palliative zh+sh

Pflegende Angehörige unterstützen: Eine Plattform als erster Schritt

Pflegende Angehörige unterstützen: Eine Plattform als erster Schritt

Weitere Infos

Unterstützung für pflegende Angehörige: Travail.Suisse lanciert mit Unterstützung zahlreicher Institutionen die neue Webplattform «info-workcare.ch».

Portrait

Weitere Infos zum Thema

Info Work + Care

Die neue Plattform «info-workcare.ch» wurde lanciert vom Verband «Travail.Suisse» und will alle Personen informieren, die Erwerbstätigkeit und Care-Arbeit unter einen Hut bringen müssen. Es ist die erste Schweiz weite und mehrsprachige Plattform zum Thema. Im Kanton Zürich existiert seit einigen Jahren eine ähnliche Plattform mit ähnlichen Zielen (vereinbarkeit.zh.ch).

Die Webseite info-workcare.ch soll Fragen zu folgenden Punkten beantworten:

  • Was tun in Notfällen? Wie meistere ich eine solche Situation bei der Arbeit?
  • Welche praktischen Tipps kann ich am Arbeitsplatz befolgen?
  • Welche Empfehlungen sind zu Hause für mich hilfreich?
  • Wo finde ich nützliche Kontaktadressen?
  • Über welche finanziellen und rechtlichen Aspekte muss ich Bescheid wissen?
  • Kann meine Care-Arbeit in der Zukunft für mich nützlich sein?


Verschiedene Institutionen unterstützten die Entwicklung von info-workcare.ch.

Dokumente zum Thema

Video zum Thema

26. Oktober 2016 / Politik
Eine neue Webplattform will Informationen für pflegende Angehörige bündeln und praktische Hilfestellungen geben. Zur Lancierung von «info-workcare.ch» diskutierten Expertinnen und Experten mit Politikern über die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Care-Arbeit.
Nahestehende pflegen und gleichzeitig einem Beruf nachgehen: Diese Herausforderung kommt auf immer mehr Menschen zu. Schon heute sind mehr als die Hälfte aller Frauen und Männer in der Schweiz mit der Pflegebedürftigkeit ihrer (Schwieger-) Eltern konfrontiert, viele von ihnen sind in ihrer Berufstätigkeit eingeschränkt. Am meisten trifft das auf Frauen zu. Pflegende Angehörige treffen allerdings aktuell auf schlechte Rahmenbedingungen, um sowohl die Begleitung von nahestehenden Kranken wie auch die eigene erwerbsmässige Arbeit wahrzunehmen. Die heute lancierte Web-Plattform «info-workcare.ch» richtet sich an die Betroffenen und will ihnen dabei helfen, sich einen Überblick über die Thematik zu verschaffen und Hilfe anzufordern. Es ist die erste Schweiz weite Plattform zum Thema und sie sei ein erster Schritt zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für erwerbstätige pflegende Angehörige, sagt Valérie Borioli Sandoz vom Verband «Travail.Suisse», der die Plattform lanciert.

Rolle der «pflegenden Angehörigen» nicht anerkannt

Zur Lancierung von «info-workcare.ch» fand im Berner Generationenhaus eine Veranstaltung statt, die konkrete Antworten und Lösungswege liefern wollte, wie in Zukunft Erwerbs- und Care-Arbeit besser vereinbart werden können. So stellte Dr. Yannis Papadaniel die Ergebnisse einer Studie vor, die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Lebensende» (NFP 67) durchgeführt wurde: «Pflegende Angehörige zwischen Arbeitswelt und Begleitung eines kranken Angehörigen». Aufgrund der Studienergebnisse, die Ende Jahr publiziert werden, empfehlen Papadaniel und sein Team, dass die Unternehmen Kurzausbildungen für HR- Verantwortliche anbieten und für kurzfristige und temporäre Stellvertretungen Teams von «jungen Renter_innen» bilden sollen. Den Pflegeeinrichtungen empfehlen sie, «Arbeitsplätze» für Angehörige in den Institutionen zu schaffen, sowie die Informations- und Unterstützungszentren für pflegende Angehörige zu fördern. Und an das Gesundheitswesen richten die Studienautor_innen die Empfehlung, die Rolle neuer Akteure durch die Anerkennung des Status der pflegenden Angehörigen zu fördern. Denn genau hier liegt eines der ganz grundlegenden Probleme – auch in den Firmen: Die Rolle der oder des «pflegenden Angehörigen» wird nicht anerkannt, was sich direkt auf die Qualität ihres Einsatzes sowohl am Arbeitsplatz als auch zuhause auswirkt.

Mehr Unterstützung für pflegende Angehörige

Auch Heidi Stutz vom «Büro BASS», die zum Thema viel geforscht hat, hält den Finger auf ein grundlegendes Problem. Menschen, die ihre Angehörigen oder andere Nahestehende pflegen, erhalten sehr wenig Unterstützung. Finanziell heisst die Unterstützung «Betreuungszulage» und hat, wie Stutz klarstellt, mit 20 bis 30 Franken pro Tag kaum mehr als einen «Anerkennungscharakter». Zudem nehmen diese Unterstützung nur sehr wenige pflegende Angehörige in Anspruch. Für viele von ihnen ist es nicht zuletzt aus finanziellen Gründen sehr wichtig, im Erwerbsprozess bleiben zu können, trotz der zeit- und energieintensiven Begleitung von pflegebedürftigen Angehörigen. Dabei geht es nicht bloss um die aktuelle finanzielle Situation, sondern auch um das Leben nach der Pflege und um die Altersvorsorge für die Betroffenen. Entlastungsangebote, so Stutz, sollten zu folgenden Aspekten aufgebaut werden: Wissen und Befähigung, Koordination und Organisation, Austausch und Begleitung, Auszeit und Regeneration. Mit dem letzten Bereich ist derweil nicht allein die «Freizeit» gemeint – sondern durchaus auch die berufliche Tätigkeit als Ausgleich zur Pflege von Angehörigen. Die neu geschaffene Webplattform «info-workcare.ch» will einen Beitrag dazu leisten, pflegende Angehörige zu informieren und zu befähigen.
«Das Thema ist omnipräsent – in der Gesellschaft. Nicht aber in der Politik.»
Stefan Müller-Altermatt

Der Tenor an diesem Morgen im Berner Generationenhaus ist klar: Es braucht mehr Unterstützung für pflegende Angehörige. Werden ihre Bedürfnisse nicht stärker berücksichtigt, werden sie selber krank. Dabei ist unsere Gesellschaft auf ihren Einsatz existenziell angewiesen. Die demografische Entwicklung, die Bevölkerungskurve, die Überalterung der Gesellschaft – sie wurden mit jedem neuen Redner, mit jeder neuen Expertin wieder genannt. Auch die Parlamentarier Stefan Müller-Altermatt (CVP) und Thomas Weibel (GLP) sprachen in der Podiumsdiskussion davon. Müller-Altermatt stellte gleich zu Beginn klar, welches Gewicht diesem Thema eigentlich zukommen müsste. «Das Thema ist omnipräsent – in der Gesellschaft. Nicht aber in der Politik.» Über die Gründe dafür wollte sich keiner der Anwesenden festlegen, doch sie zeigten sich überzeugt, dass sich das ändern müsse und auch werde. Müller-Altermatt hat zum Thema erwerbstätige pflegende Angehörige zwei Vorstösse lanciert, Weibel will sich in der zuständigen Kommission für die Anliegen der pflegenden Angehörigen einsetzen. Er macht deutlich: Diese Thematik betrifft nicht nur einen überwiegenden Teil der Bevölkerung, sie zieht sich auch durch verschiedene Bereiche. «Die Pflege unserer älteren und kranken Angehörigen ist ein gesundheits-, gesellschafts- und arbeitsmarktpolitisches Thema.»

Schneider-Ammann appelliert an die Wirtschaft

Der Komplexität der Thematik war im Rahmen der Podiumsdiskussion und der Veranstaltung entsprechend kaum beizukommen. Doch die drängendsten Fragen kamen aufs Tapet. Der Aktionsplan des Bundes zur Unterstützung betreuender Angehöriger, der Ende 2014 verabschiedet worden war, wurde unter die Lupe genommen und kritisch, aber hoffnungsvoll kommentiert. Die Arbeitgebenden wurden aufgefordert, sich auf die Situation von erwerbstätigen pflegenden Angehörigen einzulassen.
«Es sollte kein Arbeitnehmer in der Angst leben müssen, er könnte den Job verlieren, weil er jemanden zuhause pflegt.»
Johann Schneider-Ammann

Heidi Stutz meinte, es brauche für die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Care-Arbeit dieselben Rahmenbedingungen wie für die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung (zeitliche und örtliche Flexibilität, Tagesstrukturen, Entlastung zuhause, Finanzierungshilfen, etc.). Darüber hinaus aber sei die Pflege von kranken Angehörigen eine stärkere psychische Belastung, die Situation sei insgesamt unberechenbarer und es treffe eher weniger die jungen Fachkräfte als die älteren Arbeitnehmenden. Auch das müsse berücksichtigt werden.

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann, «Ehrengast» an der Tagung, rief die Wirtschaft dazu auf, dem Thema Rechnung zu tragen und sagte: «Es sollte kein Arbeitnehmer und keine Arbeitnehmerin in der Angst leben müssen, er könnte den Job verlieren, nur weil er jemanden zuhause pflegt.» Seine Hauptbotschaft mit Blick auf das Arbeitsverhältnis: «Die Angehörigen betreuen und gleichzeitig einen Job wahrnehmen geht nur, wenn das Vertrauensverhältnis intakt ist.» Und Vertrauen müsse aufgebaut und fortwährend gepflegt werden.
palliative zh+sh, ei