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Wenn der Pinsel an der Zimmertür hängt

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«Eine Wohltat im ganzen Spitaltrubel», bezeichnet Arbeitskollegin Claudia Stadler die Arbeit von Kunsttherapeutin Esther Widmer. (Bild: Amanda Löffel)

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29. Mai 2020 / Wissen
Sie malt oft «nach Diktat», aber immer das, was ihre Patientinnen und Patienten bewegt. Nun hat Esther Widmer ein Buch über ihre Arbeit als Kunsttherapeutin auf einer Palliativstation geschrieben. Ein inspirierendes Werk, nicht nur für Berufskolleginnen.
Esther Widmer hat das Angebot der Kunsttherapie auf der Palliativstation im Kantonsspital Olten 2012 aufgebaut und weiterentwickelt. In «Mitten im Leben bis zum Schluss» schreibt sie über ihre Arbeit mit Palliativpatientinnen und -patienten. Das Ziel dieses Buches war laut der Autorin einerseits, den Erfahrungsschatz, den sie in vielen Begegnungen sammelte und zu dem auch die Bilder aus der Kunsttherapie gehören, zu konservieren. Andererseits ihre Erlebnisse mit Kolleginnen und Kollegen zu teilen und «vielleicht dafür zu sorgen, dass Kunsttherapie und ihre Möglichkeiten allgemein besser verstanden wird». Das ist ihr gelungen.

Mit entwaffnender Ehrlichkeit schreibt sie zu Beginn des Buches, dass sie öfter, als wir Leserinnen und Leser den Anschein hätten, keinen Zugang zu einer Patientin oder einem Patienten finde. Zudem seien diese häufig, wenn auch interessiert, zu schwach oder zu erschöpft, um selbst zu malen. Für diese Fälle hat Widmer eine Lösung gefunden: Sie malt selbst, unter Anleitung der Patientinnen und die Patienten – sie nennt es «Malen nach Diktat» –, und lässt das Gegenüber auf diese Weise an der sogenannten «lösungsorientierten Maltherapie» teilhaben.

Nicht aufwühlen, sondern beruhigen
Die Idee hinter dieser Methode ist: Mit dem Malen werden nicht die negativen Gefühle ausgedrückt, sondern einfache, klare Bilder geschaffen, die keine verstörenden Emotionen auslösen. Diese «Metaphern» helfen den Patienten, «schwierige Gefühle wahrzunehmen und während des Malens eine Wandlung zuzulassen». Gemalt wird mit langsamen und ruhigen Bewegungen, allmählich entsteht ein Gemälde. Dieses dient später als Anker für die Erfahrung, dass es möglich ist, ein schwieriges Gefühl wahrzunehmen, auszuhalten und mit der Zeit in eine neutrale Stimmung zu verwandeln.

In bunten Fallbeispielen beschreibt Widmer einige Prozesse, die sie mit Patientinnen und Patienten erlebt hat. Gezeigt werden im Buch ebenfalls die enstandenen Bilder in Farbe. Oft waren es nur kurze Begegnungen, wenige Menschen konnte sie über eine längere Zeit begleiten. Das liegt am Setting im Akutspital, wo die Menschen meist nur wenige Wochen behandelt werden. Die Geschichten zeigen, dass es der Maltherapeutin gelungen ist, den schwerkranken Menschen eigene Ideen, Gefühle und vor allem Geschichten zu entlocken; seien es Berglandschaften, der Blick aufs Meer oder ein Bild vom geliebten Haustier. Das Malen half in belastenden Situationen und liess die Patientinnen konzentriert, ruhig und mit positiven Gefühlen zurück.

Das Phänomen der «Spiegelnervenzellen»
Widmer entwickelte mit der Zeit ein Gespür dafür, was den Menschen bewegt und lenkt intuitiv die Entstehung des Bildes so, dass dieses zum Schluss ganz für den Patienten steht. Die Autorin begründet dieses Phänomen neurologisch mit dem Phänomen der «Spiegelnervenzellen». Die Patienten würden beim Betrachten ihrer malenden Hand ruhig, weil in ihren Spiegelneuronen die gleichen Aktivitätsmuster ablaufen, wie wenn sie den Vorgang selbst ausführen. Diese wissenschaftliche Erklärung wäre gar nicht nötig gewesen. Man glaubt der erfahrenen Therapeutin, dass sie sich vom Gegenüber leiten lässt. Auch die vielen Belege dafür, dass die Patienten «freie Sicht auf ihre malende Hand» hatten, sind mit der Zeit überflüssig. Die Geschichten rund um die Bilder, die entstehen, gehen unter die Haut. Es ist verblüffend, dass die Kunsttherapeutin den Patienten in dieser kurzen Zeit so nah kommt, mit Hilfe von Papier, Farbe und Formen.

Hilfreich ist sicherlich, dass Esther Widmer den Patientinnen unvoreingenommen begegnet, nicht an ihrer Diagnose oder medizinischen Details interessiert ist, sondern zum Beispiel an ihrer Lieblingsfarbe. Diese Frage sei oft ein guter Ausgangspunkt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Esther Widmer nennt die Bilder, die entstehen, nicht Kunstwerke, sondern sie gibt zu, dass sie bisweilen wie von einem Kind gemalt aussehen. Sie trägt die mit Salbeiöl versetzten Gouache-Farben meist mit den Fingern auf. Nichtsdestotrotz erzählen die Resultate eine Geschichte über einen Menschen. Häufig werden sie später im Spitalzimmer aufgehängt, wo sie den Pflegenden und Ärztinnen als Gesprächseinstieg dienen können. So berichtete der Patient, mit dem sie die freie Sicht aufs offene Meer malte, von anderen Gesprächen, die er nun mit den Ärzten habe. In der letzten Visite sei es um Weitsicht und Perspektive gegangen.
«Ein selbstgemaltes Bild an der Wand wirkt wie ein Fenster mit Sicht auf den betroffenen Menschen.» Claudia Stadler, Pflegefachfrau

Pflegefachfrau Claudia Stadler, die im gleichen interdisziplinären Team wie Widmer arbeitet, schreibt im Buch, dass es sie stets freue, wenn an der Zimmertür aussen ein Pinsel hänge. Denn das bedeute, die Maltherapeutin sei da, «eine Wohltat im ganzen Spitaltrubel». Es sei für sie jeweils wunderbar, später ein persönliches Bild an der Wand zu entdecken. «Es vermittelt mir den Eindruck, dass nicht alles von Maschinen bestimmt, vom Diagnoseblatt abgelesen, von der Kollegin gemessen, vom Labor analysiert oder vom Spezialisten eingeschätzt ist. Es wirkt wie ein Fenster mit Sicht auf den betroffenen Menschen. Dieses Bild kann mir sagen: Das bin ich; hier stehe ich im Leben; das ist mir jetzt wichtig; das vermittelt mir Zuversicht.»

Esther Widmer: Mitten im Leben bis zum Schluss. Kunsttherapie in der Palliative Care. Zürich: rüffer & rub cares. 2019.

palliative zh+sh, Sabine Arnold