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Buchtipp: Hineinwachsen in die Rolle als pflegende Angehörige

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Noch einmal schwimmen.
Sterbebegleitung meiner krebskranken Mutter

Monika Keck (2017), Ernst Reinhardt Verlag, München, ISBN 978-3-497-02671-5

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07. Juli 2017 / Medien
Die Sozialpädagogin Monika Keck hat die Sterbebegleitung ihrer krebskranken Mutter in einem Buch verarbeitet. «Noch einmal schwimmen» ist zudem ein Ratgeber für Menschen, die sich die Pflege eines Angehörigen zu Hause überlegen.

Trauer, Überforderung, Wut. Mit diesen Gefühlen reagieren Vater und Tochter, als ihnen im Spital mitgeteilt wird: «Ihre Frau und Mutter ist seit zehn Tagen auf der Palliativstation. Wir können hier im Krankenhaus nichts mehr für sie tun.» Eine Sozialarbeiterin drängt die beiden zu einer raschen Entscheidung: Hospiz oder zu Hause pflegen? Die Palliativärztin rät zu einem Hospiz. Die Pflege zu Hause sei sehr anstrengend, kräftezehrend und schwierig. Und sie als Angehörige bräuchten Zeit für sich selbst, um trauern zu können. Zeit und Raum, um diese gewichtige Entscheidung zu fällen, erhält die Familie nicht. «Ich hatte genug von der Informationsflut und fühlte mich stark unter Druck gesetzt», schreibt Monika Keck.

Die Mutter hatte zu einem früheren Zeitpunkt den Wunsch geäussert, daheim sterben zu dürfen. Vater und Tochter entschliessen sich für die Pflege zu Hause. Diese Stelle ist die intensivste im Buch und offenbart auch, weshalb Keck schliesslich den Plan fasste, erst einen Flyer für Angehörige und dann dieses Buch zu schreiben. Sie sei mit der an sich banalen Fragestellung, welche Pflegeartikel man für die Pflege eines schwerkranken Menschen zu Hause brauche, komplett überfordert gewesen. Sie wunderte sich ausserdem, weshalb sie keine Liste vom Krankenhaus für diese Pflegeartikel bekommen hatte.

Hilfreiche Listen und Tipps

Im Buch steht neben solchen Anekdoten nun die Liste «notwendige Pflegemittel», und es sind diverse hilfreiche Tipps für pflegende Angehörige aufgelistet, die sie noch vor dem Spitalaustritt beachten müssen. Zum Beispiel sollten sie beim Hausarzt abklären, ob er die zeitlichen Kapazitäten für die Betreuung des Patienten hat, und [dies möchten wir an dieser Stelle ergänzen, die Red.] ob er auch Hausbesuche macht. Als Unterstützung bei der Pflege sollten sie bei Bedarf Freiwillige, die Spitex, ein spezialisiertes Palliative-Care-Team sowie Freunde und Familie beiziehen. «Sich untereinander abzusprechen, wer abwechselnd Frühschicht, die Spätschicht und die Nachtschicht bei der Betreuung übernimmt, schont die eigenen Kräfte.»

Da die Autorin in Bayern lebt, verwendet sie deutsche Begriffe. Diese sind jedoch auf die Verhältnisse in der Schweiz übertragbar: Der Hospizdienst entspricht etwa einem Verein von Freiwilligen für Sterbebegleitung, und die spezialisierten, ambulanten Palliativteams (SAPV) gibt es hierzulande ebenfalls. Nicht übertragbar und deshalb für Leserinnen und Leser aus der Schweiz unbrauchbar sind jedoch die erwähnten gesetzlichen Bestimmungen über die Finanzierung der Pflege. Schade, dass hier nicht noch die Verhältnisse in der Schweiz recherchiert wurden.

Ein Pluspunkt des Ratgebers ist aber, wie Monika Keck ganz konkret den Zustand der Patientin in der allerletzten Lebensphase, der «Finalphase», beschreibt: Das Bedürfnis nach Essen und Trinken versiegt fast ganz. Die Autorin berichtet von einer Eskalation, als eine Bekannte ihre Mutter zum Trinken zwingen wollte. Zudem sei deren Interesse an der Umgebung erloschen, nachdem sie zuvor täglich einen Blick in ihren geliebten Garten werfen wollte. Blutdruck und Puls veränderten sich. Die sogenannte Rasselatmung setzte ein. Zuletzt helfe es, den geliebten Menschen loszulassen und ihm dies auch mitzuteilen, schreibt Keck. Man liebe ihn, aber lasse ihn jetzt los. Er oder sie könne jetzt gehen.

Es sind diese eigenen Erfahrungen, die das Buch sowohl für Angehörige als auch Fachpersonen lesenswert machen. Was beschäftigt eine Tochter, deren Mutter schwer an Krebs erkrankt ist? Was geht ihr durch den Kopf, wenn sie zum ersten Mal den Begriff «palliativ» hört? Was hilft pflegenden Angehörigen in dieser belastenden Situation? Die Autorin beginnt das Fachbuch mit einem Kapitel über Trauerarbeit und leitet erst dann zur eigentlichen Krankengeschichte von der Diagnosestellung, dem Bangen zwischen Hoffnung und Verzweiflung bis zu den letzten Monaten voll «selbstloser Pflege» über.

Das Stück Schwimmnudel im Sarg

Die Autorin begibt sich auch ganz konkret auf eine Reise der Erinnerung und besucht noch einmal die Orte – einen idyllischen See, die Palliativstation, den Friedhof –, die während der Erkrankung der Mutter und danach bedeutsam waren. Dank der eingestreuten und typografisch herausgehobenen Tipps können Lesende diese vielleicht allzu banalen Passagen auch überspringen und nur die Ratschläge lesen.

Der Titel «Noch einmal schwimmen» bezieht sich auf den Wunsch der bereits kranken Mutter, ihre Tochter, die Kinder im Schwimmen unterrichtet, noch einmal ins Freibad zu begleiten. Um trotz körperlicher Einschränkungen schwimmen zu können, schenkt die Tochter ihr eine Schwimmnudel, die aber unbenutzt bleibt. Wegen der Chemotherapie und des dadurch eingeschränkten Immunsystems ist nämlich ein Besuch des Freibads nicht mehr möglich. Die Autorin berichtet schliesslich, wie sie der Mutter ein Stück dieser Schwimmnudel in den Sarg mitgab.

Das Ziel der Autorin, andere Angehörige in derselben Situation für die Pflege daheim zu ermutigen, erreicht sie bestimmt. Plausibel stellt sie dar, wie sie selbst in die Rolle der pflegenden Angehörigen hineingewachsen ist. Anfänglich traute sie sich nicht zu, die Schmerzpumpe (den Morphin-Computer) zu bedienen. Schnell eignete sie sich aber deren Handhabung an und konnte schliesslich auch die Dosierung neu programmieren sowie Kassetten wechseln. «Es ist möglich, auch bei sich selbst eine zunehmend positive Veränderung in der Haltung zur Pflege und zur Auseinandersetzung mit dem Sterben zu erleben», schreibt sie. «Nach meiner Erfahrung werden Vorbehalte und Ängste kleiner je mehr man im täglichen Umgang mit dem schwerkranken Angehörigen erlebt.» Unmittelbar nach dem Tod befriedigte und tröstete Monika Keck das Gefühl, alles dafür getan zu haben, dass die Mutter würdig und friedlich sterben konnte.

Die Autorin, die ursprünglich Sozialpädagogin war, bildete sich schliesslich selbst in Palliative Care weiter und arbeitet seither in einem Pflegeheim.