palliative zh+sh

Wenn Geschwätz Gesprächslücken füllen will

Wenn Geschwätz Gesprächslücken füllen will

Weitere Infos

Fra Keller vom Theater Knotenpunkt animierte die Zuschauenden, sich ins Stück einzumischen (Bild: palliative zh+sh, sa).

Portrait

Weitere Infos zum Thema

Dokumente zum Thema

Video zum Thema

20. November 2017 / Region
Letzte Woche hat der Verein Palliative Care Winterthur-Andelfingen zum Theaterabend eingeladen. Auf dem Programm stand weniger Unterhaltung, als vielmehr ein Lehrstück. Die Szenen des Forumtheaters Knotenpunkt zeigten, dass in der Palliative Care kommunikatives Fingerspitzengefühl zentral ist.
«Sie können doch nicht nichts mehr machen», sagte die Tochter des todkranken Herrn Rüeggs zum Arzt. Als dieser argumentiert, es gehe nun darum, mit Morphium Schmerzen und Atemnot zu lindern, sagte die Ehefrau: «Aber Morphium macht doch süchtig.»

Es ist eine Szene, die sich wohl immer wieder ereignet in Situationen, wenn eine Familie mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit konfrontiert wird. Die Mitteilung der Ärzt_innen, dass kurative Behandlungen an eine Grenze gestossen sind, kann bei Betroffenen und Angehörigen einen Schock auslösen.
«Wir wollen zeigen, dass die Lebensqualität von Palliativpatientinnen und -patienten gesteigert werden kann, wenn man gewappnet ist für Krisensituationen.»
Elisabeth Fankhauser, Vorstandsmitglied palliative zh+sh und Regionalgruppe Winterthur-Andelfingen

Eindringlich führte das Spiel des Forumtheaters Knotenpunkt vor Augen, auf welch dünnem Eis sich Palliativfachleute bewegen, die in eine Krisensituation hineinkommen. Der Verein Palliative Care Winterthur-Andelfingen, eine Regionalgruppe von palliative zh+sh, hatte den Abend vom 14. November im Festsaal des Hotels Banane in Winterthur organisiert. Gekommen waren um die fünfzig Personen, mehrheitlich vom Fach, aber auch Interessierte oder Betroffene. Vorstandsmitglied Elisabeth Fankhauser sagte in ihrer Begrüssung: «Wir wollen zeigen, dass die Lebensqualität von Palliativpatientinnen und -patienten gesteigert werden kann, wenn man gewappnet ist für Krisensituationen und vorausschauend plant.»

Das Theater Knotenpunkt ist ein sogenanntes Forumtheater, das die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum, zwischen Fiktivem und Realem, aufhebt. Nach diesem Prinzip animierte die Moderatorin die Zuschauenden gezielt, die Handlungsweise der Figuren auf der Bühne nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten.
«Ich habe versucht, nicht zu viel zu sagen, und mich nicht in den Strudel hineinziehen zu lassen.»
Michael Roggenmoser, Heimarzt Alterszentrum im Geeren Seuzach

Die besagte Szene spielte sich in einem Pflegeheim ab und drehte sich um einen 49-jährigen Patienten mit Lungenkrebs. Sein Arzt eröffnete ihm und seiner Familie, man könne ihn im derzeitigen schwachen Zustand nicht operieren. Der Mediziner sagte inhaltlich zwar alles richtig, sprach von «Symptomlinderung», «Palliative Care» und «Lebensqualität». Aber Ehefrau und Tochter waren so schockiert von der Nachricht, dass sie mit ihrer Panik gepaart mit Nichtwahrhabenwollen den Arzt total überrollten.

Michael Roggenmoser, Heimarzt im Alterszentrum im Geeren Seuzach, versuchte daraufhin sein Glück auf der Bühne – und scheiterte relativ rasch, wie er selbst lachend zugab. «Ich habe eigentlich versucht, nicht zu viel zu sagen, und mich nicht in diesen Strudel hineinziehen zu lassen.» Christoph Schürch, Leiter des mobilen Winterthurer Palliative-Care-Teams MPCT, sagte, er finde es problematisch zu sagen, «man kann nichts mehr machen». Schliesslich könne man noch viel machen gegen die Beschwerden.

Die Situation entschärfte schliesslich ein Seelsorger aus dem Publikum, Alberto Dietrich, der am Universitätsspital Zürich arbeitet. Er fragte Patient und Angehörige, was im Moment der schwierigste Punkt für sie sei. Er fragte: «Was macht das mit ihnen?» Er hakte nach und strahlte eine grosse Ruhe aus. Auf die Frage der Tochter, weshalb ein so junger Mensch mit einer so schweren Krankheit gestraft werde, sagte er: «Wer kann das fassen? Ich nicht. Ich kann einfach da sein und das zusammen mit ihnen aushalten. Ich haue nicht ab.»
«Man muss gut zuhören, dem Gegenüber Zeit lassen und es immer wieder nach seinen Wünschen fragen.»
Gordana Pezić vom Seniorenzentrum im Wiesengrund Winterthur

Roggenmoser und Schürch sassen danach, zusammen mit Gordana Pezić vom Seniorenzentrum im Wiesengrund Winterthur, auf dem Podium und stellten sich den Fragen aus dem Publikum. Wie lernt man, diese schwierigen Gesprächssituationen zu meistern? Indem man gut zuhöre, sagte Pezić. Indem man dem Gegenüber Zeit lasse, und indem man das Gegenüber immer wieder nach seinen Wünschen frage. Roggenmoser berichtete von Kommunikationsmodellen, die man anwende, von Trainings und Videoaufnahmen. Müsse man eine ernste Nachricht überbringen, versuche man nämlich oft, die Lücken mit Geschwätz zu füllen, so der Allgemeinpraktiker. Schürch sagte, von ihm würden Informationen erwartet, wenn er einen Patienten und dessen Familie besuche. «Ich versuche zudem immer, offen zu sein, und mich laufend zu verbessern. Es kann aber nicht immer rund gehen.»

Eine Frau im Publikum sprach die Expertenrunde auf das Phänomen des «Patienten 2.0» an, also auf den Betroffenen, der im Internet seine Krankheit selbst googelt. Er frage dann jeweils, wo die Information herstamme, sagte Christoph Schürch «Es gibt durchaus gute Quellen. Am Schlimmsten aber sind Foren, in denen sich Betroffene austauschen.» Er habe auch schon den Sohn einer Patientin gebeten, Informationen über ein sogenanntes Wundermittel auszudrucken, sagte Michael Roggenmoser. Im eigens dafür vereinbarten Gespräch sei es dann gar nicht mehr um das Mittel gegangen.
palliative zh+sh, sa