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«Das geriatrische Alter ist das Sterbealter»

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Roland Kunz (61): «Meine Familie hat sich wohl daran gewöhnt. Ich kann Beruf und Privatleben nun einmal nicht strikt trennen. Mein Leben ist meine Arbeit und umgekehrt.» (Foto: zVg)

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22. Juli 2016 / Region
Gestern ist bekannt geworden, dass Roland Kunz Chefarzt der Universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid wird. Er verlässt das Bezirksspital Affoltern am Albis, wo er in den Bereichen Palliative Care und Geriatrie Pionierarbeit geleistet hat. Und wo er zuletzt auch ärztlicher Leiter gewesen war.


Gratulation zum neuen Job! Aus dem Statement, das Sie dem «Tages-Anzeiger» abgegeben haben, erhält man den Eindruck, Sie freuten sich am meisten darüber, dass Sie den neu gegründeten Geriatrie-Verbund vorantreiben dürfen. Ist das so?
Ja. Ich baue gerne Dinge auf und entwickle sie weiter. Diese Chance, etwas Neues zu realisieren, war schliesslich der ausschlaggebende Grund, Affoltern zu verlassen. Hier ist die Situation sehr schwierig geworden. Mir stellte sich die Frage: Harre ich noch ein paar Jahre aus, oder packe ich noch einmal etwas Neues an?

In diesem Verbund arbeiten das Waidspital, Universität und Universitätsspital Zürich sowie das städtische Gesundheitsdepartement zusammen. Was ist das Hauptziel dieser Kooperation?
Die Idee hinter dem Universitären Geriatrie-Verbund ist folgende: Die Universität hat zwar einen Lehrstuhl für Geriatrie, aber am Universitätsspital gibt es für Geriatrie-Patienten nur acht bis zehn Betten. Hingegen hat das Waidspital eine grosse akutgeriatrische Abteilung. Klinik, Forschung und Lehre sollen nun zusammenkommen und gemeinsame Wege gehen. Aus der Klinik können wir Forschungsinputs geben, wir können anregen, welchen Fragen man wissenschaftlich nachgehen sollte. Wir können uns als Spital gleichzeitig an Studien beteiligen. Die Ausbildung neuer Ärztinnen und Ärzte im Fachbereich Geriatrie soll mehr in der Klinik verankert werden.
«In der Palliative Care wurden die älteren Menschen als Zielgruppe bisher vernachlässigt.»
Roland Kunz

Die Geriatrie muss ihren Fokus wechseln: Man konzentriert sich heute noch stark auf die Frage, was man tun kann, um gut zu altern. Und vernachlässigt die Tatsache, dass das geriatrische Alter auch das Sterbealter ist. Viele sterben heute mit weit mehr als 80 Jahren, multimorbid, oft auch mit kognitiven Einschränkungen und brauchen Palliative Care. Bei hochaltrigen Patienten muss man sich fragen, was an Interventionen noch sinnvoll ist, und wann die technischen Möglichkeiten den Patienten eher belasten könnten.

Palliative Care hat also einen grossen Stellenwert in der modernen Geriatrie?
Ja, wenn man Palliative Care einerseits als Haltung versteht. Wir müssen in der Geriatrie wieder mehr individuelle Lösungen finden und fragen, welches Ziel der Patient hat. Seine Lebensqualität muss im Zentrum der Behandlung stehen. Es braucht andererseits auch palliativmedizinische Kompetenzen im engeren Sinne. Bis jetzt hat die Stadt Zürich noch kein stationäres Angebot für Palliative Care.

Werden Sie sich weiterhin auch ehrenamtlich für Palliative Care engagieren, zum Beispiel im Vorstand von palliative zh+sh sowie in der kürzlich von Ihnen mitgegründeten, internationalen Fachgesellschaft für Palliative Geriatrie?
Ja, mein Engagement läuft sicher weiter – vorausgesetzt man will mich dort noch haben. Als Arzt habe ich jetzt zehn Jahre lang Palliativmedizin für onkologische und jüngere Patienten gemacht. In der Palliative Care wurden die älteren Menschen als Zielgruppe bisher vernachlässigt. Fragen nach Palliativmedizin und Demenz oder Palliative Care und Multimorbidität müssen vermehrt ins Zentrum rücken. In diesem Bereich muss Knowhow aufgebaut werden.

A propos Alter: Sie sind jetzt 61 Jahre alt. Haben Sie sich nie überlegt, etwas leiser zu treten?
Das war vor allem zu Hause ein Thema. Ich habe immer gesagt: Beim nächsten Stellenwechsel wird es besser, dann werde ich nicht mehr so viel arbeiten. Aber meine Familie hat sich wohl daran gewöhnt. Ich kann Beruf und Privatleben nun einmal nicht strikt trennen. Mein Leben ist meine Arbeit und umgekehrt. Auch wenn ich pensioniert wäre, würde ich mich wohl weiterhin engagieren.

Sie haben in Affoltern Einiges auf die Beine gestellt, haben die Palliativstation in der Villa Sonnenberg aufgebaut und die Geriatrie modernisiert. Wie geht es dort ohne Sie weiter?
Das ist im Moment noch nicht ganz klar. Jedenfalls habe ich dort ein gutes Team und hoffe, dass es Bestand hat und mein Vermächtnis weiterführt. Mein Stellenpartner Markus Minder geht nun erst einmal in die Ferien und überlegt sich, ob er den Chefarztposten oder Teile davon übernehmen will.

Sind auch externe Kandidatinnen und Kandidaten für Ihre Stelle im Gespräch?
Ausserhalb des Spitals wurde noch gar nicht gesucht. Aber ausser Markus Minder und mir gibt es gar keine Person in der Schweiz, die sowohl den Facharzttitel für Geriatrie als auch jenen für Palliativmedizin hat. Die Meisten Palliativmediziner kommen aus der Onkologie.

Sie sagten, es sei schwierig geworden in Affoltern. Was war das Problem?
Das Spital wird immer noch von einem Zweckverband geführt, in dem die Bezirksgemeinden vertreten sind. Die gesetzliche Lage ist heute aber so, dass die Gemeinden nur noch für die ambulante und die Langzeit-Pflege zuständig sind, und die Spitäler in die Verantwortung des Kantons fallen. Deshalb wollten wir vor ein paar Jahren die Rechtsform des Spitals zu einer gemeinnützigen Aktiengesellschaft umändern. Dagegen gab es heftige Gegenwehr aus kleinen Teilen der Bevölkerung. Bei der Abstimmung hätten wir eine Mehrheit gehabt für die Änderung. Doch ein paar wenige Gemeinden stellten sich dagegen. Seither muss ich als Sündenbock den Kopf hinhalten, für alles, was gewisse Kritiker stört am Spital. Es wird persönlich gegen mich Stimmung gemacht. In den Sitzungen des Gremiums, welches das Spital strategisch leiten sollte, werden eher politische Diskussionen geführt als tatsächlich für das Spital geschaut. Das ist nicht zielführend.
palliative zh+sh, sa