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«Ragazzi, wir alle sterben»

«Ragazzi, wir alle sterben»

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Ein Buch voller Poesie, Ironie, bitterem Sarkasmus, eleganter Lakonie, Witz, Sinn für die Realität, aber keine Überhöhung des Todes, findet unsere Rezensentin. (Bild: sa)

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Franco Arminio: Postkarten von den Toten. Aus dem Italienischen von Anita Rüegsegger und Res Brandenberger. Allenfalls, Bern. ISBN 978-3-9525155-1-8.

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01. Februar 2021 / Vermischtes
Franco Arminio lässt in «Postkarten von den Toten» die Verstorbenen über das Sterben sprechen. Das ist witzig, traurig, ernüchternd, motivierend. Eine Buchbesprechung mit persönlicher Betroffenheit.
«In der Leichenhalle des Spitals lag im Sarg neben meinem Sarg eine wunderschöne Frau, nie hatte ich im Leben eine gesehen, die so schön war.» Diese Zeilen stammen vom italienischen Schriftsteller Franco Arminio. Sein Büchlein «Postkarten von den Toten» ist Ende letzten Jahres auf Deutsch erschienen, beim Verlag allenfalls in Bern.

Diese Botschaft eines Toten war auch auf die Karte gedruckt, die dem Rezensionsexemplar beilag, das ich im Oktober vom Verlegerpaar Res Brandenberger und Anita Rüegsegger erhielt. Der Spruch brachte mich zum Lächeln. Die leise Ironie gefiel mir.

Dann starb überraschend mein Vater. Der Schock, der Schmerz, die Trauer, die viele Arbeit, die ein Todesfall mit sich bringt, nahmen mir die Zeit und vor allem die Lust, in diesem Büchlein weiterzuschmökern. Mein sonstiger Antrieb, die Themen Krankheit, Sterben und Tod zu enttabuisieren, war plötzlich wie gelähmt. Will ich das wirklich? Das ist doch alles nur schlimm und schmerzhaft! Das Verdrängen ist richtig! Das Büchlein wanderte auf einen Stapel ausserhalb meines Blickfelds.

Weder Pauken noch Engelschöre
Weil die Korrespondenz mit dem Verlegerpaar aus Bern aber so freundlich gewesen war, schrieb ich Res Brandenberger Mitte Dezember ein entschuldigendes Mail und eine Erklärung, weshalb meine Buchbesprechung so lange auf sich warten liess. Neben einer Beileidsbekundung schrieb der Verleger zurück: Die Postkarten seien eigentlich nicht zur Unterhaltung gedacht, sondern hätten etwas Verbindliches, wollten Gedanken wecken. «In letzter Konsequenz heisst das (und ich hoffe, dass ich Ihnen mit diesem Gedanken nicht zu nahe trete): Können Sie sich die Postkarte vorstellen, die Ihr Vater geschrieben hat?»

Da hatte er mich gepackt. Natürlich konnte ich das. Gerade die witzige Anekdote mit der schönen Nachbarin in der Leichenhalle hätte meinem Vater gefallen. Er hatte immer gerne Witze erzählt. Und er mochte schöne Frauen. Ich nahm das Büchlein also wieder zur Hand.

Ich fand darin Poesie, Ironie, bitteren Sarkasmus, elegante Lakonie, Witz, Sinn für die Realität, keine Überhöhung des Todes. Der Tod, wie ihn Arminio schildert, hat nämlich etwas unglaublich Banales wie das Leben auch. Das ist bitter und befreiend gleichzeitig. Es spielen keine Pauken und Trompeten, und es singen keine Engelschöre, wenn wir sterben. Sondern in Arminios Buch fallen Menschen vom Baugerüst, sterben an einem Hustenanfall, an Tumoren, geborstenen Schlagadern, an einer Leberzirrhose, in Autounfällen, bei der Jagd, in einem Erdbeben oder an Suizid.

Oft spielt die Todesursache in den kurzen Texten auch gar keine Rolle, sondern der Todesmoment: «Ich starb morgens um sieben Uhr. Eine Art und Weise wie jede andere, den Tag zu beginnen.» Manchmal ist das Leben zuvor Thema: «Ich war ein pensionierter Lehrer. Ich war seit kurzem Witwer. Und das ist alles.» Nicht zuletzt schreiben die Toten über das Jenseits, von dem wir Lebenden ja nichts wissen, und das kann witzig-optimistisch sein: «Ich sagte zu den anderen Toten: lasst uns näherrücken, es macht keinen Sinn, dass sogar hier jeder für sich bleibt.» Oder auch sarkastisch: «Ich war Priester. Ehrlich gesagt, vom Tod hatte ich etwas mehr erwartet.»

Schreiben aus Todesangst
Jede Leserin, jeder Leser wird eine Postkarte finden, die sie oder ihn anspricht. Die Motivation des Autors zu dieser Form war übrigens seine eigene Angst vor dem Tod gewesen, es waren Panikattacken, die den früheren Dorfschullehrer und heutigen Autor schreiben liessen. Im Vorwort heisst es: «Meine Antwort auf die Angst vor dem Tode ist das Schreiben. Das Schreiben hat mich nicht geheilt, aber es hält mich wach und am Leben.»

Das Ziel des Buches soll es laut Arminio aber ebenfalls sein, den Tod nicht zu verdrängen. In einem Interview auf «Rai 3 Cultura» sagte er: «Für mich gehören in einer Gemeinschaft die Lebenden und die Toten zusammen. Mein Buch will sagen: Ragazzi, wir alle sterben.» Sich seiner Endlichkeit bewusst zu sein, mache das Leben auch aufregender, intensiver und bewegender. Der Autor plädiert dafür, der Trauer mehr Zeit und Raum zu geben. Oft würden Menschen bei seinen Lesungen von ihren Erfahrungen mit dem Tod, von ihrer Trauer erzählen. Diese müsse verarbeitet werden, bevor sie zum Dorn werde.

Arminios Büchlein ist also auch ein Memento mori, eine Erinnerung dran, dass es jederzeit vorbei sein kann mit unserem Leben. Vielleicht auf diese Weise, und das wäre – in meinem Fall jedenfalls –, in Ordnung: «Es endet damit, dass eines Tages eine Eidechse sich auf deinem Grabstein an die Sonne legt.»
palliative zh+sh, Sabine Arnold