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Die Füsse berühren, den Menschen erreichen

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Durch das Berühren der Füsse wird der Mensch auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene erreicht. Gerade in der letzten Lebenszeit kann dies hilfreich sein. (Bild: stock.adobe/ wildworx)

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Hanna Huber: «…darf ich deine Füsse berühren?» - Liebevolle Berührung und ruhige Präsenz am Lebensende. Erschienen im Hospiz-Verlag, ISBN: 978-3-946527-21-3

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20. Dezember 2019 / Wissen
Wie kann man Menschen am Ende ihres Lebens etwas Gutes tun? Wie sie begleiten, wenn die Hoffnung schwindet? In ihrem Buch «…darf ich deine Füsse berühren?» gibt die Meditationstrainerin und Palliativfachkraft Hanna Huber einen Einblick in ihren ganz besonderen Weg: Durch einfache Griffe aus der Reflexzonentherapie am Fuss zeigt sie, wie durch Berührung und Präsenz eine mitfühlende und achtsame Begleitung möglich ist.
Ihr gehe es nicht darum, das Sterben zu beschönigen, schreibt Hanna Huber gleich zu Beginn ihres Buches «…darf ich deine Füsse berühren?» - Liebevolle Berührung und ruhige Präsenz am Lebensende. Die deutsche Krankenschwester, Palliativfachkraft und Meditationstrainerin sieht eine grosse Chance darin, am Lebensende alle Konzepte hinter sich zu lassen, weil es nur noch «um das Wesentliche gehe». Das sei spürbar für die Betroffenen, aber auch alle jene, die sterbenskranke Menschen umsorgten. Vor über 20 Jahren bildete sich Huber in Reflexzonenbehandlung weiter, um damit ihre Arbeit als Krankenpflegerin zu ergänzen. Sie stellte fest, dass sich Menschen durch das Berühren der Füsse auch psychisch beruhigten und stabilisierten und entwickelte durch zunehmende Erfahrung spezielle Griffe für Menschen, die sich ihrem Lebensende nähern.

Begegnung auf Augenhöhe

Diese Erfahrungen hat Hanna Huber nun in einem 200 Seiten starken Buch zusammengefasst, das im Hospiz-Verlag in der Reihe «Palliative Care» angewandt erschienen ist. Die insgesamt sieben Kapitel sind mit Geschichten von Patientinnen und Patienten angereichert, die die Autorin an ihrem Lebensende begleitet hat. Bevor sie in der Mitte des Buches näher auf die speziellen Ausgleichsgriffe eingeht, beschreibt Huber, wie man als begleitende Person die dafür nötige Präsenz erreicht, um einen sterbenden Menschen zu unterstützen. Wahrer Kontakt sei eine «respektvolle, freundliche und authentische Begegnung auf Augenhöhe von Mensch zu Mensch». Es sei wichtig, sich aus der Rolle des Helfers zu lösen, die immer ein Ungleichgewicht in sich berge. Sie plädiert dafür, nicht zu bewerten, nicht zu kommentieren und nicht zu unterbrechen, sondern einfach nur zuzuhören, ohne gute Ratschläge zu erteilen oder über eigene Erfahrungen zu sprechen. Gleichzeitig warnt sie vor dem Helfersyndrom, das zu Ungleichheit führe und dem Kranken das Gefühl vermittle, dem Helfenden etwas schuldig zu sein.

Die Griffe können nach kurzer Einführung auch von Angehörigen, selbst von Kindern, ausgeführt werden.

Ein ganzes Kapitel widmet die Autorin den Begleiterinnen und Begleitern und verrät, wie man eine präsente Haltung in den Alltag integrieren und aus wohltuenden Momenten Kraft schöpfen kann. Auch dafür hat sie spezielle Übungen entwickelt. Zudem rät Huber zur Meditation und stellt einige mögliche Konzepte vor, wie etwa die Gehmeditation, die man auch im Freien oder auf einem Klinikgang praktizieren kann.
Im Abschnitt, in dem die Reflexzonenbehandlung am Fuss beschrieben ist, macht Hanna Huber klar, dass es bei der Sterbebegleitung nicht um Therapie geht, sondern um das Begleiten und Unterstützen von schwer kranken Menschen mit einfachen Berührungen – Haltegriffen und unspezifischen Streichungen – an den Füssen. Sie beschreibt es als eine «Form des Kontakts der der Zuwendung von Mensch zu Mensch». Die Griffe können nach kurzer Einführung auch von Angehörigen, selbst von Kindern, ausgeführt werden. Die Füsse eignen sich deshalb so gut, weil das sanfte Halten und Streichen der Füsse von den Patienten oft leichter anzunehmen sei als ein Kontakt an körpernahen Bereichen.

Am wichtigsten sind Achtsamtkeit und Intuition

Hanna Hubers Buch birgt eine immense Fülle an Ratschlägen, Geschichten und Hinweisen, das begleitenden Menschen viel Wissen und Sicherheit bietet. Ein ganzes Kapitel beschreibt sie, wie man sterbenden Menschen begegnen kann, in einem anderen Abschnitt geht es ganz sachlich darum, woran man die letzten Lebensphasen erkennt und wie man in der Finalphase Erleichterung schaffen kann. Gerade dann sei eine Berührung an den Füssen meist nicht mehr angebracht. «Ein sterbender Mensch braucht keinen Boden mehr unter den Füssen, und wir wollen ihn auch nicht mehr festhalten.» Für Huber steht nicht die Berührung der Füsse im Vordergrund, auch wenn ihr Buch davon handelt. Sie rät vor allem zu Achtsamkeit und Intuition, um dem begleiteten Menschen gemäss zu agieren und so zu vermeiden, den eigenen Massstab auf den Betroffenen zu übertragen. Ein wertvoller Ratgeber für alle, die sterbenden Menschen achtsam begegnen wollen.
palliative zh+sh, Gabriela Meissner