palliative zh+sh

Wie das ideale Netzwerk funktioniert

Wie das ideale Netzwerk funktioniert

Weitere Infos

Hausärztinnen und -ärzte sollen die Fallführung innehaben bei Palliativpatientinnen, die zu Hause betreut werden. Sie sollten auch erkennen, wann sie ein spezialisiertes Team hinzuziehen müssen (Bild: Adobe Stock/sebra).

Portrait

Weitere Infos zum Thema

Dokumente zum Thema

Video zum Thema

13. März 2020 / Wissen
Daniel Büche und Anna Beran-Kühne vom Palliativzentrum St. Gallen haben in den Februar-Ausgabe der Zeitschrift «Primary and Hospital Care» einen lesenswerten Artikel verfasst. Darin geht es um die Zusammenarbeit zwischen Grund- und spezialisierter Palliative-Care-Versorgung.
«Die Dienstleistung zum Patienten und nicht den Patienten zur Dienstleistung bringen», müsse das Credo der Palliativversorgung lauten, schreiben Daniel Büche, leitender Arzt am Palliativzentrum St. Gallen und Anna Beran-Kühne, Oberärztin am gleichen Ort. Weil die meisten Menschen, auch wenn sie unheilbar erkrankt sind, so lange wie möglich zu Hause bleiben und dort sterben wollen. Die Autorin und der Autor richten sich in ihrem Text deshalb vor allem an Hausärztinnen und -ärzte. Grundsätzlich erachten sie es als sinnvoll, in der Betreuung von Palliativpatientinnen und -patienten ihnen die Fallführung zu überlassen.

Voraussetzungen, um eine Palliativpatientin kontinuierlich, koordiniert und problemorientiert betreuen zu können, seien
1. klar definierte Behandlungsziele,
2. geklärte Verantwortlichkeiten und
3. eine gute Kommunikation.

Um Ziele zu formulieren, die sich an den Problemen und den Ressourcen der betroffenen Personen und ihres Umfelds orientieren, empfehlen Büche und Beran-Kühne die SENS-Struktur (Symptome, Entscheidungsfindung, Netzwerk und Support). Das Behandlungsteam müsse sicherstellen, dass der Patient diese Ziele teilt, indem es sein Krankheits- und Prognosewissen prüft. Nur so fühlt er sich ins Netzwerk einbezogen und aufgebhoben darin.
«Wesentlich in der Kommunikation ist, die Arbeitslogik des Netzwerkpartners zu berücksichtigen.» Daniel Büche und Anna Beran-Kühne
Bezüglich Kommunikation müssten sich alle Netzwerkpartner über die Informationsmenge, die -kanäle und die Reaktionszeit im Klaren sein. «Wesentlich dabei ist, die Arbeitslogik des Netzwerkpartners zu berücksichtigen.» Könne die Hausärztin erst nach ihrer Sprechstunde die Mail-Anfrage der Spitex beantworten, sei es möglich, dass die entsprechende Mitarbeiterin nicht mehr im Dienst ist, wenn die Ärztin antwortet. Ist die Frage dringend, muss also auf einen anderen Kanal wie Telefon oder SMS zurückgegriffen werden.

Wenn der Hausarzt tatsächlich die Fallführung innehat, solle auch er es sein, der mitentscheidet, ob und wann die spezialisierte Palliative Care oder andere Berufsgruppen einbezogen werden. Büche und Beran-Kühne schlagen als Entscheidungsgrundlage den von der Universität Edinburgh entwickelte «SPICT»-Leitfaden vor. Diese Abkürzung steht für «Supportive and Palliative Care Indicators Tool». Darin sind als allgemeines Indikationskriterium für Patientinnen und Patienten, die palliativ betreut werden sollen, etwa mehrfache ungeplante Spitaleinweisungen aufgelistet oder ein reduzierter Allgemeinzustand, der die betroffene Person zwinge, mehr als den halben Tag liegend oder sitzend zu verbringen.

Den überwiegenden Teil der Fälle könne die allgemeine Palliative Care handeln, also die Fachpersonen aus der Grundversorgung. Die spezialisierten Fachpersonen kommen nur in «komplexen und instabilen Situationen» zum Zug. Komplexität kennzeichnet sich etwa durch folgende Faktoren:
  • Schwierigkeit der Behandlung
  • Vielschichtigkeit des Symptoms
  • Gleichzeitigkeit verschiedener Symptome oder Probleme
  • Unvorhersehbarkeit möglicher einschneidender Komplikationen
  • Unübersichtlichkeit der Situation

Die Autorin und der Autor plädieren zudem für einen frühen Einbezug der Palliative Care, nach dem Schlagwort der «Early Palliative Care». Spätestens seit der 2010 veröffentlichten Studie von Jennifer S. Temel wisse man, dass es sinnvoll sei, innerhalb von Wochen nach der Diagnose eines Tumors ein Palliativteam einzubeziehen. In den folgenden, regelmässigen Besuchen liege das Augenmerk auf der Symptomkontrolle, der Entscheidungsfindung, Advance Care Planning, der Krankheitsbewältigung und des Einbezugs der Angehörigen. Leider sei der frühe Einbezug von Palliative Care bei Weitem noch nicht flächendeckend umgesetzt. Häufig werde «erst in der Sterbephase an Palliative Care gedacht und diese implementiert».
Primary and Hospital Care 2020/2, palliative zh+sh