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Den Schmerz in Worte fassen

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Monika Obrist, Monika Jaquenod-Linder und Sabine Arnold im Gespräch über das Buch «Reden über Schmerz»

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05. Juni 2019 / Region
Manche Themen möchte man lieber nicht diskutieren. Und doch kommt etwas in Bewegung, wenn man darüber spricht. Das im vergangenen Herbst erschienene Buch «Reden über Schmerz» beleuchtet die vielen Facetten von Schmerz. Eine der Mitautorinnen, die Schmerzspezialistin Monika Jaquenod-Linder, sprach anlässlich einer Lesung in Rapperswil über das, was Ärzte, Angehörige und Patienten gegen Schmerzen tun können.
Schmerz ist ein Thema, das nicht nur real erlebt wird, sondern seit je auch in der Kunst Niederschlag findet. Etwa in den Skulpturen und Bildern von Käthe Kollwitz oder den Werken von Edvard Munch, Frieda Kahlo und vielen anderen Kunstschaffenden. Schmerz braucht Raum und Ausdruck, auch in der Krankheit. Entsprechend bot die Rapperswiler Buchhandlung Bücherspatz Ende Mai einen inspirierenden Rahmen zur Lesung aus dem Buch «Reden über Schmerz»: Auf dem ausladenden roten Kanapee sassen die Schmerzmedizinierin Monika Jaquenod-Linder und Moderatorin Sabine Arnold, das Publikum nahm – umgeben von einem Meer aus Büchern – auf den Holzstühlen Platz, mit denen das Inhaberpaar Monika Künzler und Eduard Hirschi den kleinen Verkaufsraum gefüllt hatte.
«Stimmt es, dass geteiltes Leid halbes Leid ist? Wir meinen, ja. Unbedingt.» Aus dem Vorwort des Buches «Reden über Schmerz»

«Reden über Schmerz» ist nach «Reden über Sterben» und «Reden über Demenz» das dritte gemeinsame Buch von palliative zh+sh und dem Verlag rüffer & rub. «Es sind Themen, die uns alle bewegen», sagte Monika Obrist, Geschäftsleiterin von palliative zh+sh, zu Beginn der Lesung. Über diese Themen zu reden, bringe viel in Bewegung. In der Palliative Care sei das Leiden an Schmerzen und deren Linderung ein prioritäres Thema. «Die Anteilnahme beginnt mit der einfachen Aufforderung ‹Schildere mir deinen Schmerz›», hatte Obrist im Vorwort des Buches geschrieben, aus dem sie nun vorlas. «Stimmt es, dass geteiltes Leid halbes Leid ist? Wir meinen, ja. Unbedingt. Wir sind davon überzeugt, dass die kalte Einsamkeit der Schmerzwelt durch die zuhörende Kompetenz eines menschlichen Gegenübers gelindert werden kann.»

Schmerzen: unangenehm, herausfordernd, aber nötig
Im Anschluss an die kurze Lesung interviewte Sabine Arnold, Kommunikationsbeauftragte bei palliative zh+sh, die Medizinerin Monika Jaquenod-Linder. Die Fachärztin für Anästhesiologie ist Schmerzspezialistin mit eigener Praxis und Konsiliarärztin von Palliaviva, der mobilen spezialisierten Palliativpflege, die fast im ganzen Kanton Zürich unterwegs ist. Die Definition von Schmerz sei sehr schwierig, beantwortete Jaquenod die entsprechende Frage. Die WHO spreche von einer «unangenehmen Sinneswahrnehmung». «‹Herausfordernd› umschreibt es vielleicht besser, denn grundsätzlich sind Schmerzen ein nötiges Warnsignal, um unser Überleben zu sichern.» Erst in der chronischen Situation ginge dieses Empfinden verloren, weil der Körper die Schmerzen im Schmerzgedächtnis abspeichert und sich dadurch die Nervenzellen im Gehirn verändern.
Laut Schmerzspezialistin Jaquenod-Linder, die sich in erster Linie auf die hochkomplexen Fälle konzentriert, kann man die Patienten im ambulanten Setting weitaus individueller behandeln, im Spital werden in erster Linie Standardmischungen verabreicht, um Fehler zu vermeiden. Während akute Schmerzen aggressiv angegangen werden können, ist die Behandlung von chronischen Schmerzen sehr schwierig, zumal diese Art von Schmerz über Jahre oder gar Jahrzehnte andauern können. «Zum Teil müssen diese Patientinnen und Patienten mit einem gewissen Schmerz leben lernen», erklärte Monika Jaquenod-Linder. «Dabei ist körperliche Aktivität etwas vom Wichtigsten, weil dies die entzündlichen Schmerzen bekämpft.» Tumor- oder Palliativschmerz wiederum könne exzellent behandelt werden. Eine Schmerzpumpe, wie sie in der ambulanten Behandlung zum Einsatz kommt, wird mit den nötigen Medikamenten bestückt, der Patient oder die Patientin kann auf Knopfdruck eine zusätzliche Dosis auslösen, falls die Schmerzen zunehmen.
«Das Sterben an sich können wir den Patienten nicht nehmen, wohl aber die Symptomlast.» Monika Jaquenod-Linder, Schmerzspezialistin

«Gerade am Lebensende haben viele Menschen Angst, unter Schmerzen sterben zu müssen, wie kann man ihnen helfen?», fragte Sabine Arnold im weiteren Gesprächsverlauf. Diese Angst könne man lindern, und das sei so wichtig, betonte die Schmerzspezialistin. «Das Sterben an sich können wir den Patienten nicht nehmen, wohl aber die Symptomlast.»
Gegenüber der terminalen Sedation, die zunehmend häufiger gemacht wird, zeigte sich Jaquenod-Linder kritisch. Es gebe sicher eine Grauzone, möglicherweise würden Patienten in Spitälern häufiger terminal sediert. «Wir fällen einen solchen Entscheid im Team und halten uns an strenge Richtlinien.» Terminal sediert werde höchstens dann, wenn man andere Symptome nicht mehr beherrschen könne. Während Schmerzen oder Atemnot gut zu behandeln seien, sei das bei einem Delir eher schwierig. «Praktisch alle Patientinnen und Patienten sind bereit zu gehen, wenn am Lebensende die Angst weicht», beantwortete die Ärztin die Frage, ob Sterben wehtue und plädierte dafür, diesen Prozess auf keinen Fall zu stören, indem man etwa die Ambulanz rufe. «Halten Sie als Angehörige den sterbenden Menschen in den Armen und sprechen Sie mit ihm oder ihr.» Sie sei jedes Mal tief berührt, wenn sie erlebe, wie am Lebensende Ruhe und Frieden einkehrten.

Muskeln trainieren – auch bei einer Krankheit
Zum Schluss machte sich Monika Jaquenod-Linder stark für eine Lebensweise gegen den Schmerz. «Menschen sind muskulär getragene Wesen, entsprechend müssen Muskeln trainiert werden.» Ein Leben ohne regelmässige sportliche Aktivität sei ein schlechtes Leben. Sich zu schonen sei selbst im Falle einer Krankheit ein grosser Fehler. Mit eine grosse Rolle spiele auch die Ernährung. Abends solle man wenig essen und nachts schon gar nicht, mit zunehmendem Alter werde die Proteinzufuhr immer wichtiger, um den Muskelaufbau zu fördern. «Nur jammern gegen den Schmerz ist wenig hilfreich», so die Schmerzspezialistin weiter. Im Gespräch könne man durchaus an die Selbstverantwortung plädieren und fragen, was der oder die Betroffene selbst gegen den Schmerz unternimmt. «Die Erfahrung zeigt: Die einen kommen mit ins Boot, die anderen sind verloren.»
palliative zh+sh, gme