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Einige Jugendliche tragen einen schwereren Rucksack

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Diskussionsrunde mit Young Carers an der zweiten Young Carers Konferenz in der Schweiz im Careum Auditorium in Zürich. (Bilder: Careum Hochschule Gesundheit)

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21. November 2019 / Wissen
Letze Woche hat in Zürich die Schlusskonferenz zum Nationalfonds-Projekt «Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als pflegende Angehörige in der Schweiz» stattgefunden. Studienleiterin Agnes Leu erklärt in ihrem Blogbeitrag, worum es an diesem Tag ging und dass die Arbeit noch nicht beendet ist. Es sei weiterhin wichtig, verlässliche Daten über Young Carers zu sammeln, bei Fachpersonen das Bewusstsein für deren Anliegen zu wecken und das gesamte Unterstützungsnetzwerk zu vergrössern.
Agnes Leu und ihr Team von der Careum Hochschule Gesundheit forschen seit fünf Jahren zum Thema Young Carers, unterstützt werden sie vom schweizerischen Nationalfonds. Sie haben unter anderem herausgefunden, dass in der Schweiz 8 Prozent der 10- bis 15-Jährigen für ein Familienmitglied sorgen, es pflegen, ihm beistehen oder es regelmässig unterstützen. Sei es, weil die Person chronisch krank, psychisch krank oder behindert ist. Bei den 15- bis 17-Jährigen vermutet das Forschungsteam einen noch höheren Prozentsatz. Klar ist: Erhalten Young Carers in dieser wichtigen Phase zwischen Ausbildung und Beruf keine Unterstützung, kann dies ihre Bildung und Ausbildung gefährden sowie ihre Chancen im Leben schmälern.

«Verwandte zu pflegen oder für sie zu sorgen, kann die psychische Gesundheit oder das Wohlbefinden der Adolescent Young Carers beeinflussen», halten die bisher erstellten Studien fest. Mit dieser spezifischen Gruppe sind die 15- bis 17-jährigen Young Carers gemeint. Ihre Situation wird nun in einem internationalen Forschungsprojekt untersucht.

Die Heranwachsenden im Visier

Mit von der Partie sind in dieser Studie neben der Schweiz Belgien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Slowenien, Schweden und Grossbritannien. Das Projekt wird von «Horizon 2020» gefördert, einem Forschungs- und Entwicklungsprogramm der EU, und trägt das Kürzel «Me-We». Das bedeutet «Psychosoziale Unterstützung für die psychische Gesundheit und das Wohlergehen (Mental Health and Wellbeing) von Young Carers. Die Hochschule Careum ist dabei zuständig für die Fragestellung, welche politischen, rechtlichen und anderen unterstützenden Rahmen es für die betroffenen jungen Menschen in den verschiedenen Ländern gibt.

Das Me-We-Projekt verfolgt drei Hauptziele:
1. das Wissen über heranwachsende Young Carers einzuordnen und zu vergleichen
2. mit der Hilfe von Betroffenen selbst Hilfsangebote zu entwerfen, zu entwickeln und zu prüfen
3. herauszufinden, was hilft, und dieses Wissen zwischen national, europaweit und gar international zu verbreiten

Schweiz mit Afrika und USA in einem Topf

Agnes Leu und Saul Becker haben den Forschungs- und Wissensstand in verschiedenen europäischen Ländern klassifiziert. Die Palette reicht von bereits bestehenden rechtlichen und politischen Unterstützungsangeboten für Young Carers bis zum totalen Fehlen eines Bewusststeins für das Problem.

Dabei schliesst die Schweiz schlecht ab: Von sieben möglichen Leveln erreicht unser Land das drittunterste, Level 5. Das Bewusstsein in der Bevölkerung und unter Spezialisten für die speziellen Bedürfnisse von Young Carers sind hier erst «am Entstehen». Es gibt bereits eine kleine Forschungsbasis, zwar noch keine spezifischen Gesetze, aber andere Regelungen könnten hinzugezogen werden, und auch die spezifischen Unterstützungsprojekte fehlen noch, wobei vorerst ähnliche Angebote hilfreich sein könnten.

Am Besten steht bis jetzt Grossbritannien da, es gilt als «fortgeschritten». Ein «durchschnnittlich» erreichen Schweden, Norwegen und Australien. Ein «in der Vorbereitung» erhalten Österreich, Deutschland und Neuseeland. Danach folgt die Gruppe, in der auch die Schweiz ist, mit Belgien, Irland, Italien, das südliche Afrika, die Niederlande und die USA. Noch schlechter sieht es in Griechenland, Finnland, den vereinigten arabischen Emiraten und Frankreich aus («erwachend»).

Wenn es darum geht, unterstützende Angebote ins Leben zu rufen, stützen sich politische Entscheidungsträger am liebsten auf Forschungsdaten aus dem eigenen Land. Agnes Leu betont im Blog aber: «Auch der Austausch von Ideen und Erfahrungen zwischen den Ländern ermöglicht den Wissensaustausch und lässt neue Ideen entstehen.»

Studien hätten gezeigt, dass in allen untersuchten Ländern, die Schweiz eingeschlossen, die Sichtbarkeit von Young Carers und das Bewusstsein für ihre Bedürfnisse immer noch zu wünschen übrig lassen. Um sie besser unterstützen zu können, sollen ihre Rollen und Bedürfnisse zuerst identifiziert und anerkannt werden.
Denkbar wären zum Beispiel Ansätze, wie bereits im Horizon 2020 Me-We-Projekt zusammengetragen wurden:

  • den sozialen Austausch fördern
  • eine starke Gruppenidentität und die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch mit Gleichaltrigen schaffen
  • Young Carer Informationen über Anlässe, Angebote und Aktivitäten zukommen lassen
  • den indirekten und direkten Zugang zu Fachpersonen schaffen


An der Konferenz diskutierten Vertreterinnen und Vertreter von Pro Mente Sana, dem Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer in der Schweiz, des roten Kreuzes, von Pro Juventute und der Zürcher Jugendhilfekommission.

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