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Politischer Anstoss für ein Kinderhospiz

Politischer Anstoss für ein Kinderhospiz

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Soll der Kanton Zürich in Sachen Kinderhospiz zum Vorreiter werden? Das will Nick Glättli mit einer Einzelinitiative erreichen. (Symbolbild: stock.adobe.com - Photographee.eu)

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Nick Glättli reichte im Zürcher Kantonsrat eine Einzelinitiative für ein Kinderhospiz ein. (Bild: zvg)

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03. Juni 2020 / Politik
Nach wie vor fehlt in der Schweiz ein Hospiz, das den Bedürfnissen Kindern und Jugendlichen in Palliativsituationen gerecht wird. Im Kanton Zürich kommt nun Bewegung in die Sache. Der erst zwanzigjährige Nils Glättli will mit einer Einzelinitiative ein Kinderhospiz auf politischem Weg anstossen. Im Interview erklärt der politisch engagierte Student seine Beweggründe.

Der Kantonsrat hat letzte Woche Ihre Einzelinitiative für ein Kinderhospiz im Kanton Zürich mit 79 Stimmen an den Regierungsrat überwiesen. Nötig gewesen wären 60 Stimmen. Hatten Sie so viel Support erwartet?
Nick Glättli: Ich hatte schon damit gerechnet, weil ich im Vorfeld mit verschiedenen Fraktionen Kontakt aufgenommen hatte. Das war mir wichtig, denn ansonsten läuft man mit einer Einzelinitiative gern Gefahr, dass man scheitert. Mit dieser intensiven Lobbyarbeit war ich mir relativ sicher, dass die 60 Stimmen zustande kommen werden. Nervös war ich natürlich trotzdem, als ich meinen Antrag präsentiert im Kantonsrat habe (lacht).



Haben Sie bestimmte Vorstellungen, wie ein solches Kinderhospiz aussehen könnte? Und wo stehen könnte?
Was die Örtlichkeit betrifft, habe ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht. Ich weiss zu wenig Bescheid über Immobilien im Kantonsbesitz, die frei stehen. Vielleicht ergeben sich freie Räumlichkeiten durch den Umzug des Kinderspitals in Zürich. Es ist aber auch davon abhängig, wie ein solches Kinderhospiz ausgestaltet werden soll. Ich kann mir verschiedene Szenarien vorstellen, etwa ein rein staatlicher Betrieb oder die Zusammenarbeit mit Privaten. Mein Vorschlag ist grundsätzlich nicht detailliert ausgearbeitet, was von der GLP-Fraktion auch bemängelt wurde. Aber ich habe das bewusst so gehalten, weil ich der Kommission und der Regierung beispielsweise in Bezug auf die Finanzierung und auch den Aufbau möglichst viel Spielraum gewähren wollte. Ich finde es richtig, dass der Kanton selbst entscheiden kann, ob er eine rein kantonale Lösung anstreben oder allenfalls mit anderen Kantonen zusammenarbeiten will. Auf jeden Fall ist der Einbezug von Fachpersonen nötig. Ich kann mir gut vorstellen, dass man zunächst eher klein beginnt und das Kinderhospiz dann nach und nach entwickelt.
«In Deutschland ist das Angebot bereits recht gut ausgebaut, und auch Österreich ist weiter als wir.»


In Deutschland gibt es 17 Hospize für Kinder und Jugendliche. Haben Sie Vergleiche mit dem Ausland in Ihre Überlegungen miteinbezogen?
Mein erster Kontakt mit dem Thema Palliative Care hatte ich während meinem Zivildienst, den ich im Zürcher Waidspital auf der Abteilung für Akutgeriatrie und Palliative Care geleistet habe. Das hat mir gezeigt, wie wichtig diese Arbeit ist. In dieser Zeit erzählte mir meine Freundin, dass in der Schweiz kein Hospiz für Kinder existiert, die eine palliative Betreuung benötigen. Das schockierte mich ziemlich, weil ich davon ausging, dass in der reichen Schweiz mit Sicherheit eine solche Einrichtung existiert. Für mich war klar, dass ich mich einsetzen will, um das zu ändern und begann, mich umzuschauen. Als ich die Angebote mit dem Ausland verglich, war ich ziemlich ernüchtert. In Deutschland ist das Angebot bereits recht gut ausgebaut, und auch Österreich ist weiter als wir.

Seit etlichen Jahren versucht auch die Stiftung Kinderhospiz Schweiz ein Kinderhospiz auf die Beine zu stellen.
Es ist ja auch wirklich nicht einfach. Deshalb kam ich auf die Idee, das Ganze politisch beim Kanton anzustossen. Wenn man von privater Seite ein solches Projekt angehen will und oftmals auch aufgrund von behördlichen Hürden nicht weiterkommt, ist es sinnvoll, einen anderen Weg zu wählen und so vielleicht eine Zusammenarbeit erwirken kann.
«Das Kinderhospiz ist auch eine Chance dem Personalmangel in der pädiatrischen Palliative Care entgegenzuwirken.»

Die leitende Ärztin für Palliative Care am Kinderspital Zürich, Eva Bergsträsser, sagte uns in mehreren Interviews, dass es in der Schweiz vor allem an palliativ-ausgebildeten Fachpersonen für Kinder mangelt und dass ein Kinderhospiz immer am falschen Ort stehen würde. Was glauben Sie, ist heute anders?
Das kann ich verstehen. Aus meiner Sicht ist diese Ausgangslage herausfordernd, aber kein Hindernis. Ich sehe auch, dass ein solches Angebot überregional sein muss. Der Kanton Zürich hat den grossen Vorteil, dass er nicht nur regional, sondern auch schweizweit eine gute Anbindung hat. Einen langen Anfahrtsweg muss man aber sicher im Konzept berücksichtigen, etwa, dass Eltern im Hospiz übernachten können. Das Kinderhospiz ist auch eine Chance dem Personalmangel in der pädiatrischen Palliative Care entgegenzuwirken. Mit einem solchen stationären Kompetenzzentrum, könnte man dort sowohl Ärzte als auch Pflegepersonal ausbilden.

Sie sind 20 Jahre alt. Wie kommt es, dass Sie sich mit diesen Themen beschäftigen? Weshalb haben Sie Ihren Zivildienst in der Palliative Care geleistet?
Im Zivildienst sucht man sich die Anstellung selbst aus und muss sich auch entsprechend dafür bewerben. Was mich an dieser Tätigkeit gereizt hat, war einerseits die sehr breite Fächerung der Aufgaben, also nicht einfach nur «Käfele» mit den alten Menschen, sondern auch unterstützend mitwirken, beispielsweise bei der Physiotherapie. Ich hatte mich zuvor nicht gross mit Altersmedizin beschäftigt, umso besser gefiel mir die Idee. Im Rückblick hat sich diese Arbeit mehr als gelohnt und war sehr prägend für mich, diesen Umgang mit den älteren und kranken Menschen zu haben, zu sehen, wie manche wieder richtig aufblühten. Und ich habe auch erkannt, wie wichtig Palliative Care ist, wenn man an dem Punkt ist, wo es nicht mehr darum geht, gegen die Krankheit anzukämpfen, sondern auf die Lebensqualität fokussiert.

Und wie werden Sie das Projekt weiterverfolgen, bis die Antwort vom Regierungsrat kommt?
Jetzt gilt es abzuwarten, wie der Regierungsrat darauf reagieren wird. Wenn das Geschäft in die Kommission kommt, werde ich mehr Spielraum haben, um die weitere Arbeit zu unterstützen.
palliative zh+sh, Gabriela Meissner