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Wenn Aggressionen Schmerzen bedeuten

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Andrea Koppitz, Professorin an der ZHAW: «Schmerzempfinden ist hochsubjektiv. Das kann ausserdem auch von der Tageszeit abhängen.»

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04. Dezember 2015 / Wissen
Haben Menschen mit fortgeschrittener Demenz starke Schmerzen, wird dies zwar meist erkannt, aber oft nicht ausreichend therapiert, wie Studien zeigten. Ein breit angelegtes, pflegewissenschaftliches Forschungsprojekt der ZHAW will das nun ändern.

Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Demenz können Schmerz meist nicht mehr verbal ausdrücken. Deshalb zeigen sie ihn in ihrer Mimik, in ihrer Gestik oder in ihrem Verhalten. Sie reagieren aggressiv oder werden apathisch. Die Reaktionen unterscheiden sich von Person zu Person. «Schmerzempfinden ist hochsubjektiv. Das kann ausserdem auch von der Tageszeit abhängen», sagt Andrea Koppitz. Die Professorin und stellvertretende Leiterin des Studiengangs Pflegewissenschaften an der ZHAW in Winterthur und ihr Forschungsteam setzen deshalb auf die Pflegenden. Sie seien es, die den intensivsten Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohner eines Pflegeheims hätten.

Die Forschungsgruppe um Koppitz will mit einer pflegegeleiteten Intervention alle Pflegenden im Heim bei der Schmerzeinschätzung und Schmerztherapie beraten und coachen, um Schmerzhäufigkeit und –intensität zu reduzieren. Das bedeutet konkret, dass in einem ersten Schritt die wenig qualifizierten Pflegenden wie Pflegeassistent_innen oder Fachangestellte Gesundheit darin geschult werden, bei den Bewohner_innen Schmerz zu beobachten, einzuschätzen und zu dokumentieren. In einem zweiten Schritt will man bei allen Pflegenden – auch den höher qualifizierten – diese Kompetenzen stärken, damit sie auf das Beobachtete mit einer Pflegemassnahme reagieren können, zum Beispiel nach Rücksprache mit dem Arzt mit der Abgabe eines Medikaments.

Den Schmerz speziell dokumentieren

Die Daten für die Untersuchung werden folgendermassen gesammelt: Neben der üblichen Pflegedokumentation erstellen die Mitarbeitenden in den Pflegeheimen eine spezielle «Schmerz-Dokumentation». Die Forscherinnen und Forscher der ZHAW überprüfen diese nach ihrer Vollständigkeit und entnehmen ihnen Daten, etwa über die verordneten Medikamente.

Zu Beginn der Studie, kurz nach der Schulung, werde die Schmerzdokumentation zahlemässig zunehmen, mit der Zeit jedoch wieder abflachen, vermutet Koppitz. Solche Effekte kenne man aus der Forschung. Deshalb setzen sie und ihr Team auf eine Zeitreihenanalyse. Das heisst, dass die Probe nicht etwa zu einem einzigen Zeitpunkt stattfindet, sondern verteilt auf 180 Tage. Die Studie wird in zwei Pflegeheimen durchgeführt. Eines davon befindet sich im Kanton Zürich, das andere im Kanton Thurgau. Die Wissenschaftlerin geht davon aus, dass pro Kanton unterschiedlich vorgegangen wird. Ausserdem werden Daten aus einer früheren Studie zum Vergleich hinzugezogen.

Koppitz und ihr Team haben für dieses Projekt kürzlich Fördergelder in der Höhe von knapp 115‘000 Franken aus dem Programm «Forschung in Palliative Care» erhalten; neben anderen Zuwendungen von der schweizerischen Alzheimervereinigung, dem Bundesamt für Gesundheit BAG und der Ebnet Stiftung. «Unsere Forschung hat insofern mit Palliative Care zu tun, als Menschen mit Demenz immer später ins Pflegeheim eintreten und deshalb ihre Behandlung immer mehr einer End of Life Care entspricht.» Die Studie entstand auch vor dem Hintergrund der «Nationalen Demenzstrategie 2014-17», die vier Handlungsfelder definiert. Das Projekt ist den Feldern «Qualität und Fachkompetenz» sowie «Daten und Wissensvermittlung» zuzuordnen.