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Quality of Death Index: «Eigentlich ist das Abschneiden der Schweiz ein Armutszeugnis»

Quality of Death Index: «Eigentlich ist das Abschneiden der Schweiz ein Armutszeugnis»

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«Seit der ersten Publikation des Quality of Death Index' ist das Thema auf der globalen Agenda überhaupt aufgetaucht. […] Aber es muss immer noch viel mehr getan werden. Es ist ein Thema, das uns alle angeht – ein guter Tod sollte als Menschenrecht gelten.» David Line, Managing Editor, The Economist Intelligence Unit (Bild: The Economist Intelligence Unit)

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08. Oktober 2015 / Region
Beim weltweiten Vergleich der Palliative-Care-Angebote erreicht die Schweiz den 15. von 80 Rängen. Monika Obrist, Präsidentin von palliative zh+sh, ist mit diesem Resultat nicht zufrieden. Die Schweiz habe schliesslich ein sehr gut ausgebautes Gesundheitswesen und ist eines der reichsten Länder der Welt.

Diese Woche hat die Forschungsabteilung des Wirtschaftsmagazins «The Economist» den Quality of Death Index veröffentlicht. Diese Rangliste bewertet die Qualität von Palliative Care in 80 verschiedenen Ländern. In Auftrag gegeben hat die Studie eine philantropische Stiftung aus Singapur namens Lien Foundation. Der Quality of Death Index wurde nach 2010 zum zweiten Mal ermittelt. Wie bei der ersten Analyse lag Grossbritannien auf dem Spitzenplatz. Diese Position hat das Land seiner übergreifenden nationalen Strategie im Bereich Palliative Care zu verdanken, ihrer guten Einbettung in die nationale Gesundheitsversorgung, der starken Hospiz-Bewegung und dem Engagement der Bevölkerung.

Generell sei die Höhe der Einkommen ein starker Indikator für das Vorhandensein und die Qualität der Palliative-Care-Angebote, heisst es in der Zusammenfassung der Untersuchung. Reiche europäische und asiatische Länder dominieren die Top 20. Die Schweiz liegt auf dem 15. Platz, weit hinter Spitzenreiter Grossbritannien (1. Platz), aber auch hinter den Nachbarn Deutschland (7.) und Frankreich (10.). Monika Obrist, Co-Präsidentin und Geschäftsführerin von palliative zh+sh, kritisiert das Abschneiden der Schweiz. «Angesichts der Tatsache, dass die Schweiz ein sehr gut ausgebautes Gesundheitswesen hat und eines der reichsten Länder der Welt ist, ist der 15. Rang eher ein Armutszeugnis.»

Planung des Lebensendes kann Zufriedenheit steigern

Die Gründe für das höchstens mittelmässige Abschneiden sieht Obrist darin, dass die Angebote in den einzelnen Kantonen sehr unterschiedlich ausgebaut sind. Vor allem fehle ein strukturiertes Angebot an qualifizierter Palliative-Care-Beratung und vorausschauender Planung. Zudem mangle es vor allem im ambulanten Bereich an spezialisierten Angeboten in Ergänzung zur Grundversorgung. In Australien und Neuseeland, die auf den Plätzen 2 und 3 liegen, gibt es zum Beispiel Angebote für Advance Care Planning (Planung des Lebensendes). Sie ermöglichen Patient_innen mit unheilbaren Krankheiten, sich über den Krankheitsverlauf und mögliche Behandlungen umfassend beraten zu lassen und zu entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Studien haben gezeigt, dass dadurch die Lebensqualität und Zufriedenheit der Betroffenen und ihrer Angehörigen nachhaltig gestiegen sind. Palliative zh+sh will nun auf diesen Studien und Praxiserfahrungen aufbauend in der Schweiz ebenfalls ein solches Angebot entwickeln.

Als negativer Punkt wird von den Studienautoren ausserdem ins Feld geführt, dass Medikamente für Patient_innen zwar kostenlos erhältlich, die ambulante Pflege zuhause aber nur «leicht subventioniert» und teuer für die Pflegebedürftigen sei. Zwar ist die ambulante Grundversorgung, Spitex-Dienste also, durch das KVG gesichert. Sobald jedoch spezialisierte Palliative Care oder eine 24-Stunden-Betreung nötig werden, fallen auch laut Obrist hohe Kosten für die Betroffenen an. «Spezialisierte Pallilative-Care-Konsiliarteams, welche die grundversorgenden Hausärzte und Spitexorganisationen punktuell unterstützen, ermöglichen dennoch, dass Betroffene zu Hause betreut werden können bis zum Tod. Sie stellen Medikamente und Materialien zur Verfügung, die belastende Symptome wie Schmerzen, Atemnot, Erbrechen oder Angstzustände schnell und wirksam lindern können. Dadurch können unerwünschte Spitaleintritte am Lebensende verhindert werden.»

«Freiwillige leisten unschätzbar wertvolle Arbeit»

Die Präsidentin von palliative zh+sh lobt in diesem Zusammehang den Stellenwert, den Freiwillige sowohl in der stationären als auch in der ambulanten Versorgung einnehmen. «Sie leisten einen unschätzbar wertvollen Dienst und stehen niemals im Rampenlicht.» Obrist lobt auch die Vereinigungen, die die Freiwilligen unterstützen, sie ausbilden und ihnen Intervision anbieten. Das sei notwendig, damit die Freiwilligen sich nicht erschöpfen und ausbrennen würden.

Zurück zur Studie: Unser Land bekommt vor allem in Sachen Pflegequalität gute Noten. Dort liegt sie gar auf Platz 8. Gut bewertet werden auch die palliativmedizinische und –pflegerische Umgebung (13. Platz). Wie erwartet, seien viele Entwicklungsländer hingegen nach wie vor nicht in der Lage, grundlegende Schmerztherapien zur Verfügung zu stellen, schreibt der «Economist». Es fehlt ihnen sowohl an Personal als auch an der nötigen Infrastruktur. Einige einkommensschwache Länder zeigen dennoch Innovationskraft und Eigeninitiative. Panama zum Beispiel baut Palliative Care in seine Primärversorgung ein. Die Mongolei weist ein rasches Wachstum an Sterbehospizen und Ausbildungsmöglichkeiten auf. Und in Uganda sind opioide Schmerzmittel viel besser erhältlich als noch vor fünf Jahren.

Der Quality of Death Index ist aufgrund von umfassenden Forschungsarbeiten entstanden und Interviews mit über 120 Palliative-Care-Experten auf der ganzen Welt.
palliative zh+sh, sa