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Stimme aus der Endlichkeit

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Viviana Leida Leonhardt beim Spaziergang auf dem Friedhof Sihlfeld - ihrem Naherholungsgebiet. (Bild: Sabine Arnold)

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28. Dezember 2020 / Wissen
Eine junge Designerin will ihre Generation anregen, sich mit der Endlichkeit zu beschäftigen. Mit einem Podcast auf Instagram schafft sie ein zeitgenössisches Mahnmal der Vergänglichkeit.
Die Wörter sprudeln aus Viviana Leida Leonhardts heraus. Sie spricht schnell, formuliert aber geschliffen. Ebenso sprudeln die Ideen. Die 25-Jährige hat diesen Sommer den Bachelor an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) gemacht, in der Fachrichtung Trends & Identity, im Departement Design. Ihre Abschlussarbeit ist ENDLICH.SEIN, «ein Podcast für mehr Life-Death-Balance im Alltag».

Wieso beschäftigt sich eine junge Frau mit den Themen Endlichkeit, Sterben und Tod? Sie habe zum Glück noch keinen grossen Verlust in ihrem Leben erlitten, erzählt sie in einem Wiediker Café – die Aargauerin wohnt in diesem Zürcher Quartier – und später beim Spaziergang auf dem Friedhof Sihlfeld – «meinem Naherholungsgebiet».
«Die schwere Seite des Todes, die Trauer und der Schmerz, ist mir auch wichtig. Ich möchte sie nicht ausblenden.»
Viviana Leida Leonhard, Podcasterin

Sie hat aber auch keine Berührungsängste mit dem Thema. Sie erzählt: «Als mein Grossvater starb, legte mein Onkel einen Teigschaber in den Sarg, schabte der sparsame Mann doch jede Pfanne damit aus.» Sie lacht. Sie musste auch einmal ihre18-jährigen Katze einschläfern lassen. Aber ausser diesen beiden «bin ich bisher verschont geblieben». Sie lässt deshalb in ihrem Podcast auch Menschen zu Wort kommen, die jemanden verloren haben, der ihnen nahestand. «Diese schwere Seite des Todes, die Trauer und der Schmerz, ist mir auch wichtig. Ich möchte sie nicht ausblenden.» Eine Freundin erzählt in einer Folge vom überraschenden Tod ihres Vaters, der bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Oder sie spricht mit jungen Menschen, die von Berufes wegen mit dem Thema zu tun haben, etwa einem Bestattungsplaner.

Das mentale Wohlbefinden pflegen
Die intensive Beschäftigung mit der Endlichkeit habe wohl auch die Funktion «ihr mentales Well-being zu pflegen», sinniert sie. Enge familiäre und freundschaftliche Bindungen seien ihr sehr wichtig, lösten in ihr aber ebenfalls eine grosse Verlustangst aus. Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, diese Gedanken mit der Gesellschaft zu teilen, ihre Generation anzuregen, sich der Endlichkeit bewusst zu werden, helfe ihr, einen Umgang mit dieser Unsicherheit zu finden.
«Instagram ist unser contemporary Memento mori.»
Viviana Leida Leonhardt, Designerin

Als Kanal hat die junge Designerin überraschenderweise Instagram gewählt, eher unüblich für einen Podcast. Für einen Digital Immigrant zudem ungewohnt, da man leicht die Übersicht verlieren kann, welche Episode man schon gehört hat, und die Chronologie auf den Kopf gestellt ist. Aber Leonhardt kann genau begründen, weshalb Instagram die richtige Wahl ist: «Wir jungen Erwachsenen zwischen 20 und 35 Jahren informieren uns hier täglich über alle möglichen Themen. Das ist unser contemporary Memento mori.» Subtil solle ihre Generation aufs Thema stossen und angeregt werden, sich vertieft damit auseinanderzusetzen, sich Wissen dazu anzueignen. An Instagram gefalle ihr auch die Verschränkung von Bild und Ton. Die Folgen sind aber auch auf Spotify oder auf ihrer Website nachzuhören.

Die Farbflächen der Instagram-Posts, die Typografie, die Fotos in den Storys, der professionell gemachte Jingle (Leonhardts Freund, Jonas Ruppen, ist Musiker und Filmemacher): Man merkt der Ästhetik ihrer digitalen Produkte an, dass Viviana Leida Leonhardt eine Designausbildung genossen hat. Sie sagt von sich selbst, dass sie ein gutes Auge habe. Sie ist aber keine Solokünstlerin, die aus sich selber schöpft, sondern sieht sich eher als Vermittlerin, als eine, die auf eine drängende Frage aufmerksam machen will. Sie ist auch eine Kuratorin, wählt aus der Informationsflut aus, was sie in Bezug auf Sterben und Tod spannend findet, etwa nachhaltige Bestattungsformen oder – dieses Thema wird sie noch vertiefen – Living Funerals, also Abschiedsfeiern, die noch zu Lebzeiten der betroffenen Person stattfinden.

Den Begriff des Kuratierens greift sie im Gespräch gleich auf: «Ich kuratiere eigentlich meine eigenen Gedanken. In meinem Kopf läuft ein immerwährender Podcast. Ich habe es mir angewöhnt, Sprachnachrichten an mich selber zu senden. Das ist mein Audio-Tagebuch. Spannende Ansätze vertiefe ich und verwende sie für eine Folge.»

Mit der Sprache spielen
Viviana Leida Leonhardt hat ein gutes Gefühl für Sprache. Alles ist bewusst gewählt, ENDLICH.SEIN, der mindestens zweideutige Titel ihres Podcasts, die Slogans «für mehr Death-Life-Balance im Alltag» und «contemporary Memento mori». Die mündliche Sprache ist ihre Domäne, spielerisch dreht sie Begriffe und Gedanken weiter. Wohe das kommt? Beim Wandern habe die Mutter immer einen Sack voll Wörter mitgenommen, aus denen sie drei ziehen durfte, und ihre Mutter und sie erfanden daraus eine Geschichte.

In den Episoden ist Leonhardt mehrheitlich selbst zu hören, die Informationen fliessen dicht an dicht, manchmal sind es zu viele in kurzer Zeit. Sie lässt der Zuhörerin zuweilen kaum Raum, die Gedanken wirken zu lassen. Wirklich spannend wird der Podcast, wenn sie andere zu Wort kommen lässt, zum Beispiel Menschen, die im Hospiz Aargau tätig sind.

ENDLICH.SEIN geht weiter
Zwar hat Leonhardt die letzte Folge ihres Podcasts im September veröffentlicht. Eine Ende von ENDLICH.SEIN ist aber noch nicht in Sicht. Im Moment macht sie ein Praktikum in einer Branding-Agentur. Ab Dezember steigt sie zudem beim Kultur-Festival «Hallo Tod» als Mitarbeterin im Bereich Kulturmanagement ein. In diesem Rahmen wird auch der Podcast aufgeführt, als analoges Gespräch, das aber zugleich live gestreamt wird. Langfristig will sie sich nur noch mit ihrem Lieblingsthema, der Endlichkeit, auseinandersetzen.

In welcher Richtung das gehen könnte, zeichnet sich ab: Als eine von zehn Hochschul-Abgängerinnen wurde sie kürzlich für das von Pro Helvetia unterstützte Design-Förderprogramm «Starting Power» ausgewählt. Hier will sie ENDLICH.SEIN zu einer Bestattungsplattform entwickeln, auf der analog zur Patientenverfügung Beerdigungen organisiert und auch vorausgeplant werden können. Individuell, ästhetisch, weltlich. Sicherlich werden auch die Living Funerals im Angebot sein.
palliative zh+sh, Sabine Arnold