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Sorgekultur mit der Palliativbrille

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Das Wohn- und Pflegehaus Magnolia gehört zur Residenz Neumünster Park im Zollikerberg. Die Pflegeeinrichtung hat 64 Einzelzimmer und trägt das Label von qualitépalliative (Bilder: gme/zvg).

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21. Oktober 2019 / Region
Auch die Näherin und der Gärtner leisten ihren Beitrag zu Palliative Care. Nach diesem Verständnis arbeitet das zur Residenz Neumünster Park gehörende Wohn- und Pflegehaus Magnolia im Zollikerberg. Aus diesem Grund liess sich die gesamte Pflegeeinrichtung für Palliative Care zertifizieren. An Workshops und Weiterbildungen nimmt das gesamte Personal teil.
In der Nacht ist eine Bewohnerin gestorben. Auf einem Tischchen vor dem Zimmer flackert das warmorange Licht einer Salzlampe, daneben eine Brille und ein Buch. «Wenn jemand stirbt, legen wir jeweils die Dinge auf das Tischchen, die ihm oder ihr wichtig waren. Sie zum Beispiel hat sehr gern gelesen», erklärt Claudia Pflugshaupt, Fachexpertin Pflege und Palliative Care im Haus Magnolia der Residenz Neumünster Park, das sorgfältige drapierte Arrangement. Gerade verlässt eine der beiden Heimärztinnen das Zimmer. Obwohl sie beruflich im Einsatz war, um den Totenschein auszustellen, ist der Ärztin bei der kurzen Begrüssung anzusehen, dass der Abschied von der Bewohnerin sie berührt hat.
«Unsere Heimärztinnen pflegen eine enge Beziehung zu unseren Bewohnerinnen und Bewohnern», erzählt Claudia Pflugshaupt später im Gespräch. «Sie sind dabei, wenn jemand neu eintritt, sind Tag und Nacht erreichbar, entsprechend möchten sie sich auch von verstorbenen Bewohnern verabschieden.» Die beiden Medizinerinnen arbeiten als selbständige Hausärztinnen und haben ihre eigene Praxis im Haus Magnolia. Zwar herrscht freie Arztwahl, doch entscheiden sich die meisten Bewohnerinnen und Bewohner für die Heimärztinnen. Die Beiden seien ein Gewinn für die Institution, betont Claudia Pflugshaupt.

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Das Haus Magnolia liegt eingebettet in einen malerisch angelegten Park mit einem Teich, zahlreichen Kunstwerken und verwunschenen Ecken. Vor dem sonnengelb gestrichenen Altbau steht der ausladende Magnolienbaum, der dem Haus seinen Namen gab. In unmittelbarer Nähe liegt das Spital Zollikerberg. Ein weiterer Bau beherbergt die Diakonissen-Schwesternschaft Neumünster, die Spital und Residenz vor über 160 Jahren begründete. Heute gehören all diese Betriebe wie auch das Alterszentrum Hottingen mit insgesamt 1300 Mitarbeitenden zur Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule.
Die Pflegeeinrichtung mit 64 Einzelzimmern trägt das Label von qualitépalliative, das der Institution die Qualität in Palliative Care bescheinigt. Claudia Pflugshaupt ist mit einem 50-Prozent-Pensum dafür da, dass die umfangreichen Kriterien für Palliative Care im täglichen Pflegealltag umgesetzt werden. Dabei betreibt das Haus keine separate Palliativstation wie sie etwa im Spital Zollikerberg zu finden ist, sondern arbeitet über alle Abteilungen hinweg nach der Grundversorgung Palliative Care. Denn, wie Claudia Pflugshaupt erklärt, seien die meisten Bewohnerinnen und Bewohner multimorbid, chronisch krank und entsprechend nicht mehr kurativ behandelbar. Deshalb liessen die Verantwortlichen das gesamte Haus Magnolia zertifizieren und alle Mitarbeitenden schulen.
Es geht um psychische, soziale, kulturelle oder spirituelle Leiden, die es mit verschiedensten Möglichkeiten zu lindern gilt. Manchmal aber auch einfach darum, etwas miteinander auszuhalten.

Claudia Pflugshaupt ist Mitautorin des 2017 erschienenen Lehrmittels «Palliative Care – Eine Einführung für Mitarbeitende in Institutionen der Altenpflege». Darin enthalten sind neun Schlüsselaspekte von Palliative Care. Diese Aspekte erarbeitet die gelernte Pflegefachfrau mit höherer Fachausbildung und einem Master in Palliative Care jeweils mit neu eintretenden Mitarbeitenden. Dazu gehört beispielsweise die Grundhaltung des Respekts und der Solidarität. «Eine Grundhaltung zeigt sich allein schon darin, wie ich mit jemandem spreche», erklärt sie. «Falle ich in eine kindliche Sprache, spreche ich jemanden von vorne an, der schlecht hört, bin ich auf Augenhöhe mit einer Person?» Es brauche keinen Aufwand, in die Knie zu gehen, um jemandem, der im Rollstuhl sitzt, auf Augenhöhe zu begegnen. «Aber es zeigt, dass ich mich in seine Situation einfühlen kann.»

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Ein weiterer Schlüsselaspekt ist die radikale Orientierung an der betroffenen Person, auch wenn es nicht darum gehe, ein Wunschkonzert anzubieten, wie Claudia Pflugshaupt anmerkt. Sondern darum, zu sehen, was sich hinter einem Bedürfnis verberge. Vielleicht das Gefühl von Einsamkeit oder der Wunsch nach Selbstbestimmung. Schon kleine Dinge können helfen. Ob das Fenster gekippt oder ganz offen, der Rolladen halb oder ganz geschlossen sein soll, ob jemand lange schlafen oder die Zeitungen nicht weggeräumt haben möchte. «Wichtig ist, unseren Bewohnerinnen und Bewohnern das Gefühl zu geben, dass ihre Meinung zählt und wir nicht einfach über sie hinwegbestimmen.» Ein grosses und immer präsentes Thema ist die Linderung belastender Symptome wie Schmerzen, Atemnot, Juckreiz, aber auch Angst oder Heimweh. Die Betroffenen sind einer ganzen Reihe von Abschieden ausgesetzt. Sie sind nicht mehr die Personen, die sie mal waren, die Mutter, die sich ihr Leben lang um alle und alles kümmert, der Vater, der immer bestimmte. Es geht also auch um psychische, soziale, kulturelle oder spirituelle Leiden, die es mit verschiedensten Möglichkeiten zu lindern gilt. Manchmal aber auch einfach darum, etwas miteinander auszuhalten.

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Auch der Einbezug der Angehörigen ist ein Thema, das im Lehrmittel behandelt und in der Praxis zum Tragen kommt. Die Haltung der Residenz ist klar: Es gibt keine schwierigen Angehörigen, nur schwierige Situationen, die man miteinander angeht. Gastfreundschaft ist einer der dazu gehörigen Aspekte. Tee und Kaffee werden jederzeit angeboten, ein Bett zum Übernachten ist genauso selbstverständlich, wie ein Gespräch, wenn Sorgen drücken. Herausforderungen gebe es, sagt die Fachexpertin, da wolle sie nichts beschönigen. «Aber die Rückmeldungen zeigen, dass unsere Sorgekultur für die Angehörigen geschätzt wird.»
«Die meisten Demenzbetroffenen sind nicht gern allein, die Gruppe gibt ihnen Sicherheit.» Claudia Ruggli, Stationsleiterin

Auf der Demenzabteilung im Haus Magnolia herrscht eine ruhige, entspannte Atmosphäre. Im orangefarben gestrichenen Flur hängen Mobiles. Einige der zehn Bewohnerinnen und Bewohner sitzen in der Küche, manche verbringen die Zeit bis zum Mittagessen im grossen Garten. In ihren Zimmern sind sie tagsüber kaum. «Die meisten Demenzbetroffenen sind nicht gern allein, die Gruppe gibt ihnen Sicherheit», sagt Stationsleiterin Claudia Ruggli. Auch beim Rapport werden die Bewohner nicht aus dem Büro geschickt. «Das ist schliesslich ihre Abteilung, ihr Daheim.» Die Tage verbringen die Bewohnerinnen und Bewohner, zu denen sich jeweils auch Tagesgäste gesellen, mit verschiedenen Aktivitäten. Die Beschäftigungen müssten jedoch Sinn machen. «Das vermitteln uns unsere Bewohner auch ganz deutlich», erzählt Ruggli. «Tätigkeiten, die sie von früher her kennen, also Wäsche zusammenlegen oder jäten, machen viele sehr gern.» Im Garten gibt es dafür extra einen «Pflanzblätz» mit Ziergras, das regelmässige Rückschnitte braucht. Das kommt gleichzeitig auch dem Bewegungsdrang entgegen. Singen steht ebenfalls regelmässig auf dem Programm. Auch auf dieser Abteilung ist das Zusammenspiel mit den Angehörigen wichtig. Das Pflegeteam legt Wert auf deren Meinung, etwa wenn es darum geht, den Zustand der demenzkranken Person einzuschätzen. Man müsse die Angehörigen immer wieder abholen und gut informieren, um Missverständnisse zu verhindern und zu zeigen, dass die Einschätzung der Angehörigen für das Pflegeteam ebenso wichtig sei.

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Bei einer Erkrankung werden die Bewohner weiter auf der Station betreut. Falls doch eine Spitaleinweisung nötig wird, unterstützt die Bezugsperson das Pflegeteam im Spital. Denn die Nähe zwischen Pflegenden und Betreuten ist gerade bei einer Demenz zentral. Auf die Frage, ob die Bewohnerinnen und Bewohner auch zum Sterben auf der Abteilung bleiben, blickt Claudia Ruggli fast etwas ungläubig. «Ich könnte mir nicht vorstellen, dass sie woanders als hier sterben, das ist doch ihr Daheim.» Die Pflegefachfrau mit höherer Fachausbildung gibt zu bedenken, wie stark ihr kleines Team bisweilen gefordert ist. «Wenn jemand in einer Situation mit einem unserer Bewohner nicht mehr weiterkommt, macht es Sinn, sich ablösen zu lassen.» Manchmal finde eine andere Person einen besseren Zugang für genau diese Situation und diesen Moment. Das Team könne sich absolut aufeinander verlassen. «Niemand darf sich überlastet fühlen», erklärt Ruggli, «es ist wichtig, dass wir selbst gesund bleiben.»
«Wenn die Näherin die Lieblingshose einer Bewohnerin flickt, dann hat sie etwas ganz Wichtiges zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität beigetragen.» Claudia Pflugshaupt, Fachexpertin Pflege und Palliative Care

Unterstützung erhalten die Mitarbeitenden in der Residenz Neumünster Park auch durch verschiedene Gefässe, etwa das Palliativ-Café, das Claudia Pflugshaupt als Fachverantwortliche für Palliative Care monatlich anbietet. Beim Besprechen von speziellen Situationen achtet sie darauf, immer wieder den Fokus auf die neun Schlüsselaspekte zu legen. Haben wir der Lebensqualität des oder der Betroffenen in einer bestimmten Situation genügend Rechnung getragen? War die Betreuung vorausschauend genug? Entsprach das, was wir gemacht haben, dem Ziel des Betroffenen? Man könne mit diesen Begriffen sehr gut jonglieren und die eigenen Handlungen daran messen, sagt die Palliativverantwortliche. Es brauche immer wieder den Blick durch die Palliativbrille.
Weiterbildung findet unter anderem durch regelmässige Workshops und Basiskurse statt. Das Spezielle daran: Nicht nur die Pflegefachkräfte, auch alle anderen Mitarbeitenden, Gärtner genauso wie das Reinigungspersonal, die Angestellten im Nähatelier oder die Mitarbeitenden im Gastrobereich nehmen daran teil. «Palliative Care funktioniert nur miteinander», erklärt Claudia Pflugshaupt. So trage beispielsweise der Gärtner viel zur Sorgekultur bei, wenn er draussen arbeite und mit den Angehörigen und Betroffenen, die vorbeispazieren, ein paar Worte wechselt. «Auch unsere Näherin wusste erst gar nicht so recht, was sie mit Palliative Care zu tun hat», erinnert sich Pflugshaupt. «Doch wenn sie die Lieblingshose einer Bewohnerin flickt, dann hat sie doch etwas ganz Wichtiges zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität beigetragen.»
Die Schlüsselaspekte sind zudem in den Pflegerapport integriert, entsprechend wurden die Formulare komplett abgeändert. Es geht dabei nicht darum, einfach die Pflegehandlungen aufzuzählen, sondern die eigenen Beobachtungen zum Befinden des Bewohners, aber auch dessen Selbsteinschätzung mitzuteilen. Der Bericht der Hotelfachangestellten, dass die Patientin kaum etwas gegessen habe, während die Pflege der Meinung ist, es gehe ihr gut, sei ein wichtiger Abgleich. Was war hilfreich im Kontakt, was löste eine positive Reaktion aus, was war aussergewöhnlich in den vergangenen 24 Stunden, was würde dem Bewohner Freude bereiten, sind weitere Aspekte, die besprochen werden.

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Es fällt auf: Immer geht es um die aktuelle Situation, darum, was für den betroffenen Menschen gerade wichtig ist. Richtungsweisend ist das Palliative-Care-Konzept, um jede Situation individuell beurteilen zu können. Die Schlüsselaspekte entsprechen der Grundhaltung der Palliative Care, werden aber in der ganzen Stiftung gelebt. Hinzu kommen weitere Werte, die in den vergangenen Jahren in Workshops erarbeitet wurden und die immer wieder hinterfragt werden, wie etwa Wertschätzung, Verbindlichkeit, Partnerschaftlichkeit, aber auch Dynamik, Freiheit oder Verantwortung. Die Wertschätzung innerhalb des Teams bedeutet Claudia Pflugshaupt auch persönlich sehr viel. Man begegne sich unabhängig von der Hierarchiestufe auf Augenhöhe, es sei ein Miteinander. «Wenn es nicht so wäre, könnten wir das auch nicht weitergeben.»

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Im Aktivierungsraum ist es über die Mittagszeit ruhig. Das Zimmer ist dekoriert mit vielen Werkstücken, die die Bewohnerinnen und Bewohner geschaffen haben. Gut sichtbar aufgestellt ist auch die Todesanzeige der Bewohnerin, die in der Nacht verstorben ist. «Verlust, Tod und Sterben tabuisieren wir nicht», erklärt Claudia Pflugshaupt. «Wenn jemand stirbt, wird das im ganzen Haus wahrgenommen und angesprochen.» Sowohl die Bewohnenden als auch die Mitarbeitenden können Abschied nehmen. Die Erfahrung zeige, dass es gut tue, ein Leben nochmals zu würdigen. Die erste Stunde nach dem Tod einer Bewohnerin oder eines Bewohners ist die sogenannte Ruhestunde. Diese Zeit, in der nichts geschehe, sei wichtig für Angehörige und Mitarbeitende. Erst nach dieser stillen Stunde beginnen die Vorbereitungen für den Abschied.
Doch das Abschiednehmen beginne nicht erst mit dem Eintritt eines Bewohners, meint Pflugshaupt. «Wer zu uns kommt, musste sich bereits von vielen Erwartungen, Hoffnungen und Wünschen verabschieden, vielleicht geschah auch der Eintritt nicht freiwillig.»
Es gilt herauszufinden, was für jemanden gerade im Moment wichtig ist und dies auch tagtäglich zu überdenken und anzupassen.

Umso wichtiger ist den Verantwortlichen der Residenz Neumünster Park die palliative Sorgekultur. Der Tagesablauf wird den Bedürfnissen der einzelnen Bewohnerinnen und Bewohner angepasst. Wer gerne lange schläft, erhält sein Frühstück auch später noch. Wenn jemand nachts keinen Schlaf findet, mit dem sitzt die Pflege auch gerne mal in eine der sogenannten Lichtinseln – ein mit Tischen und Stühlen ausgestattete Treffpunkte –, um gemeinsam ein Stück Brot zu essen. Das setzt bei den Pflegenden eine enorme Flexibilität voraus, denn es gilt herauszufinden, was gerade im Moment wichtig ist für diesen Menschen und dies auch tagtäglich zu überdenken und anzupassen. Gerade das ist es, was auch Claudia Pflugshaupt an der Langzeitpflege schätzt: die Beziehungsarbeit, das Aufbauen von Vertrauen, immer wieder neue Wege finden, um Zugang zu einem Menschen zu erhalten. Man bekomme viel zurück. «Viele denken, dass hier ja nur ‹gestorben würde› und übersehen dabei, wie viel Leben bei uns tatsächlich stattfindet.»
palliative zh+ sh, Gabriela Meissner