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«Warum soll es nicht genauso viele Erzählungen übers Sterben geben wie übers Verlieben?»

«Warum soll es nicht genauso viele Erzählungen übers Sterben geben wie übers Verlieben?»

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Kulturwissenschaftlerin Corina Caduff bringt ihre frischen Ideen in die Pallativmedizin ein: «Ärztinnen, Ärzte und Pflegende könnten gemeinsam über Krebsbiografien diskutieren, sie könnten sich über ihre verschiedenen Perspektiven austauschen, die in dieser Literatur gespiegelt werden.»

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13. Dezember 2019 / Wissen
Corina Caduff leitet das interdisziplinäre Projekt «Sterbesettings», das 2020 beginnt und vom schweizerischen Nationalfonds finanziert wird. Die Kulturwissenschaftlerin erforscht das öffentliche Sprechen und Schreiben über das Sterben schon seit Längerem und hat verschiedene Bücher darüber publiziert.
Corina Caduff, die Themen Krankheit, Sterben und Tod haben an Publizität gewonnen, vor allem durch die neuen Kommunikationsformen im Internet. Dürfen wir uns als Palliative-Care-Fachpersonen darüber freuen? Wir plädieren ja stets dafür, den Tod ins Leben zurückzuholen.

Ja unbedingt! In den neuen Medien werden Tod und Sterben heute in stark zunehmendem Masse öffentlich besprochen, in Talkshows und im Reality-TV, in Büchern, in Text- und Video-Blogs. Insbesondere gibt es eine neue Konjunktur von autobiografischen Sterbeberichten.
Grundsätzlich gilt: Das Sprechen ist freiwillig. Sterbende Personen teilen sich öffentlich mit, um der Vereinzelung und Isolation zu entgehen, um sich selbstbestimmt zu artikulieren. Sie allein entscheiden, was sie sagen und wie sie sich äussern. Solche Sprachautonomie ist ein wichtiges Gegengewicht zu der Erkrankung, der man sich ausgeliefert fühlt. Dieses Sprechen ist auf jeden Fall positiv zu sehen.

Ist das auch für Leserinnen und Leser ausserhalb der Palliativmedizin interessant?

Literatur ist immer auch Erfahrungsaustausch. Wir lernen andere Figuren und ihre Leben und damit eine unendliche Varianz von Perspektiven und Lebensentwürfen kennen. Warum soll es nicht genauso viel Erzählungen übers Sterben geben, wie übers Verlieben?
Allgemein interessierte Leserinnen und Leser können, wenn sie es denn aushalten und sich einlassen, viel darüber lernen, wie man mit dem Sterben umgeht. Was setzt es frei an Ängsten und Widerständen, aber auch an Kreativität, Gestaltungswille und neuen Werten? Gleichzeitig bringt die heutige Literatur auch die allgemeine spirituelle Verwahrlosung in unseren Breitengraden recht deutlich zum Ausdruck.

Welches sind die beliebtesten Formate?

In der heutigen Welt der neuen Medien kann jede und jeder das Format wählen, das ihm oder ihr passt: Die einen filmen sich mit dem Handy und posten täglich Neuigkeiten, andere schreiben lieber, und wieder andere machen beim Reality-TV mit, wenn sich dazu Gelegenheit ergibt. Wie beim Internet insgesamt zeigt sich auch hier eine Demokratisierung des Zugangs. Jeder und jede kann einen Sterbebericht produzieren, es braucht dafür keine besonderen Skills mehr wie früher.
Interessant ist, dass nun auch immer mehr Schriftstellerinnen und Schriftsteller letzte Bücher über ihr Sterben schreiben. Diese zeigen auch, dass man sich in unserer Gesellschaft so gut wie gar nicht auf das Sterben vorbereitet, und wenn es dann plötzlich anhand einer schweren Diagnose vor der Tür steht, findet die Auseinandersetzung notgedrungen unter höchstem Druck statt, sehr gedrängt, sodass es in vielen Fällen kaum möglich scheint, auch eine friedliche Haltung zu gewinnen.

Können Sie ein solches letztes Buch empfehlen?

Gern, zum Beispiel das Buch der australischen Autorin Cory Taylor (1955-2016): «Sterben. Eine Erfahrung» (2017), oder das letzte Buch der britischen Schriftstellerin Jenny Diski (1947-2016) «In Gratitude» (2016). Beide beschreiben die letzten zwei bis drei Lebensjahre, ihre Erkrankungen und die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Sterben.

Gibt es eine Kehrseite dieser Entwicklung? Wenn ja, wie sieht die aus?

Eine solche Kehrseits ist bereits vor ungefähr zehn Jahren zum ersten Mal laut geworden, in einer Debatte, etwa in der FAZ und der NZZ, die da hiess «Lasst uns mit eurem Krebs in Ruhe!». Damals haben Print-Journalisten eine Art Hatespeech im Feuilleton aufgebracht, die sich gegen die Veröffentlichung von Krankheits- und Sterbeberichten richtete, unter anderem gegen Christoph Schlingensiefs Buch «So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein» (2009).
Es besteht die Gefahr, dass man des Themas überdrüssig wird, dass es einen zu sehr angreift, und dann folgt ein Bashing, eine Wieder-Verdrängung des Sterbens in den privaten, unsichtbaren Bereich.

Wie könnten wir das Wissen, das uns diese Texte bieten, direkt für unsere Arbeit nutzen?

Durch aktive partizipative Diskussion! Zum Beispiel könnte man die verschiedenen Akteurinnen und Akteure der Palliative Care qua Lesezirkel miteinander ins Gespräch bringen: Ärztinnen, Ärzte und Pflegende könnten gemeinsam über solche Texte diskutieren, sie könnten sich über ihre verschiedenen Perspektiven austauschen, die in dieser Literatur gespiegelt werden: Was sagen Sterbende zur Kommunikation mit dem Gesundheitsfachpersonal, zur Pflegequalität, zur Ausstattung der Zimmer, zur Annehmlichkeit der Pflegeprodukte? Solche Lektüren wären allenfalls als Weiterbildungsangebot für Personen denkbar, die in der Palliative Care arbeiten.
Natürlich wäre es wünschenswert, in solche Diskussionen auch Angehörige und Patientinnen und Patienten einzubeziehen, falls es entsprechende Interessenssignale gäbe.

Dieses Interview erschien ebenfalls in der Dezember-Ausgabe des Magazins von palliative ch.
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