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Wie sterben Menschen heute in der Schweiz?

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Behandlung fortführen oder nicht? 75 Prozent der Todesfälle sind vorhersehbar. Denn sie erfolgen wegen des fortgeschrittenen Alters oder einer unheilbaren Krankheit. Aus diesem Grund müssen am Lebensende schwierige Entscheidungen getroffen werden (Bild: fotolia).

Georg Bosshard

Leitender Arzt Long-term Care, Klinik für Geriatrie, Universitätsspital Zürich

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20. April 2018 / Wissen
Angesichts des Todes verhalten sich Schweizerinnen und Schweizer je nach Sprachregion unterschiedlich. Wie der kulturelle Kontext die medizinische Praxis am Lebensende prägt, zeigt eine Studie der Universitäten Zürich und Genf.
Heute sind fast zwei Drittel der Todesfälle in der Schweiz aufgrund fortgeschrittenen Alters oder unheilbarer Krankheit vorhersehbar. Am Lebensende müssen deshalb schwierige Entscheidungen getroffen werden. «Wir haben untersucht, wie kulturelle Unterschiede in einem mehrsprachigen Land wie der Schweiz trotz eines gemeinsamen föderalen Rechtsrahmens die Entscheidungen am Lebensende beeinflussen», erklärt Samia Hurst, Direktorin des Instituts für Geschichte, Ethik und Geisteswissenschaften an der Medizinischen Fakultät der Universität Genf.

In ihrer Studie zeigen Forschende der Universität Zürich und der Universität Genf, dass zwar erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen bestehen, diese aber teilweise weniger bedeutsam sind als die Unterscheide zwischen den jeweiligen Sprachregionen und deren Nachbarländern in gleicher Muttersprache.
«Das wichtigste Resultat dieser Studie für mich als Geriater ist diese sehr hohe Frequenz von Behandlungsverzicht und -abbruch in allen drei Landesteilen.»
Georg Bosshard, Geriater USZ

In allen Regionen gingen mehr als drei Viertel der Todesfälle eine oder mehrere End-of-life-Entscheidungen voraus, vor allem Entscheide, lebenserhaltende Behandlungen nicht anzuwenden oder abzusetzen (70,0% in der Deutschschweiz, 59,8% in der Romandie und 57,4% in der italienischen Schweiz).

«Das wichtigste Resultat dieser Studie für mich als Geriater ist diese sehr hohe Frequenz von Behandlungsverzicht und -abbruch in allen drei Landesteilen», sagt Geriater Georg Bosshard vom Universitätsspital Zürich auf Anfrage.

Beihilfe zum Suizid blieb mit rund 1,5% aller zu erwartenden Todesfälle in der West- und Deutschschweiz marginal, in der italienischen Schweiz wurde kein Fall gemeldet. Diese Form der Sterbehilfe, bei der sterbewillige Personen von einem Arzt eine tödliche Dosis eines Medikaments erhalten, diese aber selber einnehmen müssen, ist in der Schweiz legal. Nicht erlaubt ist hingegen aktive Sterbehilfe, bei der eine andere Person das tödliche Mittel verabreicht.

Im Tessin: wenig Einbezug und häufige Sedierung

Sehr interessant fand Geriater Georg Bosshard auch die Resultate aus dem Tessin: Dort werden urteilsfähige Personen «doch deutlich weniger in die Entscheidung einbezogen» als in den anderen Landesteilen. Zudem sei im Tessin auch der Anteil von kontinuierlicher tiefer Sedierung am Lebensende vergleichsweise sehr hoch: Er macht 34 Prozent aller erwarteten Todesfälle aus, in der Deutschschweiz 25 Prozent, in der Romandie 27 Prozent.

Ähnliche Studien, die einen internationalen Vergleich ermöglichen, wurden in Italien und Frankreich durchgeführt. «Auch wenn wir nicht in allen Landesregionen gleich sterben, sind unsere Herangehensweisen doch ähnlicher als diejenigen unserer Nachbarn. Die Westschweiz gleicht in mancher Hinsicht mehr der Deutschschweiz als Frankreich, was der grösseren Rolle der Patientenautonomie in der Schweiz entspricht», sagt Samia Hurst.

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schweizer Sprachregionen ähneln jedoch den Unterschieden zwischen Italien und Frankreich, was ebenfalls auf kulturelle Besonderheiten aufgrund der Sprache hindeute. Leider fehlen entsprechende Studien in Deutschland und Österreich, ein wichtiger limitierender Faktor in dieser transnationalen Analyse.
«Entscheidungen für das Lebensende sollten frühzeitig mit dem behandelnden Arzt besprochen werden, damit die medizinischen und technischen Aspekte sowie ihre Konsequenzen richtig verstanden werden.»
Matthias Bopp, Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich

Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer sind sich der Möglichkeit bewusst, vorab detaillierte Verfügungen zu ihrem Lebensende zu verfassen. Aber nur wenige tun es. «Es ist wichtig, darüber nachzudenken, welche Prioritäten wir am Ende des Lebens setzen. Worauf hoffen wir? Was fürchten wir? Was ist das Wichtigste für uns? Solche Entscheidungen für das Lebensende sollten frühzeitig mit dem behandelnden Arzt besprochen werden, damit die medizinischen und technischen Aspekte sowie ihre Konsequenzen richtig verstanden werden», betont Matthias Bopp.

Das Projekt war Teil des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Nationalen Forschungsprogramms «End of Life» (NFP 67). Es ist Ende Januar 2018 offiziell abgeschlossen worden.

9000 Ärztinnen und Ärzte anonym befragt

Um die medizinischen Entscheidungen am Lebensende zu erforschen, schickten die Forscher bezogen auf fast 9000 zufällig ausgewählte Todesfälle einen anonymen Fragebogen an die behandelnden Ärztinnen und Ärzte – 4'998 in der Deutschschweiz, 2'965 in der Romandie und 1'000 im Tessin. Die Rücklaufquote betrug zwischen rund 52% in der welschen Schweiz und 63% in der deutschen Schweiz.
Medienmitteilung, Universität Zürich, 20.4.2018, palliative zh+sh/sa