der ambulanten Pflege geblieben, was mir eigentlich sehr gut gefallen hatte.

RK: …und auf einmal standen die Türen offen für eine Palliative-Care Abteilung.

VG: Darum bin ich inzwischen ganz aus der ambulanten Tätigkeit ausgestiegen und steige hier voll ein. Ich freue mich vor allem, wieder in einem Team, in einem grösseren Bereich zu arbeiten.

RK: Für uns und für die Patienten ist es natürlich ein grosser Vorteil, dass Verena diesen guten Draht zur Spitex hat und die Betreuung zuhause aus eigener Erfahrung kennt. Das ist besonders für die Übergänge vom Spital nach Hause und umgekehrt enorm wertvoll.
«In meiner Vision gibt es ein Palliative-Care-Versorgungsnetz ohne Lücken und Fallstricke.»
Verena Gantenbein


Welche Vision haben Sie für die Palliative Care in naher Zukunft?

VG: Es gibt ein Palliative-Care-Versorgungsnetz ohne Lücken und Fallstricke. Und die Finanzierungsfragen, die uns heute Zeit und Energie kosten und den Betroffenen grosse Probleme verursachen, sind gelöst.

RK: Ja, die Angebote in den Regionen und im Kanton würden zu einem ganz selbstverständlichen Netz. Und der Sensibilisierungs- und Informationsgrad der Bevölkerung wäre wesentlich besser.
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